Beginn einer Ära: Linde gibt seine Premiere in München

- München - Zwischen den Kunstwerken in der Pinakothek der Moderne hat der Gas-Konzern Linde seine Premiere in München gegeben. Das fast 128 Jahre alte Unternehmen beginnt in Bayerns Landeshauptstadt eine neue Ära, nachdem der größte Konzernumbau seiner Geschichte abgeschlossen ist.

Es war ein ungewöhnliches Ambiente für eine Bilanzpressekonferenz. Während andere Münchner Unternehmen ihre wichtigsten Geschäftszahlen in Hotel-Tagungsräumen präsentieren oder im nüchternen Versammlungssaal im Haus der Bayerischen Wirtschaft, lud Linde zu seiner ersten Bilanz in München in die Pinakothek der Moderne. Konzernchef Wolfgang Reitzle - einstiger BMW-Manager, Professor an der TU München und Mann der Fernsehmoderatorin Nina Ruge - ist nicht nur einer der bestbezahlten Vorstände Deutschlands. Im vergangenen Jahr verdiente er 7,4 Millionen Euro - doppelt so viel wie Siemens-Chef Klaus Kleinfeld. Er war zuletzt auch einer der erfolgreichsten Konzernlenker. Im vergangenen Jahr stieg der Linde-Börsenwert von 7,9 auf 12,6 Milliarden Euro. Damit honorierten die Investoren die radikalste Veränderung, die das Unternehmen je erfahren hat.

Binnen eines Jahres hat Reitzle Unternehmensteile abgestoßen - etwa das Geschäft mit Gabelstaplern - und andere durch Zukäufe gestärkt - zuvorderst die Gas-Sparte, in die der britische Konzern BOC integriert wird. Das Gas-Geschäft bildet - ergänzt nur noch durch Anlagen-Bau - das Rückgrat des Konzerns. Und weil das "schon immer hier war", wie Reitzle sagte, wurde im Herbst auch der Firmensitz nach München verlegt. Hundert Mitarbeiter sind aus der bisherigen Zentrale in Wiesbaden an die Isar gewechselt, wo Linde im kommenden Jahr ein neues Gebäude am Oberanger beziehen will. Derzeit sitzt man in Schwabing.

Auf Basis der neuen Struktur hat Linde im vergangenen Jahr den Umsatz um über 30 Prozent auf 12,5 Milliarden Euro erhöht. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen stieg ähnlich stark auf 2,2 Milliarden Euro. Daran werden die Aktionäre mit einer Erhöhung der Dividende von 1,40 auf 1,50 Euro beteiligt. "In der neuen Aufstellung gehen wir deutlich gestärkt an die vor uns liegenden Aufgaben", erklärte Reitzle. Er will den operativen Gewinn pro Jahr im Schnitt um gut zehn Prozent steigern, damit 2010 die 3 Milliarden Euro geknackt werden.

Der Plan könnte platzen, wenn die Integration der britischen BOC misslänge. Doch Reitzle, der die unglückliche Übernahme des britischen Autoherstellers Rover bei BMW erlebte, gibt sich zuversichtlich: "Ich habe viel gelernt aus früheren Übernahmen. Und das hilft." Ohnehin gehe es nicht darum, BOC eine Linde-Kultur aufzudrücken, sondern angesichts globaler Aktivitäten 40 unterschiedliche Kulturen im Konzern zusammenzubringen zu einer "Performance-Kultur". Die zeichnet sich dadurch aus, "bei allem, was wir tun, möglichst führend zu sein".

Trotz radikaler Portfolio-Politik und harter Leistungskultur sieht Reitzle sein Verhältnis zu den Mitarbeitern als gut an. Da Linde weniger als 10 000 Beschäftigte in Deutschland habe, werde der Aufsichtsrat ab 2008 von 16 auf zwölf Mitglieder verkleinert. Doch das deutsche System der Mitbestimmung, das Betriebsräten und Gewerkschaften die Hälfte der Sitze im Kontrollgremium sichert, lobte Reitzle ausdrücklich: "Die Arbeitnehmervertreter helfen uns enorm. Die konstruktive Begleitung im Aufsichtsrat ist nützlich für uns."

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