Die beiden Seiten der Sonne

München - Hohe Kosten, wenig Leistung – die Solarförderung steht erneut in der Kritik. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) fordert eine radikale Kürzung. Die Solarbranche warnt vor einem massiven Stellenabbau.

Es ist schon fast ein festes Ritual: Kaum liegen neue Zahlen für den Solarausbau vor, entflammt in der schwarz-gelben Koalition ein Streit über die Höhe der Solarförderung. 2011 war das so – und jetzt wieder. Die Förderung habe sich in ihrer jetzigen Form überlebt, wetterte Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP). „Das sprengt auf Dauer das System.“ Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) lehnte Änderungen zunächst ab. Nach einem Spitzengespräch zeigte sich der Minister nun doch zu Korrekturen bereit.

Auslöser für die hitzige Debatte ist eine einzige Zahl: 7500 Megawatt. So hoch ist die Gesamtleistung der Photovoltaik-Anlagen, die 2011 neu ans Netz gingen. Der Solarausbau in Deutschland erreicht damit eine neue Rekordmarke. In der Koalition hält sich die Begeisterung jedoch in Grenzen. Der Grund: Für jede neue Anlage garantiert der Staat über 20 Jahre eine großzügige Förderung. Für Solarstrom vom Hausdach gibt es derzeit zum Beispiel 24,43 Cent je Kilowattstunde, für Windstrom an Land rund neun Cent. Die Differenz zwischen dem Vergütungssatz und dem Marktpreis des Stroms zahlen die Verbraucher über die Ökostromumlagen.

Und die Belastung steigt und steigt. Allein für 2011 summiert sich die Förderung für erneuerbare Energien auf etwa 13,5 Milliarden Euro. Manuel Frondel, Energieexperte beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) warnt daher vor einem gigantischen Subventionsberg, den die Stromkunden in den nächsten Jahren mühsam abtragen müssen. „Werden alle bereits eingegangenen Förderverpflichtungen zusammengerechnet, ist die Marke von 100 Milliarden Euro jetzt überschritten.“

Die Zahl schreckt auch die Regierung auf. Um die Verbraucher nicht übermäßig zu belasten, hat die Koalition das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mehrfach überarbeitet und die Förderung drastisch gekürzt. So halbierte sich die Vergütung für Dachanlagen seit 2008 von 47,75 Cent pro Kilowattstunde auf jetzt 24,43 Cent. Schwarz-Gelb führte zudem den „atmenden Deckel“ ein. Danach wird die Einspeisevergütung halbjährlich angepasst – abhängig von der installierten Leistung. Derzeit liegt die EEG-Umlage, mit der sich alle Stromkunden an der Energiewende beteiligen, bei 3,5 Cent pro Kilowattstunde. Einen Durchschnittshaushalt kostet die Umlage rund 125 Euro im Jahr.

„Der atmende Deckel ist katastrophal gescheitert“, kritisiert RWI-Forscher Frondel. So seien die Preise für Solarmodule weit schneller gefallen als die staatliche Förderung. Wegen des massiven Ausbaus der Solaranlagen in Deutschland rechnet Frondel im Herbst mit einem Anstieg der EEG-Umlage von derzeit 3,5 Cent auf bis zu 4,7 Cent pro Kilowattstunde im Jahr 2012. Frondel fordert daher, die Förderung der erneuerbaren Energien sofort zu stoppen. „Zunächst müssen wir den Netzausbau vorantreiben. Es macht wenig Sinn, riesige Windparks neu zu errichten, wenn Leitungen fehlen, um den Strom vom Norden nach Süden zu bringen.“

Andreas Hänel, Vorstandsvorsitzender der Phoenix Solar AG, fühlt sich zu Unrecht am Pranger. Das Unternehmen mit Sitz in Sulzemoos bei Dachau baut Solarkraftwerke – von der Kleinanlage für Privathaushalte bis zum Großprojekt. „Die Photovoltaik ist längst nicht so teuer, wie die Politik behauptet“, sagt Hänel. Bereits 2013 würden Solaranlagen auf Freiflächen Strom für deutlich unter 15 Cent pro Kilowattstunde liefern – und damit auf dem gleichen Niveau wie Offshore-Windkraftanlagen.

Hänel warnt davor, die Solarenergie bewusst schlechtzureden. „Keine andere erneuerbare Energie ist zuletzt so stark gewachsen wie Photovoltaik und keine hat die Kosten so schnell gesenkt.“ Innerhalb der nächsten zwölf Monate werde der Anteil der Solarenergie an der Stromerzeugung auf vier Prozent steigen. Derzeit liegt der Anteil bei drei Prozent – und damit hinter Wind (8 %) und Biomasse (5 %, siehe Grafik).

Als Ablenkungsmanöver bezeichnet Hänel die Kritik der Liberalen an der steigenden EEG-Umlage: „Durch die Befreiung energieintensiver Unternehmen von der EEG-Umlage und dem Aufbau eines Liquiditätspuffers für die Netzbetreiber trägt Schwarz-Gelb selbst dazu bei, dass die EEG-Umlage für Otto-Normalverbraucher steigt.“

Drastische Einschnitte bei der Solarförderung – für viele Unternehmen in der Branche wäre es das Aus. Auch Phoenix Solar kämpft mit tiefroten Zahlen. Hänel bleibt daher nichts anderes übrig, als drastisch zu sparen und Personal abzubauen. Der Grund für die Schieflage: Der enorme Preisrutsch bei den Solarmodulen. Bis zum Ende des dritten Quartals 2011 musste Phoenix Solar rund 29 Millionen Euro durch die Abwertung der Lagerbestände abschreiben. „Während die Module mit dem Schiff zu uns unterwegs waren, mussten wir die Ware bereits abwerten.“

Steffen Habit

Rubriklistenbild: © dpa

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