Höheres Risiko – höhere Beiträge: Wer einem Beruf mit körperlichem Einsatz nachgeht, wie ein Fensterputzer, muss mehr für eine Berufsunfähigkeitspolice zahlen.

Berufsunfähigkeit: Fehler im Antrag – keine Rente

Die Berufsunfähigkeitsversicherung ist ein heikles Thema. Es gibt zahlreiche Stolpersteine vom Vertragsabschluss bis zum Rentenantrag. Wir erklären, worauf es bei der Police ankommt.

Hat man eine Berufsunfähigkeitspolice in der Schublade, wiegt man sich in Sicherheit. Sollte die Gesundheit nicht mehr mitmachen – wie bei jedem vierten Arbeitnehmer vor Erreichen des Rentenalters – ist zumindest der Einkommensverlust abgedeckt. Doch dieser Eindruck trügt. Wenn es darum geht, Ansprüche geltend zu machen, kommt es oft zum Streit mit dem Versicherer. „Die Stolpersteine dieser Police ziehen sich wie ein roter Faden vom Vertragsabschluss bis hin zum Leistungsantrag und der Auszahlung der Rente“, sagt Sabine Martin, Anwältin mit Schwerpunkt Berufsunfähigkeit. Häufigster Streitpunkt: Ungenau beantwortete Gesundheitsfragen im Antrag und Probleme mit Gutachten.

Gesundheitsfragen

Hat man die Fragen zum Gesundheitszustand bei Abschluss einer Police nicht korrekt beantwortet, „ist das erste Scheunentor geöffnet für spätere Streitigkeiten“, sagt Versicherungsmakler Helge Kühl. Er rät, sich bei den Antragsfragen „Zeit zu lassen und behandelnde Ärzte anzurufen“. Anwältin Martin hat gute Erfahrungen damit gemacht, eine Auskunft bei der Krankenkasse einzuholen. Vom Versicherungsvertreter sollte man sich keinesfalls überzeugen lassen, dass manche Details unwichtig seien. „Sein wirtschaftliches Interesse am Zustandekommen des Versicherungsvertrages darf man nicht übersehen“, sagt Martin, die auch Vorstandsmitglied des gemeinnützigen Vereins „PV-Anspruchshilfe“ in Frankfurt ist, der Mitglieder beim Geltendmachen von Ansprüchen berät.

Gesundheitsstörung

„In der Praxis wird vielen Menschen kein Vertrag angeboten oder sie erhalten den Schutz nur mit Einschränkungen“, schreibt das Verbrauchermagazin „Finanztest“. Tendenz steigend – urteilt der Bund der Versicherten. Der Grund seien meist kleinere oder größere Erkrankungen wie Allergien oder frühere Sportverletzungen. „Menschen, die eine psychotherapeutische Behandlung hinter sich haben, werden gewöhnlich ganz abgelehnt“, heißt es bei „Finanztest“ weiter. Wer eine Krankheit hat, kann im Internet eine kostenlose Risikovorabfrage starten (www.buforum24.de) und so herausfinden, wie Versicherungsunternehmen die Gesundheitsstörung beurteilen. Und das anonym. Denn wer einmal namentlich bei einem Unternehmen einen Probeantrag gestellt hat, wird unverzüglich mit allen Angaben in einer zentralen Datei gespeichert. Dagegen kann man sich leider nicht wehren. Diese sogenannte Uniwagnis-Datei ist für alle Versicherungsgesellschaften zugänglich.

Berufsalltag

„Allerhöchste Sorgfalt“, so Martin, sei auf die Beantwortung der Frage zur beruflichen Tätigkeit zu verwenden, die man im Leistungsantrag beschreiben muss. Denn diese Schilderung werde in Beziehung zum Beschwerdebild gesetzt und biete die Grundlage für die Entscheidung, ob jemand wirklich nicht mehr in seinem Beruf arbeiten kann. „Man sollte einen typischen Arbeitstag detailliert schildern“, sagt Martin.

Vertragsgestaltung

Folgende Kriterien sind für die Qualität eines Vertrags entscheidend: -Verzicht auf abstrakte Verweisung: Der Versicherer kann nicht auf eine andere Tätigkeit in einer ähnlichen Sparte verweisen, wenn man im zuletzt ausgeübten Beruf nicht mehr arbeiten kann.

-Sechs-Monats-Prognose: Eine voraussichtliche sechsmonatige Berufsunfähigkeit sollte genügen, damit die Rente ausbezahlt wird.

-Nachversicherungsgarantie: Bei veränderten Lebensverhältnissen (Kinder, Heirat) kann man die vereinbarte Rente ohne erneute Gesundheitsprüfung aufstocken.

- Rückwirkende Zahlung: Der Versicherer sollte rückwirkend ab Beginn der Berufsunfähigkeit die Rente bezahlen. Denn manchmal ist zu Beginn einer Krankheit für den Arzt und den Patienten noch gar nicht absehbar, dass aus dem Leiden vielleicht eine Berufsunfähigkeit werden kann.

-Dynamische Beitragszahlung: Sowohl die Beiträge als auch die Rentenzahlung sollten dynamisiert sein und sich so von Jahr zu Jahr steigern. So kann man die Inflation ausgleichen.

Mitteilungspflicht

Kommt es zu einer Berufsunfähigkeit, ist dies der Versicherung schriftlich mitzuteilen. Beim Ausfüllen des Leistungsantrags bieten viele Unternehmen telefonische Hilfe an. „Man sollte sich keinesfalls telefonisch zum Gesundheitszustand äußern“, warnt Kühl. Die Gefahr, dass man Auskünfte gibt, die einem hinterher zum Nachteil gereichen, sei groß. Er rät, sich bereits in diesem Stadium anwaltliche Hilfe zu holen.

Gesundheitszustand

Einer der größten Streitpunkte sind Gutachten, die das Versicherungsunternehmen in Auftrag gibt, um den Gesundheitszustand ihres Kunden zu überprüfen. Nur bei einer Berufsunfähigkeit von 50 Prozent muss der Versicherer die Rente bezahlen. „Diese Gutachter sind nicht immer objektiv“, sagt Martin. Ob jemand zu 49 oder zu 51 Prozent berufsunfähig ist, ist nicht selten auch eine Interpretationssache. Am schwierigsten sei es, psychische Probleme zu bewerten. Die Juristin rät, zur Begutachtung eine Begleitperson mitzunehmen, die als Zeuge fungieren kann. „Ist man der Ansicht, das Gutachten trifft nicht zu oder der Gutachter ist nicht objektiv, sollte man das nicht hinnehmen und soweit finanziell möglich, ein eigenes Gutachten einholen“, so Martin. Kommt es zum Streitfall, ist eine Rechtsschutzversicherung ratsam. Denn ohne Hilfe eines Anwalts ist man meist auf verlorenem Posten.

Alternativen

„Eine wirklich gute Alternative gibt es eigentlich nicht“, heißt es beim „buforum24.de“. Ist eine Berufsunfähigkeitsversicherung nicht möglich oder sind die Einschränkungen zu hoch, sollte man folgende Policen betrachten, die aber nicht denselben Umfang bieten:

-Grundfähigkeitsversicherung: Im Falle des Verlustes bestimmter Fähigkeiten, die im täglichen Leben nötig sind, wird eine monatliche Rente gezahlt.

-Private Unfallversicherung: Sie zahlt nur bei unfallbedingter, nicht bei krankheitsbedingter Invalidität.

-Erwerbsunfähigkeitsversicherung: Im Unterschied zur Berufsunfähigkeitsversicherung leistet die Erwerbsunfähigkeitsversicherung erst, wenn der Versicherte jedweder Tätigkeit voraussichtlich dauernd (bei guten EU -Anbietern voraussichtlich 6 Monate) nur noch im geringfügigen Umfang (meist 2, bei einigen Anbietern 3 Stunden am Tag) nachkommen kann.

-Dread-Disease-Versicherung: Absicherung gegen schwere Erkrankungen wie Krebs oder Multiple Sklerose.

Mehr Informationen

zum Thema gibt es per Fax-Abruf: 0 900 1/ 25 26 65 52 40 (62 Cent/Min., 6 Seiten) bis 2. Oktober. Wer kein Fax hat, sendet einen mit 0,90 Euro frankierten Rückumschlag plus 1,45 Euro in Briefmarken unter dem Stichwort „Berufsunfähigkeit“ an: Versandservice, Lerchenstr. 8, 86938 Schondorf.

Annette Jäger / Stefanie Backs

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