Bayern schafft Lehrstellen-Überschuss

München - Arbeitsagentur und Wirtschaft bejubeln einen rasanten Aufschwung bei den Lehrstellen. In Bayern sind fast alle Bewerber für das laufende Ausbildungsjahr vermittelt worden - zumindest in Qualifizierungsmaßnahmen. Es zeigt sich aber eine Problem-Schicht, der kaum zu helfen ist.

In Deutschland sind bis 30. September 2007 - also zum Beginn des Lehrjahres - 626 000 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen worden. Das war knapp ein Zehntel mehr als im Vorjahr, wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) mitteilte. In den folgenden Monaten wurden weitere junge Menschen untergebracht. Anfang Januar standen 11 300 Bewerber in Deutschland ohne Ausbildungsplatz da, wobei es auch noch 4200 freie Stellen gab und ein Vielfaches davon an sogenannten Einstiegsqualifizierungen. "Die Ausbildungssituation hat sich deutlich verbessert", erklärte BA-Vorstandsmitglied Raimund Becker. Und das gilt besonders für Bayern.

Im Freistaat waren gut 108 000 Menschen als Bewerber um einen Ausbildungsplatz gemeldet. Nur gut 3000 blieben zu Beginn des Ausbildungsjahres unvermittelt. Gleichzeitig standen aber noch 5700 Lehrstellen offen. "Erstmals seit 2002 haben wir wieder ein Überangebot an Ausbildungsstellen", erklärte Rainer Bomba, Chef der Regionaldirektion Bayern bei der BA. Reinhard Dörfler, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern, sprach von einem "sehr, sehr guten Ausbildungsjahr". Dies sei Ergebnis der guten Konjunktur, aber auch erheblicher Anstrengungen der Unternehmen.

Die Nachvermittlung der 3000 Übriggebliebenen zeigt, wo den Bemühungen Grenzen gesetzt sind. Fast die Hälfte der Kandidaten, die von der BA zur Nachvermittlung eingeladen worden waren, erschien nicht - die meisten davon unentschuldigt. Immerhin rund 700 wurden in einer Ausbildung oder einer anderen Erwerbstätigkeit untergebracht. Etwa 900 entschieden sich für Schule oder Praktika, traten in Wehr- oder Zivildienst ein oder landeten in Fördermaßnahmen zur Qualifizierung. Von weiteren 900 erfuhr die Agentur nichts mehr - Verbleib unklar. So blieben bis zuletzt 448 unversorgte Bewerber. "Das sind allerdings nicht die leichtesten", beklagte Bomba. "Auch wenn Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen, auch wenn Maßnahmen da sind, ist es schwierig, diese Menschen zu vermitteln." Auch IHK-Chef Dörfler kritisiert: "Mit einem Teil der Klientel tun wir uns sehr schwer." Das beginne oft schon damit, dass die Jugendlichen telefonisch nicht mehr erreichbar seien oder eine Ausbildung schlicht ablehnten. Bernd Lenze, Hauptgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der bayerischen Handwerkskammern, sieht als Ursache dafür auch "Integrationsdefizite" von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. So seien etwa im islamischen Raum Handwerksberufe schlechter angesehen als Handelstätigkeiten. "Wenn ein Jugendlicher bei seinem Onkel im Gemüseladen aushilft, gilt das teilweise als höherwertig als eine solide Ausbildung im Handwerk." Dörfler fordert: "Wir müssen schon in den Elternhäusern, Kindergärten und Schulen das Bewusstsein schaffen, dass eine Ausbildung sinnvoll ist."

Mit 448 hat Bayern die wenigsten unvermittelten Bewerber aller Bundesländer. "Die Entwicklung ist nicht schlecht", urteilt Heide Langguth, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bayern. "Aber wir haben auch noch große Probleme." Insgesamt befänden sich rund 11 000 Jugendliche in der Warteschleife - etwa in Qualifizierungsmaßnahmen. "Das sind Jugendliche, die eigentlich einen Ausbildungsplatz wollten, aber keinen bekommen haben. Noch ist der Ausbildungsmarkt nicht in Ordnung." Für 2008 strebt Bomba statistisch die Vollversorgung der Bewerber an. Es stünden 160 Millionen Euro für ausbildungsfördernde Maßnahmen zur Verfügung. "Wir haben genug Geld und genug Maßnahmen, damit 2008 keiner übrig bleibt."

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