Billig-Arznei zu teuer: Razzia gegen 400 Pharma-Referenten

- Ulm -­ Der Name steht für einen Preisbrecher. Doch wenn der Arzt "Ratiopharm" aufs Rezept schrieb oder der Apotheker ungefragt Medikamente der vermeintlichen Billig-Marke über die Theke schoben, dann steckte dahinter in der Vergangenheit häufig nicht Preisbewusstsein, sondern eine besonders raffinierte Verkaufsförderung. Diese bezeichnet das Unternehmen selbst mittlerweile als "Vertriebspraktiken aus der Vergangenheit". Strafverfolger und Krankenkassen halten diese Praktiken auch für kriminell.

Gestern durchsuchten Staatsanwälte und Ermittler der Polizei 400 Wohnungen von früheren und noch aktiven Außendienstmitarbeitern des Unternehmens, um Beweismaterial sicherzustellen. Nach Berichten des Magazins "Stern" sollten zwei Methoden die Verkaufserfolge des schwäbischen Medikamentenherstellers ankurbeln:

- Ärzte bekamen für die bereitwillige Verschreibung von Ratiopharm-Produkten von Pharmareferenten des Unternehmens Honorare von mehreren 100 Euro -­ offiziell für Referate oder Seminare.

- Apotheker bekamen großzügige Rabatte bei Lieferungen und zusätzliche Gratis-Packungen von Medikamenten, die sie beim Verkauf mit den Krankenkassen normal abrechnen können ­- ein lukrativer Zusatzverdienst.

Inzwischen hat das Ulmer Unternehmen nach eigenen Angaben "signifikante Änderungen in Management und Geschäftspolitik vollzogen". Drei Spitzenmanager, die für die Praktiken verantwortlich gemacht wurden, mussten gehen: Geschäftsführer Claudio Albrecht, Finanzchef Peter Brock und Vertriebschefin Dagmar Siebert. Mit Philipp Daniel Merckle übernahm ein Spross der Eignerfamilie die Geschäftsführung, der die gesamte Geschäftstätigkeit auf ein "klares ethisches Fundament" stellte, wie das Unternehmen gestern mitteilte. Gleichwohl ist der Medikamentenhersteller davon überzeugt, auch früher "nicht gegen das Strafrecht verstoßen" zu haben".

Das sah zunächst auch die Ulmer Staatsanwaltschaft so. Sie stellte Ermittlungen im Herbst 2005 ein, weil sie keinen Verstoß gegen strafrechtliche Vorschriften erkennen wollte. Erst auf einen scharfen Rüffel der Generalstaatsanwaltschaft in Stuttgart kamen im April 2006 die Ermittlungen gegen Ratiopharm-Mitarbeiter erneut ins Laufen. Im November dieses Jahres wurden bereits die Firmenzentrale und die Privatwohnungen von Verantwortlichen des Unternehmens durchsucht. Gestern waren Außendienstmitarbeiter an der Reihe, in deren Händen die Betreuung der geschmierten Ärzte und Apotheker lag. Dabei wurde nach Angaben der Ermittler umfangreiches Beweismaterial sichergestellt, darunter Computer, Aktenordner und Protokolle.

Wer aber ist geschädigt? Immerhin stellt Ratiopharm billige Medikamente her. Generika sind Arzneimittel, für die der Patentschutz ausgelaufen ist und die deshalb günstiger sein können als Originale oder neuere Medikamente, für die noch Lizenzgebühren gezahlt werden müssen. Deshalb gilt die bevorzugte Verschreibung von Generika als Beitrag zur Kostensenkung. Dennoch zahlen Versicherer in Deutschland drauf, wie Erhebungen ergeben haben. So lagen die Preise für Ratiopharm-Produkte nach Angaben des "Stern" im Fall von fünf wichtigen Mitteln deutlich über denen der gleichen Präparate anderer Generika-Hersteller. So lohnen sich auch hohe Vertriebskosten. Dies hält das Preisniveau insgesamt hoch. Der Gesundheitsökonom und heutige SPD-Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach hat die Generikapreise in mehreren europäischen Ländern verglichen. Vier von zehn Medikamenten waren in keinem anderen Land so teuer wie in Deutschland.

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