Betrüger bewegt Börsen - Hat er die Panik-Zinssenkung ausgelöst?

Paris - Auf den ersten Blick ist das Bild klassisch: Ein junger, ehrgeiziger Bankangestellter verzockt lange unerkannt an der Börse Milliarden und stürzt seine eigene Bank in die Krise. Doch kann ein einzelner Händler auch weltweit eine Börsenpanik auslösen und am Ende die US-Zentralbank zur größten Zinssenkung seit fast einem Vierteljahrhundert zwingen? Genau das, so meinen Pariser Börsianer, scheint im Falle der Société Générale passiert zu sein.

Ein "kleiner Händler" der Bank hatte 2007 und Anfang Januar viele Scheingeschäfte getätigt. Der Mann sollte risikoreiche Geschäfte mit Aktienindizes "mit Futures hedgen", also mit Wetten auf die Zukunft gegen Verluste absichern. Doch er schummelte und behielt insgeheim viele riskante Positionen, statt sie zu verkaufen. Als das Ausmaß des Betrugs am Sonntag aufflog, machte die Bank sofort reinen Tisch: Alle Risikotitel wurden so schnell wie möglich verkauft.

Das ging aber erst ab Montag, und da stürzten die Aktien auf breiter Front ab. "Pech gehabt", sagt Bankchef Daniel Bouton. "Das ist Murphys Gesetz": Wenn etwas schief läuft, läuft alles schief. Weil die Kurse fielen, summierten sich die Verluste bis Mittwoch auf 4,9 Milliarden Euro. "Umgekehrt wird ein Schuh draus", meinen dagegen manche Händler. Die massiven Verkäufe von DAX-Kontrakten hätten erst zum "schwarzen Montag" geführt.

Weil die US-Börse geschlossen hatte, stießen die Verkäufe am Montag auf wenige Abnehmer. Die Kurse fielen und das löst auf dem sowieso schwachen und verunsicherten Markt Panikverkäufe aus. Bei dem Kurssturz des DAX lösten sich allein am Montag mehr als 60 Milliarden Euro in Rauch auf. Die Panik griff auf andere Börsen über. "Dieser Albtraum hat die US-Notenbank erst dazu gebracht, die Notbremse zu ziehen", sagt ein Händler. Der "kleine Händler" hätte damit also unfreiwillig die Senkung der US-Zinsen erzwungen und die Großen der Welt zu Krisensitzungen genötigt.

Die These ist nicht bewiesen. Ihre Anhänger führen an, dass schon Ende 2007 am Markt ein "mysteriöser Käufer" aufgefallen war, der damals mit dem Kauf von DAX-Futures den deutschen Aktienindex stützte. Diese angehäuften Kontrakte könnten es sein, die am Montag auf den Markt geworfen wurden und die Panik auslösten. Bouton bleibt aber dabei, die Société Générale sei mit einem "im Grunde schwachen Verlust" Opfer der "absolut gigantischen Marktprobleme" geworden. "Wir mussten die Positionen unter den Umständen des schwarzen Montags glattstellen."

Dass die Franzosen erst am Donnerstag den Markt informierten, als sie alle ihre Risikotitel los waren, begründet Bouton mit dem Schutz der Bank. "Hätten wir am Montagmorgen gesagt, wie die Lage ist, wären die Verluste zehn Mal so hoch gewesen", sagt er. "Es war unsere Pflicht, die Risikopositionen so schnell wie möglich glattzustellen."

Das Ergebnis geht in die Annalen ein: Mit 4,9 Milliarden Euro ist der Verlust der höchste, den jemals ein einzelner Banker verursacht hat. Der Händler stellt selbst Nick Leeson weit in den Schatten. Der Händler hatte 1995 ein Fünftel dessen verspekuliert und damit die britische Traditionsbank Barings in den Ruin getrieben.

Anders als Leeson, der zuvor wegen riesiger Spekulationsgewinne zum Star der Szene aufgestiegen war, sollte der Händler der SocGen dabei gar nicht auf große Gewinne setzen, sondern im Gegenteil Verlustrisiken mindern. Er war ein "kleiner Fisch" der Szene.

Aber er überschritt seine Kompetenzen, verschleierte Buchverluste mit Scheingeschäften und machte das so geschickt, dass er lange Zeit nicht auffiel. Alle Kontrollmechanismen fielen aus, weil er sie von seiner früheren Arbeit als Kontrolleur kannte und umschiffte. Fast alle: Weil er eine Kontrolle nicht kannte, machte er einen Fehler. Was das war, wollte die Bank vorerst nicht sagen.

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