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Der jüngste Skandal um italienische Bio-Ware, die in Wahrheit aus herkömmlicher Produktion stammte, hat die Kunden allenfalls kurzfristig irritiert. Grundsätzlich ist die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln schon beim Discounter angekommen.

Bio-Boom freut Bauern in Osteuropa

Münhen - Seit zehn Jahren gibt es das Bio-Siegel der EU. Doch ist wirklich immer „Bio“ drin, wo „Bio“ draufsteht? Der Skandal um gefälschte Ware aus Italien machte auch klar: Je öfter die Nachfrage durch Importe gedeckt werden muss, desto nötiger werden Kontrolle.

„Puh“, macht die Verkäuferin im Bio-Supermarkt ratlos und bläst die Wangen auf. „Schwarze Schafe gibt es natürlich überall. Aber ich würde mal sagen, bei uns können Sie zu 99 Prozent sicher sein, dass die Ware wirklich ,Bio‘ ist.“ Der Kunde setzt also seinen Weg zur Kasse fort, im Einkaufskorb auch die Dosentomaten aus Italien. Aber eine Spur Misstrauen bleibt. Aus Italien, so kam jüngst heraus, wurden jahrelang hunderte Tonnen als Bio-Produkte deklarierte herkömmliche Lebensmittel auch nach Deutschland gebracht. Rund die Hälfte der hierzulande konsumierten Bio-Ware ist inzwischen Importware – weil Bio boomt und der heimische Anbau die Nachfrage längst nicht decken kann.

Erst vor wenigen Tagen zeigte eine Untersuchung, dass Deutschland zum Beispiel 48 Prozent der Bio-Karotten einführt und 50 Prozent der Öko-Äpfel. Bei Weizen sind es immerhin 21 Prozent. Bei Tomaten, Paprika und Bananen steigt die Quote sogar auf 80, 90 und 100 Prozent, da sie das ganze Jahr über gefragt sind, aber in Deutschland nicht oder zumindest nicht immer wachsen. „Wo wir heimische Produkte erzeugen können, werden die Verbraucher auch darauf zurückgreifen“, ist Markus Rippin überzeugt.

Öko-Anbau zu wenig gefördert

Sein auf Bio-Produkte spezialisiertes Marktforschungsinstitut Agro-Milagro Research hat an der Studie mitgewirkt. „Die aktuelle Regierung macht sich aber nicht für Bio stark“, beklagt er. Öko sei für viele Bauern deshalb nicht rentabel. Stattdessen satteln sie auf die Produktion von Bio-Gas um, weiß Wolfram Dienel vom Deutschen Bauernverband. Wegen der starken Förderung über das Energieeinspeisegesetz sei die Umstellung auf Öko-Ackerbau „häufig nicht konkurrenzfähig“. Zudem sei Importware oft billiger. In den vergangenen drei Jahren, stellte Matthias Balz vom Münchner ifo-Institut fest, haben sich die Einfuhren fast verdoppelt.

Es ist paradox: Wir haben uns inzwischen daran gewöhnt, dass es so gut wie jedes Lebensmittel auch in der „Bio“-Ausführung gibt. Doch in Deutschland lohnt es sich eher, Mais oder Getreide zu verfeuern, als die Pflanzen im Ökolandbau zu kultivieren. 2010 übertraf dessen Fläche zwar erstmals die Marke von einer Million Hektar. Aber das sind nur knapp sechs Prozent der Agrarfläche insgesamt. „Die Umstellung auf Ökolandbau kann drei Jahre dauern“, erklärt Joyce Moewius vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft das Problem. „Während dieser Zeit muss der Landwirt nach den Ökorichtlinien produzieren, darf seine Produkte aber noch nicht als solche und damit auch zu höheren Preisen verkaufen.“

Stattdessen wird vermehrt in Osteuropa auf den Flächen ehemaliger Kolchosen produziert. In den Ländern gibt es keinen großen Markt für Bio-Produkte, wohl aber viele Hektar Agrarland, auf denen wegen des niedrigen Lohnniveaus billiger produziert werden kann. So gehören Rumänien, die Slowakei, aber auch Russland und Kasachstan zu den wichtigsten Lieferländern für den deutschen Getreidebedarf. Bei Ölsaaten einschließlich Sojabohnen ist Rumänien zu Italien aufgerückt. Neben Bio-Gurken aus Holland und Spanien finden sich im Gemüseregal immer häufiger solche aus Bulgarien. Die neuen Lieferländer helfen, den Bedarf zu decken, der, davon sind Branchenkenner überzeugt, auch 2012 steigen wird. Von Januar bis September 2011 verzeichnete das Marktforschungsunternehmen Nielsen ein Umsatzplus von 9,5 Prozent. Der Umsatz mit konventionellen Lebensmitteln in Warenklassen, die eine Bio-Alternative anbieten, stieg dagegen lediglich um drei Prozent.

Auch Supermärkte reiten auf Bio-Welle

Von dem Boom profitierten nicht nur Bioketten wie Alnatura. Das Unternehmen erhöhte seinen Umsatz im am 31. September beendeten Geschäftsjahr um 16 Prozent auf 464 Millionen Euro und eröffnete zwölf weitere Super-Natur-Märkte. „Bio und vor allem Rewe Bio ist für die Rewe-Märkte ein unverzichtbares Sortiment, das zur Kundenbindung, zur Neugewinnung von Kunden und zur Profilierung beiträgt“, sagt auch Rewe-Sprecher Raimund Esser. Bei Lidl erwartet Petra Trabert ebenfalls eine steigende Nachfrage. Der Discounter plane einen Ausbau seiner Eigenmarke Biotrend.

Weite Wege, schwierige Kontrollen

Der Skandal um italienische „Bio“-Produkte werde womöglich einige Kunden abschrecken, sagt Agro-Milagro-Inhaber Rippin. „Aber wohl vor allem Leute, die nicht so häufig Bio-Waren kaufen.“ Der Bio-Fachhandel werde dagegen davon profitieren. Für das Vertrauen, dass die dortigen Produkte meist nicht nur nach den Richtlinien der EU-Ökoverordnung hergestellt, sondern weiteren Kontrollen von Verbänden wie Demeter unterzogen wurden, seien die Verbraucher auch zur Zahlung höherer Preise bereit. Ein hundertprozentiger Schutz vor Betrügern, weiß Rippin, ist aber auch das nicht. „Je weiter die Ware reist, desto schwieriger werden Kontrollen.“

Karin Finkenzeller

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