Betrüger am Grauen Kapitalmarkt: Vorsicht, wenn hohe Zinsen locken

- Jürgen Grabert suchte eine sichere, langfristige Geldanlage für seine Tochter. Als der 61-jährige Rentner vor einem Jahr einen Anruf erhielt, bei dem ihm eine Anlage mit 8,25 Prozent Zinsen in Aussicht gestellt wurde, weckte das sein Interesse. Von den mehr als 70 000 eingezahlten Euro hat er aber bis heute so gut wie nichts wieder gesehen.

Am so genannten Grauen Kapitalmarkt werden immer noch gute Geschäfte gemacht - die sehr oft unseriös sind. Rund 10 200 Fälle von Kapitalanlagebetrug erfasste das Bundeskriminalamt (BKA) 2004, ein Jahr zuvor waren es rund 100 Fälle mehr. Das Deutsche Institut für Anlegerschutz (DIAS) geht davon aus, dass mehrere zehntausend Deutsche einen Teil ihrer vermeintlichen Altersvorsorge bei Betrügern angelegt haben. Mit rund 1,5 Millionen Geschädigten allein in diesem Jahr rechnet die Schutzgemeinschaft für geschädigte Kapitalanleger (SGK).

Falle Firmenanleihen

"Zurzeit werden vor allem Unternehmensanleihen von fragwürdigen Anbietern vertrieben", sagt DIAS-Vorstand Volker Pietsch. Auch Beteiligungen an geschlossenen Immobilienfonds oder Solaranlagen seien häufig unseriös. Sogar obskure Diamantengeschäfte würden derzeit wieder vermehrt angeboten. Die Masche sei am Anfang meist dieselbe. Die Kontaktaufnahme finde bei unseriösen Gesellschaften meist per Telefon statt, so SGK-Experte Jochen Resch. So war das auch bei Jürgen Grabert, dem eine Unternehmensanleihe angeboten wurde.

Falle Umfrage

"Das ist zunächst gar nicht als Marketing zu erkennen. Meist wird erst einmal vorgegeben, ein Institut wolle eine Bürgerbefragung zu statistischen Zwecken vornehmen." Bald würden dann aber in der Regel astronomische Renditen versprochen. "Um Vertrauen zu wecken, wird bei den Anleihen dann oft auch noch dazu gesagt, diese Wertpapiere seien so etwas Ähnliches wie Bundesschatzbriefe", fügt Volker Pietsch hinzu. Formal sei das zwar nicht falsch. Die Zinsen für zehnjährige Bundesanleihen liegen Pietsch zufolge derzeit aber höchstens bei rund drei Prozent. "Bei einer Rendite von mehr als fünf Prozent sollten deshalb alle Alarmglocken läuten."

Am besten ignorieren

Der DIAS-Experte rät dringend dazu, die üblichen Rendite- und Zinssätze im Wirtschaftsteil der Tageszeitung oder bei der Hausbank nachzuprüfen. Beim geringsten Verdacht eines unseriösen Angebots vor allem am Telefon helfe nur eine harsche Ablehnung. Am besten sollte man sich erst gar nicht auf ein Gespräch einlassen, sagt Pietsch. "Die Verkäufer sind ja heute nicht mehr so plump. Und sie scheinen auf alle Zweifel eine Antwort zu haben." Neben Anrufen werben die Anbieter mit bunten Prospekten. Diese Werbesendungen sollten ungelesen in den Papierkorb wandern.

Sitz im Ausland

Anhaltspunkte für unseriöse Gesellschaften könne auch ein fehlender Eintrag im Handelsregister oder ein Unternehmenssitz im Ausland sein. "Panama, Bermudas, USA - das hat es alles schon gegeben", sagt Kriminalhauptkommissar Norbert Trotte von der Dienststelle für Kapitalanlagebetrug beim Landeskriminalamt Hamburg. "Mittlerweile kommen auch schon Werbe-SMS. Die angezeigte Nummer sollte man auf keinen Fall zurückrufen", warnt Trotte.

Keine Kontrolle

Schützen müssen Anleger sich offenbar weitgehend selbst. Eine staatliche Überwachung der betroffenen Produkte hat der Gesetzgeber nach Auskunft der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) in Bonn nicht vorgesehen. "Das Kreditwesengesetz weist uns keine Produktaufsicht zu", sagt Sprecherin Sonia Hanenberg. Der Verbraucherschutz gehöre nicht zu den Aufgaben der Behörde.

Der Gesetzgeber sieht laut Hanenberg unter anderem nur die Überwachung des Einlagengeschäfts vor. Inhaberschuldverschreibungen etwa fielen nicht darunter. Somit unterliege dieses Segment "keiner staatlichen Aufsicht" - ein Grund, warum es auch "Grauer Kapitalmarkt" genannt wird, sagt Sonia Hanenberg.

Helfen kann dem, der unterschrieben hat, oft nur noch der Gang zum Anwalt. Listen von spezialisierten Juristen haben Jochen Resch zufolge die SGK und die Verbraucherzentralen vorliegen.

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