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Gesucht und gefunden: Werner Bradler (links) hat über die Betriebsbörse der Handwerkskammer einen Nachfolger gesucht, Georg Eham (rechts) einen Betrieb. So wurde aus der Bradler-Bau-Team GmbH die Eham Bau GmbH.

Chef gesucht?

So funktionieren Betriebsbörsen

München - In den nächsten fünf Jahren müssen sich mehr als 20.000 Betriebe in Bayern nach einem neuen Chef umsehen. Bei der Suche helfen Betriebsbörsen. Sie funktionieren wie Partnerbörsen - nur geht es nicht um die Liebe, sondern ums Finden eines geeigneten Nachfolgers.

Werner Bradler ist Bauunternehmer, selbstständig seit 15 Jahren. Die Haut ist von der Sonne gegerbt, der Schnauzer grau meliert. Das Rentenalter rückt näher. Doch ans Aufhören denkt Bradler, 65, nicht. Bis er auf der Baustelle stürzt. Er verletzt sich an der Schulter, wird ins Krankenhaus eingeliefert und operiert. Plötzlich taucht eine Frage auf, die ihn nicht mehr loslässt: Wer führt den Betrieb weiter, wenn ich nicht mehr kann?

Die Nachfolgefrage. Sie ist vielen Betriebsinhabern ein Graus. „Viele schieben das Thema viel zu lange hinaus“, sagt Hartmut Drexel von der Handwerkskammer (HWK) für München und Oberbayern. Es gelte die Faustregel: „Spätestens mit 55 Jahren muss ein Notfallplan her.“ Darin muss geregelt sein, wer Bank- und Handelsvollmachten besitzt, wenn der Betriebsinhaber plötzlich ausfällt – im Krankheits- oder Todesfall. Dann geht es an die Nachfolgefrage. Ist in der Familie ein geeigneter Nachfolger? Gibt es einen Mitarbeiter, der als neuer Chef in Frage kommt? „Oft befindet sich in den eigenen Reihen ein Rohdiamant“, sagt Drexel. Findet sich kein passender Nachfolger, helfen Handwerkskammer und die Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern bei der Suche. Über Betriebsbörsen bringen sie Mittelständler mit potenziellen Nachfolgern zusammen.

Betriebsinhaber und Anwärter auf die Nachfolge füllen online oder handschriftlich Formulare aus. Passen zwei Gesuche zusammen, stellen die Mitarbeiter der Kammern den Kontakt her – zunächst anonym. „Wann die Hüllen fallen, entscheiden die Betriebsinhaber selbst“, sagt Markus Neuner, der die Nachfolgebörse der IHK leitet. Oberstes Gebot ist Vertraulichkeit. Rund 80 Unternehmen warten im Moment darauf, dass die IHK einen passenden Nachfolger vermittelt. „Im Schnitt sind zehn Vermittlungen pro Jahr erfolgreich“, sagt Neuner. Bei der Handwerkskammer ist die Erfolgsquote ähnlich hoch. Werner Bradler ist froh darüber.

In seinem Fall gibt es weder einen möglichen Nachfolger in der Familie noch im Betrieb. Bradler wendet sich ans Arbeitsamt. Wochen vergehen; doch einen geeigneten Kandidaten liefert das Amt nicht. Mit der Betriebsbörse der Handwerkskammer geht dagegen plötzlich alles ganz schnell. Er füllt einen Fragebogen aus, macht Angaben zu seinem Betrieb, Größe, Lage, Mitarbeiter, Umsatz- und Gewinnzahlen. Verkauf, Beteiligung oder Verpachtung steht auf dem Blatt. Bradler kreuzt Verkauf an. Schon am nächsten Tag legt ihm die HWK den Kontaktbogen seines möglichen Nachfolgers vor. Georg Eham heißt der Anwärter. Er ist 44 Jahre alt, wohnt in Miesbach, ist Angestellter bei einem Bauunternehmen und will sich selbstständig machen. Klingt gut. Bradler ruft an. Er hat ein gutes Gefühl. Er vereinbart ein Treffen. Das Gefühl ist immer noch gut. Am Ende handeln die beiden den Kaufpreis aus und werden sich einig.

„Die Kostenfrage ist meistens die Gretchenfrage“, sagt Drexel. Oft schätzen Betriebsinhaber den Wert ihres Unternehmens viel zu hoch ein. „Man sollte das Fest verlassen, wenn es am schönsten ist“, rät Neuner. Sind die Unternehmenszahlen erst einmal im Keller, ist ein Betrieb schwer vermittelbar.

Seit Bradler seinen Nachfolger kennengelernt hat, ist ein Jahr vergangen. Im April wurde aus der Bradler-Bau-Team GmbH die Eham Bau GmbH. „Er hat alles bis zum letzten Nagel übernommen“, erzählt Werner Bradler. Material, Lager, Mitarbeiter, Aufträge und den Kundenstamm. Bradler und seine Frau arbeiten weiterhin in der Firma – auf 400-Euro-Basis. So kann der Senior dem Junior noch etwas unter die Arme greifen. Nur den Firmensitz hat Eham verlegt – von Pfaffing nach Miesbach.

„Ganz neu anzufangen ohne Kundenstamm ist schwer“, sagt Eham. Er hat sich bewusst für eine Betriebsübernahme entschieden. Bevor er Bradler kennenlernte, hatte Eham bereits mit drei anderen Bauunternehmern Kontakt. Doch die Übergabe scheiterte. Werner Bradler und Georg Eham haben sich gesucht und gefunden. „Ich bin zufrieden, er ist zufrieden“, sagt Bardler. „Was will man mehr.“

von Manuela Dollinger

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