Betrug: In welchen Fällen die Versicherer hellhörig werden

- Es fängt an mit der kaputten Brille oder dem Rotweinfleck auf der Polstergarnitur. Mancher schreckt auch nicht davor zurück, sich einen Daumen abzuschneiden oder das Haus in Brand zu stecken: Der auf Versicherungsbetrug spezialisierte Anwalt Dirk- Carsten Günther kennt die meisten Tricks und ihre gravierenden Folgen.

Wenn es um große Summen geht, lässt er im Auftrag eines Versicherers auch in der Stammkneipe des Klägers recherchieren. Vielleicht findet er Zeugen, die wissen, dass der Geschädigte davon gesprochen hat, sein Haus "heiß zu sanieren", wie der Volksmund sagt. "Versicherungsbetrug ist eine Straftat", sagt Thorsten Rudnik vom Bund der Versicherten (BdV).

"Außerdem riskieren Betrüger, lebenslang ihren Versicherungsschutz zu verlieren." Denn das Gesetz räumt den Versicherern bei Betrug ein Kündigungsrecht ein -"und das wird in aller Regel in Anspruch genommen".

Kein Sparvertrag

"Viele denken, dass sie aus den jahrelang eingezahlten Beiträgen wieder etwas herausbekommen müssen", sagt Rudnik. "Es ist aber ein Irrglaube, dass die Versicherung eine Art Sparvertrag ist." Vielmehr zahlen alle in einen Topf ein, um sich vor großen Risiken zu schützen.

Jeder Zehnte betroffen

Die Branche schätzt, dass ihr jedes Jahr rund vier Milliarden Euro Schaden durch Versicherungsbetrug entsteht. Anonyme Befragungen ergaben, dass jeder Zehnte schon einmal seinen Versicherer betrogen hat -indem ein Schaden höher beziffert oder ein Malheur als Unfall ausgegeben wurde. "Ändert sich bei Computern oder Digitalkameras der Stand der Technik, steigen meist die bei uns gemeldeten Schadenssummen", sagt Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Versicherungswirtschaft. "Da macht ein Freund schnell den Computer kaputt, damit ein neuer finanziert werden kann." Doch die Versicherer denken mit: Wenn viele neue Modelle auf den Markt kommen, seien die Sachbearbeiter besonders aufmerksam.

Einbruch ohne Spuren

Auch wenn ein angeblicher Auffahrunfall auf einer einsamen Straße um drei Uhr nachts passiert, werden die Versicherer hellhörig, erläutert Günther. Ebenso deute es auf einen Betrugsversuch hin, wenn bei einem Diebstahl die Einbruchspuren fehlen. Auch wenn Versicherte immer wieder mit ähnlichen Schäden anklopfen, lässt die Abteilung Schadensregulierung das Scheckbuch zunächst in der Schublade.

Liste schwarzer Schafe

Solche Vorbelastungen können Unternehmen mit der sogenannten Uniwagnis-Datei herausfinden. Sie wurde von der Branche zum Schutz vor Betrug ins Leben gerufen. Über Umwege kann ein Versicherer darin einsehen, ob ein Geschädigter schon häufiger wegen ähnlicher Anzeigen aufgefallen ist. Vor dem Blick in die Datei lassen sich die Unternehmen aber den Sachverhalt genau schildern. "Unserer Erfahrung nach werden Schadensfälle ab 500 Euro aufwärts eingehend geprüft", sagt Rudnik. Im Zweifelsfall müssen Versicherte das "Corpus delicti"-die kaputte Brille oder den beschädigten Anzug -einschicken.

Treten in der anschließenden Untersuchung Widersprüche auf, kommen die Gutachter ins Spiel. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen werde es immer Fälle von Versicherungsbetrug geben, sagen die Experten. "In den meisten Fällen geht es ja um sehr kleine Schadenssummen", erläutert Brockmann. "Da wird es immer eine Abwägung sein, mit welchem Krafteinsatz ich das genauer verfolge." Schließlich wolle die Versicherung den Kunden nicht von vornherein verdächtigen -und Geld kostet die Detektivarbeit auch.

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