"Bei einem Eurokurs von 1,35, dürfte EZB großen Schritt machen"

- Trotz des jüngsten Kurseinbruches könnte der Euro bald wieder neue Rekordstände erreichen, erwartet Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz und Dresdner Bank. Dann wäre die Europäische Zentralbank zu einer Zinssenkung gezwungen. Für Deutschland rechnet Heise mit einem Konjunkturwachstum von zwei Prozent, das sich auch auf den Arbeitsmarkt positiv auswirkt.

<P>EZB-Chef Trichet sprach zuletzt von "brutalen" Kursbewegungen und schwächte den Euro damit. War das das Ende des Höhenflugs?<BR>Michael Heise: Der Kurseinbruch war keine Trendwende. Ich könnte mir Kurse von 1,30 oder 1,35 Dollar in einigen Wochen vorstellen. Die US-Notenbank wird ihre Niedrigzins-Linie nicht verlassen. Sie will die EZB dazu bringen, auch etwas zu tun für den weltweiten Aufschwung und die Zinsen hier zu senken. Außerdem will sie mit billigem Geld in den USA verhindern, dass die Haushalte in die Überschuldung geraten, weil sich ihre Kredite extrem verteuern. Und die Märkte wollen Taten von der EZB sehen, Verbal-Interventionen reichen nicht aus.</P><P>Wann müsste die EZB reagieren und wie groß sollte ein Zinsschritt sein?<BR>Heise: Die EZB ist in einer schwierigen Situation. Binnenwirtschaftlich ist keine Zinssenkung geboten, aber bei einem Euro von 1,35 dürfte sie doch handeln _ und zwar mit einem größeren Schritt.</P><P>Befürchten Sie eine Abschwächung des Konjunktur-Wachstums in Deutschland wegen der Euro-Stärke?<BR>Heise: Wir erwarten derzeit ein Wachstum von 2,0 Prozent für 2004. Wenn der Euro dauerhaft bei 1,30 Euro ist, müssen wir allerdings einen Abschlag von einem halben Prozentpunkt kalkulieren.</P><P>Selbst 2 Prozent Wachstum reichen aber noch nicht, um auch auf dem Arbeitsmarkt positive Effekte auszulösen.<BR>Heise: Doch. Die Beschäftigungsschwelle in Deutschland ist auf ein Prozent gesunken. Die Arbeitsmarktreformen - etwa Ich-AG, Minijob-Regelungen und weitere - werden in der öffentlichen Diskussion unterschätzt. Es gibt zum Beispiel mehr Lohnflexibilität. Das trägt dazu bei, dass die Beschäftigungsschwelle sinkt und schon früher neue Arbeitsplätze entstehen. Die deutsche Reformpolitik ist besser als ihr Image. Wir erwarten, dass Ende 2004 etwa 200 000 Menschen weniger arbeitslos sind, als noch Ende 2003.</P><P>Lässt sich diese optimistische Einschätzung für Konjunktur und Arbeitsmarkt auch auf die Börsenentwicklung übertragen?<BR>Heise: Wir glauben, dass die europäischen Aktien derzeit noch etwa zehn Prozent unterbewertet sind. Die Risikoeinschätzung der Märkte hat stark abgenommen. Das wird die Kurse weiter nach oben tragen, bevor eine Korrektur kommt.</P><P>Gestern hat der Mannesmann-Prozess begonnen, bei dem hochrangige Wirtschaftsvertreter vor Gericht stehen. Experten befürchten dadurch einen Schaden für den Standort Deutschland.<BR>Heise: Ich sehe keinen volkswirtschaftlichen Schaden. Schon die Eröffnung des Verfahrens zeigt, dass solchen Verdachtsmomenten mit rechtsstaatlichen Mitteln nachgegangen wird. Im Übrigen wächst auch im Ausland die Kritik an übermäßigen Abfindungen, wie sich etwa im Fall des ehemaligen New Yorker Börsenchefs Richard Grasso zeigt.</P><P>Das Gespräch führten Georg Anastasiadis und Dominik Müller.</P>

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