Betriebsrenten: Eine Säule wackelt

- München - Die Commerzbank und der Versicherungskonzern Gerling haben eine Säule im deutschen Altersversorgungs-System erschüttert. Nachdem die Unternehmen angekündigt haben, die Ansprüche ihrer Beschäftigten auf Betriebsrenten zu kürzen oder sogar zu streichen, befürchten Experten weitere Einschnitte bei der betrieblichen Altersvorsorge. Unternehmen bekundeten allerdings, keine Streichungen zu planen.

<P>Drei Säulen sollten die Altersversorgung der Menschen in Deutschland im Idealfall tragen. In der ersten - der staatlichen Rente - wachsen immer größere Risse. Und auch die zweite Säule, die bislang von der Politik als ausgleichende Stütze angepriesen wurde - die betriebliche Vorsorge - wackelt jetzt. Erst kündigte die Commerzbank 24 000 Mitarbeitern die Betriebsrenten, um bis zu 30 Millionen Euro jährlich zu sparen. Dann strich der Gerling-Konzern 5000 Mitarbeitern in Deutschland die Betriebsrenten um 30 bis 50 Prozent zusammen.</P><P>Die Beschäftigten müssen zwar nicht um die bisher angesammelten Bezüge bangen, wohl aber um ihre Vorsorge-Planungen. In Zukunft wird es keine (Commerzbank) oder reduzierte (Gerling) Ansprüche auf Betriebsrenten geben. Und damit fallen die Zahlungen im Alter geringer aus, als sich mancher im Vertrauen auf die Betriebsrente ausgerechnet hatte. Die dritte Säule - die private Vorsorge - wird immer mehr belastet.</P><P>Die Betriebsrente ist eine freiwillige Zusatzleistung der Arbeitgeber. Bei dem klassischen Modell, das nun wackelt, handelt es sich um einen "indirekten Gehaltsbonus", wie Hans Sterr, Pressesprecher von Verdi in Bayern, erklärt. Insbesondere in den 60er- und 70er-Jahren köderten Unternehmen so Mitarbeiter. "Heute werden solche Bonuszahlungen gestrichen", sagt Sterr.</P><P>Beide Unternehmen berufen sich auf die schwierige wirtschaftliche Situation, die Kürzungen bei den Versorgungsaufwendungen erforderten. Bei der Commerzbank hält der Betriebsrat diese Notwendigkeit nicht für gegeben. Die Arbeitnehmervertreter kündigten rechtliche Schritte gegen die Maßnahme an. Der Nürnberger Bankenexperte Wolfgang Gehrke gab dem in einem WDR-Interview "relativ wenig Chancen". Er sieht einen neuen Trend: "Viele Unternehmen werden die Chance nutzen, hier Kosten zu sparen."</P><P>Angesichts des schwachen Arbeitsmarktes müssten die Beschäftigten Einschnitte hinnehmen. "In dieser Situation ist die Verhandlungsposition der Arbeitgeber einfach wesentlich besser." Bei der Commerzbank hatten sich nach Verdi-Angaben 160 Führungskräfte vor den Kürzungen ihre Bezüge gesichert. Der Vorstand nahm sich von der Maßnahme aus.</P><P>Laut einer Studie des Forschungshauses SES im Auftrag von "Capital" hat fast jedes zweite Dax-Unternehmen Probleme bei der betrieblichen Altersversorgung. Durchschnittlich zahlten die Unternehmen 7,6 Prozent der Aufwendungen für Löhne und Gehälter für Ruhegeldzusagen. Bei der HypoVereinsbank seien es sogar 17 Prozent - ein Wert "im kritischen Bereich". Bei dem Münchner Institut erhalten neue Mitarbeiter seit dem vergangenen Jahr keine Leistungen. Für die länger Beschäftigten werde sich aber nichts ändern, hieß es. Ebenso erklärte ein Allianz-Sprecher: "Streichungen stehen bei uns nicht zur Debatte." Auch BMW und Siemens wollen nicht an den Altersbezügen ihrer Mitarbeiter rütteln.<BR></P>

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