Das Bier als Weltanschauung

München - Internationale Konzerne haben auf dem Biermarkt das Sagen - auch in Bayern. Die Mehrzahl der großen Münchner Brauereien ist längst nicht mehr allein in heimischer Hand. Das Voranpreschen der Bier-Riesen erhöht den Druck im ohnehin schwierigen Geschäft. Und lässt manchen nach wahren Werten suchen.

Auf der Internetseite von Inbev, dem größten Brauer der Welt, dreht sich ein Globus. Daneben präsentiert der belgische Konzern seine Trophäen aus aller Welt, prominente Biermarken, die sich der Brau-Riese einverleibt hat, und berühmte Städte, in denen er sie verkauft: New York - Stella Artois, Moscow - Klinskoye, Seoul - Cass und schließlich: Munich - Beck's.

Dass die traditionelle Heimat von Beck's Bremen ist und damit 800 Kilometer entfernt von München liegt, wo die meisten Menschen andere, nicht minder traditionsreiche Biere bevorzugen, spielt für die Werbestrategen eines weltumspannenden Braukonzerns offenbar keine Rolle. Und ganz daneben liegen sie nicht. Denn Beck's ist mittlerweile auch ein Münchner Bier - zumindest, wenn man es in Italien kauft. Das wirkt abstrus, entspricht aber der Logik eines globalisierten Braugeschäfts.

Mit der Übernahme von Löwenbräu, Spaten und Franziskaner vor viereinhalb Jahren ist München ein Standbein des Inbev-Konzerns geworden - so wie Bremen mit der Übernahme von Beck's. Weil die Voralpen-Metropole Italien näher steht als die Hansestadt, lässt Inbev Beck's-Bier für das südeuropäische Land in München brauen. Das spart Transportkosten. Nun könnte man darauf schließen, dass Inbev auch die Münchner Marken Löwenbräu, Spaten und Franziskaner in Norddeutschland produzieren ließe, um dort vor der Tür liegende Märkte zu bedienen. Doch das komme nicht in Frage, wird im Konzern beteuert. Bei der Standortwahl für ein neues Brauereigelände im Münchner Westen achtete man penibel darauf, das Stadtgebiet nicht zu verlassen. Denn auf dem Oktoberfest darf nur Bier ausgeschenkt werden, das auf Münchner Boden gebraut worden ist.

Viel mehr Sensibilität für regionale Eigenheiten kann man von einem Bier-Konzern mit einem weltweiten Ausstoß von jährlich 250 Millionen Hektolitern wohl nicht erwarten. Die drei Münchner Inbev-Marken machen zusammen gerade mal ein Prozent dieses gigantischen Geschäfts aus.

Einen mächtigen Konzern hat sich auch der Münchner Unternehmer Stefan Schörghuber für seine Brauerei-Aktivitäten als Partner ausgesucht. Bei seiner Brau Holding International sitzt seit sechs Jahren die niederländische Heineken (rund 130 Millionen Hektoliter Jahresproduktion) über eine 49,9-Prozent-Beteiligung mit am Zapfhahn. Über diese Konstruktion gehört Heineken knapp ein Viertel der Paulaner-Gruppe, zu der auch die Marken Hacker-Pschorr, Auer (Rosenheim), Hopf (Miesbach) und Thurn & Taxis (Regensburg) zählen und die rund drei Millionen Hektoliter im Jahr produziert. Nicht nur einmal musste Schörghuber Gerüchte von einer vollständigen Übernahme seiner Brauereien durch Heineken oder einen anderen Konzern dementieren - zuletzt vor gut zwei Wochen.

So oder so bleiben nur zwei große Münchner Brauereien übrig, die vollständig in heimischer Hand sind: Hofbräu und Augustiner. In beiden Fällen wird ein Weltuntergang allgemein für wahrscheinlicher gehalten als ein Verkauf. Die Hofbräu ist ein sogenannter Regiebetrieb des Freistaats. Und so wie sein Vorgänger betont der bayerische Finanzminister Erwin Huber mit der für einen Bayern größtmöglichen Entschlossenheit: "Hofbräuhaus und Bayern gehören untrennbar zusammen. Deshalb wird das staatliche Hofbräuhaus niemals verkauft. Gar nie nicht." Nebenbei ist die Brauerei mit einem Absatz von 260 000 Hektolitern ein profitables Geschäft. Im Jahr 2006 führte sie 335 000 Euro Gewinn an die Staatskasse ab.

Als noch lukrativer gilt Augustiner. Genau wissen es nur sehr wenige Menschen. Denn bei Augustiner redet man nicht gern über sich selbst. Branchenkenner schätzen, dass hinter der Backsteinfassade an der Landsberger Straße deutlich mehr als eine Million Hektoliter Bier im Jahr produziert werden. Das ist vor allem bemerkenswert, weil Münchens älteste Brauerei (von 1328) aus Prinzip keine Werbung macht und spätestens bei Ingolstadt die Grenze zur Exportregion für überschritten hält. Auf die Flaschen in der alten, bauchigen Form wird beim Vorzeigeprodukt mit dem mäßig modischen Namen "Lagerbier Hell" ein Etikett geklebt, auf dem ein Mönch selig lächelt. So hat sich Augustiner als Gegenentwurf zu globalisierten Brau-Riesen Kultstatus in München erworben. Oberbürgermeister Christian Ude sprach schon davon, dass Augustiner nicht nur eine Marke, sondern eine Philosophie sei. Seine Stadt profitiert davon.

Bei Augustiner ist die erste Halbe eine Wohltat und die zweite eine Wohltätigkeit, heißt es. Denn die Brauerei gehört zu 50 Prozent einer gemeinnützigen Stiftung, die kulturelle und soziale Projekte unterstützt - insbesondere in München. Weitere rund 30 Prozent besitzt die Familie Inselkammer. Den Rest halten Erben der Brauer-Dynastie Wagner, in deren Händen Augustiner lange lag. Angesichts dieser stabilen Eigentümer-Struktur kann man bei Augustiner entspannt beobachten, wie sich die Brau-Riesen abstrampeln.

Die machen sich im deutschen Bier-Markt breit, weil dieser nach China und den USA der drittgrößte der Welt ist. Allerdings schrumpft er - seit der Wiedervereinigung von 115 auf 95 Millionen Hektoliter pro Jahr. Wachstum gibt es nur in speziellen Segmenten, zum Beispiel bei Weißbier. Doch auch dort ist die Konkurrenz groß. Die größte Weißbierbrauerei der Welt ist nach eigenen Angaben Erdinger Weißbräu (etwa 1,5 Millionen Hektoliter Produktion jährlich). Das Unternehmen befindet sich seit 1935 im Besitz der Familie Brombach. Und die hat bislang alle Kaufinteressenten abblitzen lassen, nutzt aber Kooperationen mit Konzernen beim Vertrieb.

Im schwierigen Bier-Markt, der zuletzt auch durch steigende Kosten bei Rohstoffen und Energie belastet wurde, setzen die Konzerne auf Größenvorteile. Doch diese Rechnung geht oft nicht auf. Das offenbarte etwa jüngst ein Brief von Schörghuber an seine Mitarbeiter, in dem er das "wirtschaftlich wenig erfolgreiche Nebeneinander und manchmal auch Gegeneinander von unterschiedlichen Brauereibeteiligungen" beklagt. "Allein mit Aufkaufen und Konsolidieren kommen die Konzerne nicht weiter", glaubt Michael Weiß, Präsident des Bayerischen Brauerbundes und Chef der mittelständischen Meckatzer Löwenbräu im Allgäu. "Es profitieren die Brauereien, die Werte pflegen und in Kulturnischen schlüpfen wie Augustiner und Tegernseer."

Das Herzoglich Bayerische Brauhaus Tegernsee befindet sich in Familienbesitz der Wittelsbacher und hat in den vergangenen Jahren einen Platz in München erobert, wo es in Getränkemärkten und Lokalen zu finden ist. Wie das gelang? Auch am Tegernsee redet man nicht über sich selbst.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Chinas Autobauer Great Wall will Fiat-Marke Jeep kaufen
Dank der langen Geschichte ist Jeep ein wertvoller Teil des Fiat-Chrysler-Konzerns. Der chinesische Hersteller Great Wall hat nun offizielle Interesse an der …
Chinas Autobauer Great Wall will Fiat-Marke Jeep kaufen
Justiz: Keine Ermittlungen gegen Audi-Chef Stadler
Die Justiz in München und den USA hat den Audi-Ingenieur P. in der Dieselaffäre ins Visier genommen. Der packt aus. Für seine Verteidiger ist die Sache klar - für die …
Justiz: Keine Ermittlungen gegen Audi-Chef Stadler
Edeka räumt Regale leer - um ein klares Zeichen zu setzen
Große Verwunderung gab es am Samstag in der Hamburger Hafencity. Dort war ein Edeka-Supermarkt wie leer gefegt - und das mit Absicht. 
Edeka räumt Regale leer - um ein klares Zeichen zu setzen
Starinvestor Buffett unterliegt im Wettbieten um Oncor
Dallas/San Diego (dpa) - Der US-amerikanische Starinvestor Warren Buffett hat beim Bieterwettkampf um den texanischen Stromanbieter Oncor den Kürzeren gezogen.
Starinvestor Buffett unterliegt im Wettbieten um Oncor

Kommentare