Bayerns neuer Bier-Löwe

- Oettingen - Günther Kollmar steht vom Besprechungstisch in seinem Büro auf, greift auf einen Schrank zwischen Dosen, Krüge und Flaschen. "Da habe ich was Nettes", sagt er und präsentiert einen alten Keramik-Aschenbecher, in dessen Mitte ein Löwe die Pranken zeigt. "Löwenbräu - Größte Brauerei Bayerns" steht darauf. "Tempora mutantur, so ändern sich die Zeiten", raunt Kollmar.

<P>Die größte Brauerei Bayerns steht nicht mehr in der Bier-Metropole München, sondern hinter Kollmars Büro im 5000-Einwohner-Dorf Oettingen: 130 Kilometer vom Oktoberfest entfernt, nahe der "Romantischen Straße" zwischen Augsburg und Nürnberg. Kollmar ist der Senior-Chef. Seiner Familie gehört die Brauerei. Fast ein Viertel der gesamten bayerischen Bier-Produktion stammt von hier. Oettinger ist seit vergangenem Jahr das meistgetrunkene Bier Deutschlands. Und ein Name, der gestandene Brauer zusammenzucken lässt.<BR><BR>4,99 Euro - das ist das Hauptverkaufsargument von Oettinger. Der Kasten Helles kostet etwa halb so viel wie bei Münchner Brauereien. Damit liegt Oettinger im Trend. Das Einwegpfand hat Dosenbier aus den Supermarkt-Regalen gedrückt. Die Alternative in dieser Preisklasse war vielerorts Oettinger. Zudem kaufen immer mehr Menschen in Deutschland billig ein. Einer Studie des Beratungsunternehmens Ernst & Young zufolge wird sich der Biermarkt bis 2015 spalten: Das - gerade in Bayern - starke mittlere Preissegment bricht demnach ein. Nachgefragt werden teure und billige Produkte. 2015 seien über 40 Prozent des Marktes besetzt von Billig-Bier.<BR><BR>Es ist der Begriff, der Kollmar wütend macht. "Wir sind nicht billig. Das ist ein Versuch der Abqualifizierung. Billig-Bier gibt es nicht", stellt er fest. "Es gibt Bier, das unter Kostenausgrenzungen produziert wird. Das ist genauso gut. Es wird anders vermarktet und kann deshalb billiger den Endverbraucher erreichen." Kollmar spricht von der "Preis-Eingangsstufe". Und davon, dass die anderen das eben nicht könnten, zum Beispiel weil sie zu klein seien.<BR><BR>"25 Prozent vom bayerischen Bierausstoß. So macht man sich beliebt."<BR>Oettinger-Chef Günther Kollmar<BR><BR>An beiden Ortseingängen von Oettingen ragen die silbergrauen Silos der Brauerei auf. Die "Braustätte Süd" ist schon vom drei Kilometer entfernten Nachbardorf aus zu sehen. Kürzlich waren 360 Fachleute da, um die Hightech-Anlage zu besichtigen. "Aus aller Welt", betont Kollmar, während er an Sudkesseln entlangschreitet, die noch strahlender glänzen als der Boden. "Läuft alles automatisch", erklärt der Senior-Chef. "Wenn Sie in so einem Bereich zwei Beschäftigte haben und ein anderer braucht fünf. Dann braucht der andere eben drei zu viel." Eine Großbrauerei habe ihm Arbeitsplatzvernichtung unterstellt, ereifert sich der 67-Jährige. Nur weil Oettinger produktiver arbeite. Das Unternehmen beschäftigt rund 1100 Menschen. Als die Kollmars Ende der 1950er-Jahre die Brauerei übernahmen, hatte sie acht Mitarbeiter. Damals produzierte man gut 5000 Hektoliter im Jahr. Heute wird jeden Tag allein in Oettingen mehr als die dreifache Menge hergestellt. "Wenn Sie das mit 300 Arbeitstagen multiplizieren, kommen Sie auf gut fünf Millionen Hektoliter. Das sind fast 25 Prozent vom bayerischen Bierausstoß. So macht man sich beliebt", so Kollmar.<BR><BR>Dazu kommen die Biermassen, die aus den anderen vier Braustätten in Gotha, Dessow, Schwerin und Mönchengladbach auf den deutschen und über 30 ausländische Märkte strömen. Auch das dort hergestellte Bier darf als "Oettinger" verkauft werden. Das hat die Brauerei vor dem Europäischen Gerichtshof durchgesetzt. Sie muss nur den Hinweis aufdrucken "Gebraut in . . ." Ohne diese Entscheidung hätte das Geschäftskonzept gewackelt.<BR>Die Marke und ihr Wiedererkennungswert sind die Basis für Oettinger. Werbung spart sich die Brauerei. "Unsere Werbung steht auf dem Tisch", sagt Kollmar und packt eine Flasche mit dem verschnörkelten Schriftzug "Original Oettinger". Überall in Deutschland gibt es das Bier. Und überall kann das Leergut zurückgegeben werden. Um jede Region zu bedienen, produziert man 16 Sorten - von Alt bis Weißbier, alles Oettinger. Insgesamt 6,4 Millionen Hektoliter im Jahr. Die zuvor führende Marke Krombacher dürfte auf etwa 5,5 Millionen Hektoliter kommen. 180 Lkw mit silber-blauer Oettinger-Bemalung fahren von den Braustätten sowie dem Zentrallager in Walldorf zu Supermärkten und Getränkehändlern. Oettinger umkurvt so Groß- und Zwischenhändler und spart mehrere Euro pro Kasten, rechnet Kollmar vor.<BR><BR>Michael Weiß, Präsident des Bayerischen Brauerbundes, hat kürzlich beklagt, dass die Kosten der Branche gestiegen seien und den Verbrauchern, deren Lust auf Bier seit Jahren nachlässt, der Wert des traditionsreichen Getränks vermittelt werden müsse. Der Verband will Bier-Vielfalt und Qualität stärker bewerben. "Ich bin wirklich froh, dass es diese Bierkultur in Bayern gibt", sagt Kollmar. Er will heuer den Absatz um bis zu sieben Prozent oder 450 000 Hektoliter steigern. Davon leben im Durchschnitt 13 Brauereien in Bayern.</P>

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