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Deutsch lernen für den Arbeitsmarkt: Ein Pilotprojekt der bayerischen Wirtschaft soll 120 Flüchtlinge für das Berufsleben schulen.

Arbeitsmarkt

Bayerns Wirtschaft rekrutiert Flüchtlinge

München - Bayerns Wirtschaft will Flüchtlinge für die Arbeit in heimischen Betrieben schulen. Ein ehrgeiziger Modellversuch mit 120 Asylbewerbern ist gestern gestartet. Ob das Konzept erfolgreich ist, zeigt sich Ende Februar.

Flüchtlinge in Bayern sollen dem Arbeitsmarkt schneller zur Verfügung stehen. Das ist das Ziel eines Projekts, das die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), das bayerische Arbeitsministerium und die Bundesagentur für Arbeit derzeit testen. Rund eine Million Euro geben die Verbände und Behörden für das Projekt aus. Der Modellversuch wird in München, Nürnberg, Regensburg, Augsburg und Mainburg durchgeführt.

„Das Projekt ist in dieser Konstellation bundesweit einmalig“, sagt Markus Schmitz, Chef der Regionaldirektion Bayern bei der Bundesagentur für Arbeit. 120 Flüchtlinge werden seit gestern für ein neunmonatiges Schulungsprogramm ausgewählt. Ab Juni sollen die Flüchtlinge die deutsche Sprache lernen, Lehrwerkstätten besuchen, Betriebe kennenlernen und – wenn alles glatt läuft – Ende Februar dem bayerischen Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. „Je früher Flüchtlinge mit Arbeitgebern in Verbindung kommen, desto besser“, sagt Schmitz.

Was jetzt noch ein Laborversuch der bayerischen Wirtschaft ist, könnte eines Tages über Bayern hinaus Schule machen. Noch ließe sich aber nicht beziffern, wie viele Flüchtlinge nach Abschluss der Projektphase von dem Schulungsprogramm profitieren könnten. Der Arbeitsmarktexperte Schmitz sieht aber einen entscheidenden Vorteil: Das Projekt biete einen Einstieg in den Arbeitsmarkt, der „schnell und unbürokratisch“ sei.

Fest steht: Mit dem Programm wollen Wirtschaft und Freistaat zwei Probleme auf einmal lösen. Im Ministerium hofft man, bei einem Erfolg des Projekts die gesellschaftliche Integration von Flüchtlingen erleichtern zu können. Der Arbeitgeberverband vbw hofft, mit der Rekrutierung von Flüchtlingen ein weiteres Instrument gegen den drohenden Fachkräftemangel gefunden zu haben. Die vbw befürchtet, dass bis zum Jahr 2020 in Bayern 230 000 Fachkräfte fehlen werden. Das Potenzial von Asylbewerbern müsse daher „analysiert und genutzt“ werden, heißt es.

Entsprechend ehrgeizig fördert die Wirtschaftsvereinigung das Projekt. Die Umsetzung des Programms übernimmt das nahestehende Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft (bbw). In zwei Stufen wollen die Ausbilder die Flüchtlinge fit für den bayerischen Arbeitsmarkt machen: Zunächst sollen die Asylbewerber einen zweimonatigen Sprachkurs besuchen – finanziert vom bayerischen Arbeitsministerium. Während die Wirtschaft auf künftige Arbeiter hofft, glaubt der Freistaat, mit dem Projekt Flüchtlinge in die bayerische Gesellschaft integrieren zu können: „Immer mehr der Asylbewerber, die bei uns in Deutschland und Bayern Schutz suchen, werden länger oder dauerhaft bleiben“, ist sich Bayerns Arbeitsministerin Emilia Müller (CSU) sicher. Sprache sei dabei der Schlüssel zur Integration und Voraussetzung für die Eingliederung in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt.

Im zweiten Teil des Ausbildungsprogramms wird es für die Flüchtlinge deutlich praktischer: Zwar stehen weiterhin Sprachkurse auf dem Stundenplan, aber anders als im ersten Kurs sollen jetzt Fachvokabeln gelernt werden. Hinzu kommen Pflichtpraktika in externen Betrieben und Schulungen in den Lehrwerkstätten des Bildungswerks. Diesmal übernimmt die Bundesagentur für Arbeit und die vbw die Finanzierung. Ende Februar werden die Experten sehen, ob ihr Modellversuch erfolgreich war.

Sebastian Hölzle

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