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Bayern hat noch viele kleine Brauereien, die sich dem Einheitsgeschmack entgegenstemmen. Dennoch sinkt auch hier der Pro-Kopf-Verbrauch von Bier.

Bier in der Image-Krise: Kleine Brauer setzen auf Kreativität

München - Gerstensaft ist in Deutschland längst nicht mehr in aller Munde. Seit Jahren sinkt der Pro-Kopf-Verbrauch. Doch kleine Brauer haben ein Konzept entwickelt, um gegenzusteuern - und wurden dafür mit 21 Goldmedaillen ausgezeichnet.

Gerstensaft ist in Deutschland längst nicht mehr in aller Munde. Seit Jahren sinkt der Pro-Kopf-Verbrauch, die Preise sind im Keller und Bier zum Billigprodukt verkommen. Eine wachsende Avantgarde hält dagegen und will das trübe Image aufpolieren. „Wir hatten noch nie so viele deutsche Brauereien, die mit einer Goldmedaille ausgezeichnet wurden“, schwärmt Werner Gloßner. Er ist Hauptgeschäftsführer des Verbandes Privater Brauereien, der seit acht Jahren im Münchner Vorort Gräfelfing Biersommeliers zur Verkostung lädt und dann in 49 Bierkategorien die europaweit bedeutendsten Bierpreise vergibt. 21 Goldmedaillen haben deutsche Brauer dieses Jahr abgeräumt.

Beim breiten Publikum ist so etwas noch gewöhnungsbedürftig. Während prämierte Weine gängig sind, gilt der Biergeschmack vielfach als austauschbar.

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„Wir sind selber Schuld“, sagt der US-Braumeister Eric Toft, der auch Jury-Mitglied des Beer Star ist. Er fühlt sich der deutschen Bierbranche zugehörig, weil er sein Bier für die bayerische Kleinbrauerei Schönram braut. Jahrelang hätten vor allem die im Fernsehen beworbenen Massenbiere den Verbrauchern eingehämmert, dass Bier immer gleich zu schmecken habe. Jetzt sei es zum Ramschartikel verkommen und langweilig geworden. Der Konsument wende sich ab und Aufregenderem zu.

Meist kleinere bis mittelständische Bierbrauer denken aber zunehmend um, sagt Gloßner. Vor allem die hätten 2011 prämierte Biere vorzuweisen. Vorgestellt wurden die nun bei der Nürnberger Getränkefachmesse Braubeviale. 1113 Biere aus 39 Ländern von Alt bis Honigbier haben sich beworben, 16 Prozent mehr als im Vorjahr. „Wir wurden regelrecht überschwemmt“, sagt Gloßner zum diesjährigen Angebot. Die erfolgreichsten Brauereien kommen aus Bayern, Baden-Württemberg und den aufstrebenden Biernationen Italien sowie den USA. Vor allem US-Craft Brewers haben in den letzten Jahren mit neuen Geschmacksnoten die Brauszene aufgemischt und nun auch Teile Europas infiziert. Zwölf Goldmedaillen des European Beer Star sind an sie gegangen.

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Im Weinland Italien stehen Edelbiere mittlerweile neben gutem Wein in den Regalen des Fachhandels, sagen Kenner der Szene. Erfolgreichste Brauerei beim Beer Star wurde entsprechend die Birrificio del Ducato aus Parma mit je zweimal Gold und Silber sowie dreimal Bronze. Aber auch in Deutschland tut sich etwas. So macht Baden-Württemberg in puncto Qualität Bayern die Vorherrschaft beim Weißbier streitig. Zwei Goldmedaillen in dieser Kategorie hat die Biermanufaktur aus Baisingen bei Rottenburg errungen und ist damit die am höchsten dekorierte deutsche Brauerei.

„Immer mehr Brauer setzen auf Handwerk und Individualität“, sagt Gloßner. Das gibt der Branche Hoffnung, zumal die Brauereidichte nirgendwo so hoch ist wie in Deutschland mit seinen rund 1300 Braustätten. Wenn nur ein Teil davon auf Qualität setzt, werde das einen Gärprozess hin zu wieder besserem Image in Gang setzen, lautet das Kalkül. Bezahlt mache sich das auch, betont Gloßner mit Blick auf die Preisträger des Beer Star. „Die Gewinner verkaufen fünf bis zehn Prozent mehr, nicht schlecht für einen stagnierenden bis rückläufigen Markt“, meint er.

von Thomas Magenheim-Hörmann

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