GPC Biotech: Zukunftsfirma in Turbulenzen

Martinsried - Einer der größten Hoffnungsträger der bayerischen Biotech-Branche befindet sich in Turbulenzen. In den kommenden Tagen sollte GPC Biotech die Zulassung des Krebsmittels Satraplatin erhalten. Daraus wird nun nichts. Ein Lehrstück über die schwere Geburt eines Medikaments und die Risiken einer Zukunfts-Branche.

Eine gelb-blaue Kapsel, kleiner als eine Büroklammer, ist das Ein und Alles von GPC Biotech. Hunderte Menschen haben sich für Versuche hergegeben, Wissenschaftler Tests ausgewertet und Investoren zigmillionen Euro aufgebracht in der Hoffnung, dass aus der Kapsel das Krebsmedikament Satraplatin wird. Für die kommenden Tage hatte das Unternehmen aus Martinsried (Kreis München) die Zulassung für die USA erwartet, wo man das Präparat mit einem geschätzten Umsatzpotenzial von 500 Millionen Dollar pro Jahr zuerst auf den Markt bringen will. Stattdessen kam von dort eine Nachricht, die GPC erschüttert hat.

Vor elf Tagen stellte die Behörde FDA, die darüber entscheidet, ob ein Medikament in den USA verkauft werden darf, ein Dokument ins Internet, mit dem die Misere für GPC begann. An diesem Tag stürzte die GPC-Aktie um rund ein Drittel ab.

Medikamente werden vor ihrer Zulassung in mehreren Stufen erprobt. Kern dieser Tests sind drei sogenannte klinische Studien, in denen das Präparat an Patienten ausprobiert wird. Dabei gibt es beim Krebsmittel Satraplatin unter anderem zwei wichtige Beobachtungen: Wie lange zögert das Mittel den Zeitpunkt hinaus, ab dem die Krankheit trotz Behandlung wieder fortschreitet? Und wie viel Lebenszeit gewinnen die Patienten dadurch? Zunächst war GPC davon ausgegangen, dass die Zulassungsbehörde sich hauptsächlich für die erste der beiden Fragen interessiert. Angesichts der dafür bereits ermittelten Daten erhoffte man sich die Zulassung bis 15. August. Doch seit Auftauchen des FDA-Dokuments vor elf Tagen keimten daran Zweifel. Diese wurden praktisch Gewissheit, als eine Expertenkommission der FDA empfahl, sich lieber auf die zweite Frage zu konzentrieren, nämlich, wie lange die Patienten überleben. Das heißt: Zunächst soll abgewartet werden, bis die Versuchspatienten gestorben sind, bevor über die Zulassung entschieden wird. Das dürfte bis zu sechs Monate dauern und wirft den Zeitplan für Satraplatin um. Die Folgen sind fatal. Denn GPC hat kein anderes Präparat, das auch nur annähernd so weit in der Entwicklung fortgeschritten ist.

Innerhalb einer Woche verlor das Unternehmen etwa zwei Drittel seines Börsenwertes von zuvor über einer Milliarde Dollar. "Man weiß nicht genau, wann die neuen Daten kommen werden und wie sie ausfallen werden", heißt es in Analystenkreisen. "Man weiß verdammt viel nicht, das ist das Problem."

GPC hat gestern den Antrag für die zunächst geplante, schnelle Zulassung von Satraplatin zurückgezogen und will sich nun auf die um Monate verzögerte Zulassung einstellen, teilte das Unternehmen mit. "Wir waren sehr überrascht und enttäuscht", sagte GPC-Chef Bernd Seizinger. "Aber wir müssen vorwärts schauen. Daher fokussieren wir unsere Arbeit nun auf die Überlebensdaten."

Doch allein darauf kann sich das Unternehmen nicht konzentrieren. Wegen des Kurssturzes hat eine US-Anwaltskanzlei eine Sammelklage eingereicht. Der Vorwurf: GPC habe falsche Daten über das Krebsmittel veröffentlicht und so den Aktienkurs aufgebläht. Zwar bezeichnet das Unternehmen die Anschuldigungen als "haltlos" und will sich "energisch gegen sie verteidigen". Doch auch das bindet Arbeitszeit und Geld. Vor allem Letzteres ist in der Branche ein knappes Gut. So sehen Analysten der WestLB bei GPC inzwischen eine "schwierige finanzielle Lage". Die Geldreserven würden nur bis Mitte 2008 reichen. Die einzige Chance bestünde darin, mit einem anderen Unternehmen zusammenzuarbeiten oder Lizenzen für Satraplatin zu verkaufen. In beiden Fällen bliebe wohl weniger Umsatz bei GPC hängen.

Rückendeckung erhielt GPC von seinem Großaktionär Dietmar Hopp. Der Milliardär und Gründer des Software-Unternehmens SAP investiert seit einigen Jahren in Biotech-Unternehmen - unter anderem in GPC. Er ließ sich mit den Worten zitieren: "Die Firma ist gut. Ich lasse sie nicht im Stich." Gestern stieg der Aktienkurs immerhin um rund vier Prozent auf 8,52 Euro.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Opel: Zypries pocht in Paris auf Arbeitsplatz-Erhalt
Paris - Opel beschäftigt die große Politik: Am Donnerstag haben Wirtschaftsministerin Zypries und ihr Amtskollege Michel Sapin über den Verkauf an Peugeot gesprochen.
Opel: Zypries pocht in Paris auf Arbeitsplatz-Erhalt
Finanzinvestor Advent bietet 3,6 Milliarden Euro für Stada
Das Bieterrennen um Stada geht auf die Zielgerade. Nun liegt ein erstes verbindliches Angebot vor. Schon in wenigen Tagen könnte sich entscheiden, ob der hessische …
Finanzinvestor Advent bietet 3,6 Milliarden Euro für Stada
Trumps Finanzminister prophezeit sattes Wirtschaftswachstum
Washington - Donald Trumps neuer Finanzminister verspricht Großes: Reformen sollen den USA „echtes Wachstum“ bringen. Geplant sind unter anderem Steuersenkungen für …
Trumps Finanzminister prophezeit sattes Wirtschaftswachstum
Textilgipfel in Bangladesch unter Druck
Dhaka (dpa) – Kurz vor dem internationalen Bekleidungsgipfel in Bangladesch am Samstag wächst der Druck auf die Textilhersteller in dem Land.
Textilgipfel in Bangladesch unter Druck

Kommentare