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Komplett überaltert: Viele Internetleitungen in Deutschland sind noch immer alte Kupferkabel.

Breitbandausbau

Bayern holt auf beim schnellen Internet

München - Die Zahl der Haushalte im Freistaat, die über DSL- oder noch schnellere Anschlussarten verfügen, wächst rasant. Fortschritte beim Netzausbau gibt es insbesondere in Oberbayern. In ländlichen Gebieten herrscht dagegen oft noch digitale Diaspora.

Bayern holt beim Ausbau des schnellen Internets rasant auf, liegt aber bei der Verfügbarkeit von Breitbandanschlüssen noch immer leicht unter dem Bundesdurchschnitt. Auch wenn in manchen ländlichen Regionen große Fortschritte erzielt wurden, stellen niedrige Übertragungsraten neben privaten Internetnutzern auch noch immer viele Unternehmen vor Probleme. Das sind die wichtigsten Ergebnisse einer unser Zeitung vorliegende rund 80 Seiten langen Studie der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw). „Bayern konnte sowohl in städtischen als auch in ländlichen Gebieten beim Breitbandausbau Erfolge erzielen“, so der Tenor der Untersuchung.

So stieg der Anteil der bayerischen Haushalte, die bei ihrem Internetanschluss auf Bandbreiten von mindestens 50 Megabit pro Sekunde zurückgreifen können, von Ende 2012 bis Mitte 2014 von 43,7 Prozent auf 62,4 Prozent. Damit lag die Breitbandquote bayernweit nur mehr 1,7 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt – im Winter 2012 lag der Abstand noch bei 11,3 Prozent. In den Städten des Freistaats stand zuletzt gut neun von zehn Haushalten ein Breitbandanschluss zur Verfügung.

Digitale Diaspora herrscht dagegen oft noch immer abseits der Städte. Im ländlichen Raum konnte im vergangenen Sommer der Studie zufolge nur jeder Vierte bei Bedarf auf ein schnelles Internet zurückgreifen. Für die restlichen Haushalte standen keine geeignete Leitungen oder W-Lan-Netze zur Verfügung. Allerdings war auf dem Land das Wachstum besonders rasant: Durch die bisherigen Anstrengungen von Freistaat, Gemeinden und vor allem mehrerer Telekommunikationsunternehmen gelang es, die Breitbandquote von Ende 2012 – nur kümmerliche zehn Prozent – bis Mitte 2014 mehr als zu verdoppeln. Und das, obwohl die Forscher konstatieren, dass „die Erschließung des ländlichen Raums besonders kostenintensiv ist“.

Insbesondere in vielen südbayerischen Regionen verbesserte sich die Netzqualität. Besonders stark wuchs die Breitbandversorgung laut der Untersuchung seit 2012 etwa in Olching, Gröbenzell und Pfaffenhofen. Ebenso ein dickes Plus gab es beispielsweise in Bad Tölz, Holzkirchen, Rottach-Egern, Garmisch-Partenkirchen und Teilen des Chiemgaus. Zulegen konnte – auch dank des Engagements eines privaten Anbieters – vor allem die Region um Traunstein.

Die Forscher weisen jedoch darauf hin, dass zum Ausbau des DSL- und VDSL-Netzes in einigen oberbayerischen Ortschaften Übertragungs-Technologien verwendet werden, die in Zukunft schnell überlastet sein könnten, wenn die transportierte Datenmenge allzu sehr ansteigt – die Nutzer hätten dann schnell wieder Internet im Schneckentempo.

Für die Untersuchung erhoben Forscher des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in großen Umfang Daten über den bayernweiten Netzausbau, befragten 500 Unternehmen im Freistaat und fügten Ergebnisse bereits veröffentlichter Studien hinzu. Besonders erfolgreich war Bayern der Studie zufolge beim Ausbau der drahtlosen Technologien: Als Folge wuchs die Zahl der Haushalte, die auf Wunsch mit einer Geschwindigkeit zwischen sechs bis 16 Megabit in der Sekunde surfen können, in nur eineinhalb Jahren von 42,7 bis Mitte 2012 auf immerhin 68,1 Prozent an.

Doch noch immer jeder 50. Bayer abseits der Städte muss mit einer Geschwindigkeit von weniger als ein Mbit in der Sekunde surfen. Und auch Teile der hiesigen Wirtschaft kritisieren den Status quo scharf: 17,8 Prozent der im Auftrag der vbw befragten Unternehmen sind „sehr unzufrieden“ mit ihrem Breitbandzugang – in der Industrie ist es sogar jeder fünfte Betrieb. Beinahe eines von 25 Unternehmen hat nicht einmal einen Breitbandzugang. Ein Viertel der befragten Firmen sagen, sie könnten aufgrund mangelhafter Breit-band-Anbindung bestimmte internetgestützte Anwendungen nicht nutzen.

Gut 90 Prozent der bayerischen Unternehmen sehen in einer guten Breitbandinfrastruktur eine wesentliche Grundlage für ihren künftigen Erfolg. Im internationalen Vergleich liege der Freistaat und Deutschland in der Breitbandversorgung noch immer hinter den wichtigsten Konkurrenten in Asien und Nordamerika zurück, resümiert Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw. Für ihn ist klar: „Für die künftige Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Bayern ist eine flächendeckende und leistungsfähige Breitbandinfrastruktur essenziell.“ Deshalb brauche man bis spätestens 2020 in allen Teilen des Freistaats eine Versorgung mit 100 Megabit pro Sekunde. „Nur so können bayerische Unternehmen die Chancen der Digitalisierung nutzen und weiterhin erfolgreich auf dem Weltmarkt agieren“, ist Brossardt überzeugt.

Die meisten bayerischen Firmen ziehen aber bereits heute eine vorsichtig positive Bilanz: 43,3 Prozent der Unternehmen sind „eher zufrieden“, 16,8 Prozent sogar „sehr zufrieden“ mit ihrem Breitbandanschluss.

Ärger gibt es der repräsentativen Umfrage zufolge aber insbesondere bei kleinen Betrieben – von den Großunternehmen beurteilten dagegen etwas mehr als zwei Drittel die Geschwindigkeit ihres Netzes tendenziell positiv. Ein Grund dafür: 41 Prozent aller befragten Firmen haben mittlerweile eine unternehmenseigene Standleitung. „Eigene Standleitungen sind oftmals mit deutlich höheren Kosten verbunden, die gerade kleine und mittlere Unternehmen nicht stemmen können“, weiß Brossardt. Da zwei Drittel aller Industriebeschäftigten im Freistaat im ländlichen Raum arbeiteten, sei der schnelle Breitbandausbau Wirtschafts- und Regionalpolitik zugleich. „Ein Hochtechnologiestandort wie Bayern muss für alle eine gute Versorgung bereitstellen“, fordert der vbw-Mann.

Nachdem Bayern hier noch bis vor einiger Zeit zu den Nachzüglern gehörte, hat die Staatsregierung ihre Anstrengungen zuletzt massiv ausgeweitet: Im vergangenen Jahr kündigte Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) an, bis zum Jahr 2018 bis zu 1,5 Milliarden Euro für die Kommunen an Förderung bereitzustellen – mehr als jedes andere Bundesland. Vier Fünftel aller bayerischen Gemeinden befinden sich laut vbw bereits im Förderverfahren.

Nun will Schwarz-Rot nachlegen: Die Bundesregierung plant deutschlandweit allein 2015 eine Milliarde Euro in den Netzausbau zu investieren.

Von Tobias Lill

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