Besorgte Kunden räumen ihre Konten

München/London - Es waren Szenen wie zu Inflationszeiten: Nach den Schwierigkeiten beim britischen Immobilienfinanzierer Northern Rock standen am Wochenende besorgte Kunden vor Filialen im ganzen Königreich Schlange, um ihr Geld abzuheben. Für deutsche Sparer geht von der Kreditkrise laut er Bundesbank keine Gefahr aus.

Vor Niederlassungen von Northern Rock unter anderem in Sheffield, Edinburgh und Glasgow versammelten sich hunderte verunsicherte Anleger, die ihre Guthaben in Sicherheit bringen wollten. "Ich habe hier mehrere Konten. Das ist das Ersparte meines ganzen Lebens", sagte etwa der 74-jährige Mike Mellon. Mancherorts musste die Polizei die Massen beruhigen, Medien berichteten sogar von Schlägereien. Die sonst eher zurückhaltende Zeitung "Independent" titelte: "Panik auf britischen Straßen."

Grund für die Aufregung ist ein Notkredit, den die Englische Notenbank dem fünftgrößten britischen Baufinanzierer am Freitag zugeschossen hatte. Das Unternehmen war in Schwierigkeiten geraten, weil es zu sehr von Krediten anderer Banken abhängig war und nach der Krise am US- Immobilienmarkt nicht mehr an genug Geld kam. Die Institute misstrauen einander derzeit und vergeben Darlehen untereinander nur sehr restriktiv, weil sie Ausfälle fürchten. Der Aktienkurs von Northern Rock brach zeitweise um mehr als 30 Prozent ein. Die Kunden reagierten prompt: Nach Medienangaben entzogen sie der Hypothekenbank Spareinlagen in Höhe von fast drei Milliarden Euro.

Eilig bemühten sich britische Politiker, die rund 1,5 Millionen Anleger zu beschwichtigen. "Die Menschen können ihre Konten wie immer nutzen, Northern Rock ist in der Lage, das Geschäft weiterzuführen", sagte Schatzkanzler Alistair Darling. "Uns ist das Geld nicht ausgegangen, die Ersparnisse der Menschen sind sicher", betonte ein Banken-Sprecher. Der Vorsitzende der britischen Bankenaufsicht, Callum McCarthy, erklärte: "Um es ganz klar zu machen: Wenn wir glauben würden, Northern Rock sei nicht mehr liquide, hätten wir nicht erlaubt, dass sie die Türen öffnen."

Die Schwierigkeiten bei dem britischen Geldhaus könnten nach einem Bericht des "Spiegel" auch deutsche Anleger und Banken treffen. Denn Northern Rock verkauft Immobilienfinanzierungen an Investoren weiter. Entsprechende Positionen finden sich laut dem Magazin auch in den Büchern einiger deutscher Fonds, unter anderem von den Gesellschaften DWS und Allianz. Beobachter rechnen momentan allerdings nicht mit allzu großen Ausfällen.

Deutsche Bankkunden müssen wegen der Krise an den Finanzmärkten nach den Worten von Bundesbank-Präsident Axel Weber nicht um ihre Einlagen fürchten. Es gebe eine weitreichende Einlagensicherung, sagte Weber. Zudem gehe es den deutschen Banken gut. Die Kreditwirtschaft in der Bundesrepublik sei von ihrer "Grundertragskraft" gut gerüstet. Die beiden in den vergangenen Wochen in Schwierigkeiten geratenen deutschen Geldhäuser, IKB und SachsenLB, seien keine typischen Kundenbanken.

Dennoch ist die Gefahr von großen Bankenzusammenbrüchen nach Einschätzung der EU weiterhin nicht gebannt. Grund dafür ist die zunehmende grenzüberschreitende Verflechtung der Finanzbranche. Die gegenwärtigen Vorkehrungen zur Finanzstabilität in der EU reichten nicht aus, heißt es in einem internen EU-Papier. Die Regeln stammten aus einer Zeit, "als Banken hauptsächlich innerhalb nationaler Grenzen aktiv waren". Die Experten beurteilen die Gefahr einer grenzüberschreitenden Finanzkrise größeren Ausmaßes in der EU zwar als gering. "Die potenziellen wirtschaftlichen und sozialen Schäden könnten aber sehr groß sein", heißt es weiter. 

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