Bestechungsskandal: Siemens verliert erneut Top-Manager

München - Siemens muss wegen der Affäre um schwarze Kassen und Bestechung in Milliardenhöhe erneut einen seiner wichtigsten Manager ersetzen. Der für den Sektor Gesundheitsvorsorge zuständige Vorstand Erich Reinhardt tritt zurück.

­ Erich Reinhardt lege sein Mandat als Vorstandsmitglied von Siemens zum 30. April nieder, teilte Siemens gestern mit. Er ziehe damit die Konsequenz aus neuen Erkenntnissen der internen Ermittler über fragwürdige Vorgänge im ehemaligen Siemens-Bereich Medizintechnik. Dieses hochprofitable Geschäft hatte Reinhardt seit 1994 geführt.

Nach bisherigen Erkenntnissen entfallen 44 Millionen von insgesamt 1,3 Milliarden Euro fragwürdiger Zahlungen auf diesen Bereich. Dennoch erhielt Reinhardt zum Jahresbeginn einen Posten im verkleinerten Vorstand des Konzerns, wo er für eines der drei Siemens-Standbeine zuständig ist ­ den Sektor Gesundheitsvorsorge. Nun stieß die US-Anwaltskanzlei Debevoise & Plimpton, die mit der internen Aufklärung des Skandals betraut ist, auf neue Erkenntnisse, die zum Rücktritt Reinhardts geführt haben.

Worum es bei den neuen Erkenntnissen geht, will Siemens in der kommenden Woche offenbaren, wenn der Aufsichtsrat eine neue Wasserstandsmeldung bezüglich der Aufklärung der Affäre erhält. Mutmaßlich ist ein Teil der dubiosen Zahlungen von 258 Millionen Euro, die in ausländischen Regionalgesellschaften von Siemens entdeckt wurden, der Medizintechnik zuzurechnen.

Reinhardt selbst sei an den Vorgängen nach heutigem Kenntnisstand nicht selbst beteiligt gewesen, teilte Siemens mit. "Es gibt keinerlei Zweifel an der persönlichen Integrität Professor Reinhardts. Nach allem, was wir wissen, ist er persönlich unbeteiligt an fragwürdigen Aktivitäten", erklärte Aufsichtsratschef Gerhard Cromme. "Wir mussten aber feststellen, dass es in dem ehemaligen Bereich Medizintechnik Fehlverhalten gegeben hat, das nicht akzeptabel ist." Und dafür übernimmt Reinhardt mit seinem Rücktritt die Verantwortung, heißt es bei Siemens. "Ich habe diese persönliche Entscheidung getroffen, weil sie meinem Verständnis von Führungskultur und unternehmerischer Gesamtverantwortung entspricht", sagte Reinhardt. Es handele sich um Verfehlungen in dem Bereich, die "mich betrüben und die ich zutiefst missbillige und bedauere".

Siemens-Chef Peter Löscher zollte seinem Vorstandskollegen "höchsten Respekt". Er sprach von einem "beispielhaften Verantwortungsbewusstsein und Führungsverständnis". Ob Reinhardt weiterhin sein Vorstandsgehalt bezahlt wird oder er eine Abfindung erhält, wollte ein Sprecher nicht sagen. Er betonte, dass Reinhardt dem Unternehmen als Berater verbunden bleibe.

Nachfolger wird Jim Reid-Anderson (49), der das US-Unternehmen Dade Behring geführt hatte, bis es von Siemens 2007 übernommen worden war. In dem Münchner Konzern war Reid-Anderson bislang für die Division Diagnostik verantwortlich. Damit zieht neben dem Vorstand für Recht und Ordnung, Peter Solmssen, der zweite Amerikaner in das Führungsgremium von Siemens ein.

Mit Finanzchef Joe Kaeser gibt es nur ein Vorstandsmitglied, das vor Bekanntwerden des Bestechungsskandals diesem Gremium angehörte und nachwievor seine Position innehat.

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