Die Billionen-Euro-Branche Umwelt

Boom erwartet: - München -­ Lange hat die Ökobranche ein Schattendasein gefristet, jetzt wird sie mit Superlativen und großen Erwartungen geradezu überhäuft: Als "die Boombranche des 21. Jahrhunderts schlechthin", bezeichnet Torsten Henzelmann von der Unternehmensberatung Roland Berger die Umwelttechnik im aktuellen Magazin der Comdirect-Bank. Die stolze Summe von einer Billion Euro Umsatz im Jahr 2030 prognostiziert er der Branche.

Deutsche Unternehmen sind vorne mit dabei, wenn es um "grüne" Produkte geht. Dementsprechend boomt der Export, wie der Bundesverband Erneuerbare Energien kürzlich berichtete. Seit dem Jahr 2000 sei das Exportvolumen der Branche von einer halben Milliarde auf 6 Milliarden Euro (2006) gestiegen. Und weil weltweit die Investitionen in Wind- und Wasserkraft, Solar- und Bioenergie sowie Erdwärme rasant ansteigen, rechnet die Branche bis 2015 mit einer Verdopplung ihrer Umsätze auf 15 Milliarden Euro.

Dass gerade deutsche Unternehmen vom Trend zu den erneuerbaren Energien profitieren, führt der Verband auf "Technologieführerschaft in fast allen Bereichen" zurück. Das sieht Roland-Berger-Experte Henzelmann ähnlich. Er sieht sie als Leitbranche in Deutschland. Ein Jobmotor ist sie schon heute. 2020 wird die Branche mehr Mitarbeiter ernähren als der Maschinenbau oder die Autoindustrie. Einer Roland-Berger-Studie zufolge beschäftigt der Bereich Umwelttechnik eine Million Arbeitnehmer.

Mit den Öko-Pionieren habe Deutschland die Chance, wieder globale Champions hervorzubringen, wie August Joas von der Beraterfirma Mercer sagt. "In Zukunftsmärkten waren wir immer früh dabei, sehr oft scheiterten wir dann an der Vermarktung. Diese Fehler kann die Umweltbranche vermeiden."

Berühmte Beispiele für Ideen aus Deutschland, die andernorts zum Kassenschlager wurden, sind der erste Computer (Z3) von Konrad Zuse im Jahr 1941 oder Ende der 80er-Jahre der in einem Fraunhofer-Institut entwickelte MP3-Player. Das jüngste Gegenbeispiel einer deutschen Neugründung, die weltweit erfolgreich wurde, ist die Softwarefirma SAP.

Bei der Umwelttechnik könnte Deutschland langfristig profitieren. So wachse in China der Energiebedarf jährlich um 20 Prozent. Gleichzeitig lägen 16 der 20 Großstädte mit der schlechtesten Luftqualität weltweit in China. Mindestens 10\x0f000 Klärwerke müssten gebaut werden, der Bedarf an Abfallentsorgung sei riesig, und auch in die Trinkwasserversorgung müssten Milliardensummen investiert werden.

Unternehmen aus Deutschland hätten diesen Bedarf erkannt. Mercer-Berater Joas sagte: "Wir haben gute Zutaten: Verfahrenstechnik, Chemie, Anlagenbau." Darum seien neben den Start-ups der Branche auch industrielle Schwergewichte wie Siemens vertreten, wo schon jetzt die Hälfte des Forschungsetats von 5,7 Milliarden Euro in Projekte wandert, die mit dem Klimaschutz zusammenhingen.

Henzelmann sieht im Aufwind der Umwelttechniken zudem einen Widerspruch zur These der "Basarökonomie", die der Chef des ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, aufgestellt hat. Demnach fällt der größte Teil der Wertschöpfung der deutschen Exportindustrie nicht in Deutschland an, sondern bei Vorproduzenten in Osteuropa oder Asien. "Für die Umwelttechnik trifft das kaum zu", sagt Henzelmann. "Bei Solarzellen liegt der Anteil der Wertschöpfung in Deutschland bei 70 bis 80 Prozent. In der Automobilindustrie ist es gerade mal die Hälfte."

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