Benzinpreise explodieren

- Washington/Hamburg - Preis-Schock für Autofahrer: Nach den Verwüstungen durch den Hurrikan "Katrina" in den USA sind die Benzinpreise in Deutschland am Mittwoch explodiert. Die drei größten Mineralölgesellschaften Aral, Esso und Shell erhöhten die Preise für Superbenzin um acht Cent je Liter - so viel wie noch nie auf einen Schlag. Super kostet damit an den Markentankstellen im Durchschnitt 1,39 Euro.

 Auch Diesel ging mit drei Cent weiter kräftig nach oben und kostet rund 1,16 Euro je Liter. Entspannung ist nicht in Sicht: Experten erwarten im Laufe der Woche weitere Steigerungen. Ökonomen warnten vor einer Energiepreiskrise in den USA. Dort soll jetzt die strategische Ölreserve angezapft werden.

Marktführer Aral hatte den Spritpreis am Mittwoch zunächst um vier Cent erhöht. Am Nachmittag legten ExxonMobil (Esso) und Shell um das Doppelte nach. Angesichts explodierender Preise am europäischen Benzinmarkt in Rotterdam nach dem Hurrikan "Katrina" seien vier Cent Erhöhung nicht ausreichend, um Verluste zu vermeiden, sagten Sprecher der beiden Unternehmen in Hamburg. Am Abend zog Aral dann mit einer zweiten Erhöhung um vier Cent je Liter Super gleich. Die großen Marken Aral, Shell, Esso kommen in Deutschland zusammen mit Total auf mehr als 60 Prozent Marktanteil.

In Rostock, der Stadt mit dem laut ADAC teuersten Benzin in Deutschland, stieg der Preis für Super bis auf 1,42 Euro, berichtete der Radiosender Ostseewelle. Der ADAC rief die Autofahrer angesichts der drastischen Erhöhungen zum genauen Preisvergleich an den Tankstellen auf. Der Automobilclub von Deutschland (AvD) forderte am Mittwoch Sofortmaßnahmen gegen Ölpreis-Spekulation.

In den USA zeichnet sich unterdessen ab, dass die Schäden durch "Katrina" dramatische Auswirkungen für die Wirtschaft haben könnten. US-Energieminister Samuel Bodman kündigte an, dass die strategische Ölreserve angezapft werden soll, um Ausfälle durch den Hurrikan auszugleichen. Wie viel Öl aus der 700 Millionen Barrel (je 159 Liter) umfassenden Reserve freigegeben wird, sagte Bodman nicht. Die Reserve wurde in den USA bisher erst ein Mal eingesetzt: im ersten Golfkrieg 1991.

Nach der Ankündigung entspannte sich die Situation an der New Yorker Warenterminbörse Nymex: Rohöl der US-Sorte WTI zur Oktoberauslieferung notierte am Abend im elektronischen Handel mit 69,40 Dollar je Barrel um 41 Cent niedriger als am Vortagsschluss. Am Dienstag war der Ölpreis im Tagesverlauf auf ein Rekordniveau von 70,85 Dollar gestiegen. Nordeseeöl der Sorte Brent kostete in London 67,06 Dollar, dies entspricht einem Abschlag von 53 Cent zum Vortag. An der Frankfurter Börse zog der wichtigste Aktienindex DAX nach der Ankündigung der Freigabe der US-Ölreserve leicht an.

Auf dem größten europäischen Umschlagplatz in Rotterdam ist Normal- und Superbenzin innerhalb von zwei Tagen um mehr als 100 Dollar je Tonne teurer geworden, berichteten Sprecher der Mineralölwirtschaft in Hamburg. Normalbenzin legte am Montag um 50 und am Dienstag um weitere 59 Dollar auf 758 Dollar je Tonne zu. Der Preisanstieg setzte sich am Mittwoch fort. Grund ist eine steigende Nachfrage aus den USA, wo vor allem Superbenzin gebraucht wird. Im Laufe der Woche sind nach Einschätzung der meisten Marktbeobachter weitere Preissteigerungen zu erwarten, weil der europäische Markt leergefegt ist.

Nach Einschätzung von Ökonomen zeichnet sich in den USA wegen der Verwüstungen durch "Katrina" eine Energiepreiskrise ab. Während der Verlust von Förderkapazitäten durch das Anzapfen der Rohölreserven in den USA und möglicherweise auch in Europa ausgeglichen werden könne, gebe es für zerstörte Raffineriekapazitäten keinen Ersatz.

"Katrina" hatte über dem Golf von Mexiko und mehreren Bundesstaten im Süden der USA gewütet. Im Golf von Mexiko wird mehr als ein Viertel des amerikanischen Öls und Erdgases gefördert. Die Ölproduktion ist nach Angaben des staatlichen Minerals Management Service (MMS) zu 95 Prozent unterbrochen. Damit fehlen 1,4 Millionen Barrel Öl pro Tag. Bei Erdgas liegt die Ausfallrate bei rund 88 Prozent.

Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) bezeichnete die Situation als sehr ernst. Clement forderte die USA auf, längerfristig für mehr Raffineriekapazitäten zu sorgen. "Die USA müssen hier zu Korrekturen kommen." Vom Preis von rund 70 US-Dollar pro Barrel sind nach Einschätzung Clements etwa 18 Dollar "spekulativ". Dabei spielten die hochriskanten Hedge Fonds ein Rolle. Diese Rolle müsse beobachtet werden.

Der hohe Ölpreis wird nach Auffassung der Konjunkturexperten des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) das Wirtschaftswachstum um 0,5 Prozentpunkte drücken. Steige der Preis weiter im Tempo der vergangenen Tage, sei durchaus denkbar, dass das deutsche Wachstum nicht einmal mehr die Marke von einem Prozent erreiche, sagte DIHK-Volkswirt Volker Treier dem "Tagesspiegel" (Donnerstagausgabe). Vor kurzem hatte bereits der Industrieverband BDI erklärt, angesichts des teuren Öls werde es für Deutschland immer schwieriger, die Marke von einem Prozent Wachstum zu erreichen.

Die Organisation Erdöl exportierender Staaten (OPEC) will ab Oktober die Förderung des Kartells um 500 000 Barrel pro Tag erhöhen. Das bestätigte am Mittwoch der Ölminister von Katar, Abdullah alAttiya. Die OPEC wolle helfen, den globalen Ölmarkt zu stabilisieren. Einige Produzenten könnten zusätzliche Mengen fördern, sagte er der katarischen Nachrichtenagentur.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Dax bewegt sich vor Fed-Entscheidung kaum
Frankfurt/Main (dpa) - Am deutschen Aktienmarkt heißt die Devise weiterhin Stillhalten: Wie schon in den vergangenen Tagen blieben viele Anleger auf Tauchstation - sie …
Dax bewegt sich vor Fed-Entscheidung kaum
Thyssenkrupp einigt sich mit Tata auf Fusion - 2000 Jobs fallen weg
Lange haben Thyssenkrupp und Tata verhandelt, nun gibt es eine Absichtserklärung: die Konzerne wollen ihre europäischen Stahlsparten zusammenlegen. Hintergrund sind …
Thyssenkrupp einigt sich mit Tata auf Fusion - 2000 Jobs fallen weg
Thyssenkrupp will mit Tata neuen Stahlgiganten schaffen
Lange haben Thyssenkrupp und Tata verhandelt, nun gibt es eine Absichtserklärung: die Konzerne wollen ihre europäischen Stahlsparten zusammenlegen. Hintergrund sind …
Thyssenkrupp will mit Tata neuen Stahlgiganten schaffen
Kommentar: Ein riskantes Spiel von Ryanair
Ryanair-Chef Michael O’Leary schafft Reserven an Flugzeugen und Crews, für den Fall, dass der insolventen Airberlin trotz der Notkredite das Geld ausgeht. Ein Spiel mit …
Kommentar: Ein riskantes Spiel von Ryanair

Kommentare