Der berühmte Auslandsösterreicher

Siemens: - München - Wer ist der Mann, der künftig einen der mächtigsten deutschen Konzerne führt? Das fragen sich zurzeit fast alle bei Siemens. Antworten gibt es nur spärlich. Dem neuen Chef Peter Löscher könnte das nützen.

Für ein paar Minuten haben sie den Mann vorgezeigt, der ab 1. Juli aus dem gefühlten Krisenkonzern Siemens ein Flaggschiff der deutschen Wirtschaft machen soll. Aufsichtsratschef Gerhard Cromme trat am Sonntagnachmittag zusammen mit den Arbeitnehmervertretern Ralf Heckmann und Berthold Huber vor die Siemens-Zentrale am Wittelsbacher Platz in München, um den Hoffnungsträger zu präsentieren. Der war tags zuvor aus den USA eingeflogen, hatte beim Aufsichtsrat vorgesprochen und wenig später das einhellige "Ja" der 20 Siemens-Kontrolleure gehört.

Heute ist er schon wieder zurück in den USA. Der 49-Jährige muss seine Geschäfte für den Pharmakonzern Merck & Co. erledigen und den Umzug mit Frau und drei Kindern von der amerikanischen Ostküste nach Oberbayern in die Wege leiten. In gut einem Monat wird er den Platz des bisherigen Siemens-Chefs Klaus Kleinfeld übernehmen.

Ein Comic-Zeichner hätte viele dicke Fragezeichen über die Gesichter der wartenden Journalisten gemalt, als sich die drei Aufsichtsräte zusammen mit zwei anderen Männern vor den Mikrofonen am Wittelsbacher Platz aufstellten. Einer der beiden Begleiter war Heinrich Hiesinger, bisher Bereichsleiter der Gebäudetechnik und künftig Europachef sowie Arbeitsdirektor, wie verkündet wurde. Der andere war Peter Löscher.

Selbst deutsche Großbanken sehen sich außerstande, jemanden aufzutreiben, der Peter Löscher kennt. Bei der IG Metall heißt es, er habe auf die Arbeitnehmervertreter "einen guten Eindruck gemacht". Aber jetzt soll er erstmal sein Amt antreten und 100 Tage Schonfrist genießen. "Es soll kein Vorurteil - im positiven oder negativen Sinn - geben." Und so ist es in erster Linie der Tatsache zu verdanken, dass das österreichische Außenministerium vor einigen Jahren eine Seite über Magister Peter Löscher in seine Rubrik "berühmte Auslandsösterreicher" aufnahm, dass es überhaupt Eindrücke davon gibt, welche Persönlichkeit künftig an der Spitze von Siemens steht.

Als Klaus Kleinfeld vor gut drei Wochen seinen Abschied ankündigte, betonte er mehrfach Internationalität als wichtige Voraussetzung für seine Nachfolge. Damit hielt er - wohl unbewusst - ein Plädoyer für Löscher. Denn internationaler als er kann ein Mensch kaum sein. Löscher wurde im österreichischen Villach geboren, hat in Wien, Hongkong und Harvard studiert, war beruflich in Deutschland, Spanien, den USA, Großbritannien und Japan tätig, hat eine spanische Frau, seine drei Kinder sind in den USA geboren und er spricht Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch und Japanisch.

Seine Zeit an der Uni in Hongkong beschrieb Löscher als "Schlüsselerlebnis". Dabei habe er erfahren, dass die vermeintliche Andersartigkeit ferner Länder sehr positiv stimulieren und auch zu neuen Einsichten in den eigenen Kulturkreis führen könne. Aber er, dessen kärtnerischer Zungenschlag noch zu erkennen ist, hat bei aller Internationalität auch den Bezug zur Heimat betont. "Sah ich mich während meiner ersten Berufsjahre noch gerne als Weltbürger, so verstehe ich mich heute als weltoffener, heimatverbundener Europäer. Und in diesem Sinne würde ich mit Freuden einmal wieder in meine Heimat Europa zurückkehren."

Das gelingt ihm nun dank des Siemens-Postens. Die Börse spendierte am Montagmorgen als Willkommensgruß ein Kursplus für die Siemens-Aktie von knapp drei Prozent, das allerdings im Tagesverlauf abschmolz.

Bei seiner Vorstellung setzte Löscher auf österreichischen Charme. Er lobte die "außerordentliche Ehre und große Herausforderung" der neuen Position und kündigte an: "Ich reihe mich in die Reihe von 475 000 Siemensianern ein" - aber ganz vorne.

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