Der betrogene Börsentrickser

München - Der erste Angeklagte im Prozess um Aktienkurs-Manipulationen kommt nach einem Geständnis wohl mit einer Bewährungsstrafe davon. Seine kurze Karriere auf der schiefen Bahn war auch für ihn selbst ein Fiasko.

Der Arbeitsplatz als Unternehmensberater war nach einer Pleite weg, das Ersparte aufgebraucht, die Frau schwanger. Stefan F. (damals 41) musste wieder auf die Füße kommen und griff 2005 nach dem ersten Strohhalm, der sich bot: Tobias Bosler, langjähriger Bekannter, Börsenprofi durch und durch, bot dem Arbeitslosen eine Schweizer Firma zum Kauf an, die Börsenbriefe herausgab.

Ein zweifelhaftes Geschäftsmodell. Denn diese Börsenbriefe wurden kostenlos per E-Mail verteilt. Geld verdienten sie mit von den betroffenen Firmen bezahlten Einschätzungen. Keine Frage, dass die Urteile günstig ausfielen. Nicht gerade im Sinn der Investoren. Das Problem war Stefan F. bewusst. Dennoch griff er zu. Er habe auf ein System mit zahlenden Abonnenten und soliden Informationen umstellen wollen, sagt er inzwischen.

„Die meisten Empfehlungen haben den Anlegern Gewinn gebracht“, ist er sich heute noch sicher. „Sonst verliert man doch seine Leser.“

Doch in einigen Fällen sollten die Anleger gar nichts gewinnen. Deshalb steht F. seit gestern vor dem Landgericht München I.

Der alte Bekannte Bosler hatte die Sache eingefädelt: Er kaufte 2005 und 2006 selbst in 13 Fällen im großen Stil Aktien weitgehend unbekannter börsennotierter Firmen, über die nun gute Nachrichten verbreitet werden sollten. Stefan F. wurde über die Käufe informiert und sollte die Unternehmen hochjubeln. Er tat es. Teils sollte er dafür von Bosler am Gewinn beteiligt werden, teils deckte er sich selbst mit den entsprechenden Aktien ein. Dann wurden fantastische Kursziele (oft mehrere 100 Prozent) ausgegeben, die Börsenzocker anlockten. Auch andere Anleger-Medien, zu denen Bosler einen guten Draht hatte, spielten mit. So wurden die Aktien rege gekauft. Die Kurse kletterten, während Bosler und auch Stefan F. schon wieder verkauften – um Gewinne einzustreichen. Bei Stefan F. waren das in der Regel einige tausend Euro. Bosler zockte – ohne dass sein Partner davon erfuhr – auch mit Millionensummen.

Nur einmal nahm auch Stefan F. viel Geld in die Hand und kaufte für 100 000 Euro Aktien des US-Unternehmens Petrohunter. Der Kurs wurde wie üblich in die Höhe getrieben – er stieg von einem Euro auf bis zu 3,42 Euro, doch es gab Rückschläge. Am Ende wurde die Aktie zum Ramschpapier.

Bosler zog sich nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft mit einem bescheidenen Überschuss von rund 64 000 Euro zurück, während Stefan F., der zu spät verkaufte, von seinen 100 000 Euro 70 000 Euro verlor.

Weil er bei anderen Geschäften 19 000 Euro eingestrichen hatte, kostete ihn sein Ausflug auf die schiefe Bahn unter dem Strich 50 000 Euro. Dazu kommt voraussichtlich eine Geldstrafe. Immerhin muss Stefan F., der bereits 2010 drei Monate in Untersuchungshaft saß, nach seinem Geständnis nicht mehr ins Gefängnis. Für die zu erwartende Strafe (bis zu zwei Jahre Haft) wurde ihm Bewährung in Aussicht gestellt.

Nach diesem kleinen Fisch wendet sich die Wirtschaftsstrafkammer übernächste Woche den größeren Brocken zu. Bosler und den früheren Sprechern der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), Markus Straub und Christoph Öfele. Bosler und Straub nutzten den Ruf der Aktionärsvereinigung laut Anklage für noch geschicktere Kursmanipulationen zu Lasten von Unternehmen und Aktionären. Und sie brachten das Medizintechnik-Unternehmen Nascacell an die Börse – wobei die Anklage penibel auflistet, wie der Kurs über frei erfundene Erfolgsgeschichten in die Höhe getrieben wurde. Zu den Opfern gehörten nicht nur unbeteiligte Anleger, sondern diesmal auch Stefan F., der den Fehlinformationen seines Partners Bosler auf dem Leim ging. Er wurde vom Mittäter zum Opfer – und um 24 000 Euro erleichtert.

Martin Prem

Rubriklistenbild: © dpa

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