Bitte kein Bewerbungsfoto mehr: Wie das Gleichstellungsgesetz wirkt

- München - Seit zwei Wochen können sich Arbeitnehmer leichter gegen Benachteiligungen wegen ihres Geschlechts, Alters oder ihrer Religion wehren: Das Gleichbehandlungsgesetz ist in Kraft getreten. In den Unternehmen werden nun Personaler und Führungskräfte im diskriminierungsfreien Verhalten geschult, um Klagen von Bewerbern oder Mitarbeitern abzuwenden.

Es ist vollbracht: Über Jahre hatte die Politik um das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz gerungen, das in der vergangenen Legislaturperiode noch Anti-Diskriminierungsgesetz hieß. Seit 18. August nun gilt das AGG, dessen Ziel es laut dem ersten Paragraf ist, "Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen".

Doch so lange die Gesetzgebung gedauert hat, so wenig zufrieden sind die Akteure mit dem Ergebnis. Während den Gewerkschaften die Regelung in Teilen zu lasch ausgefallen ist, schimpfen Wirtschaftsverbände über den sich ergebenden Verwaltungsaufwand. Zudem fürchten die Unternehmen, dass sich Arbeitnehmer nicht nur in berechtigten Fällen auf das mächtige Gesetz stützen werden -es erlaubt ihnen vor Gericht zu ziehen, wann immer sie sich wegen einer abgelehnten Bewerbung, der Beförderung oder Kündigung diskriminiert fühlen.

"Mancher Jurist wird sich darauf spezialisieren, für abgewiesene Bewerber oder frustrierte Arbeitnehmer zu klagen", heißt es hinter vorgehaltener Hand. Um rechtlichen Streitereien vorzubeugen, müssen die Firmen wesentliche Teile ihrer Personalarbeit umkrempeln, sagen Experten. So empfiehlt der Bundesverband Zeitarbeit, Stellenausschreibungen auf diskriminie- rungsfreie Phrasen zu prüfen. Problematisch könnten schon unverfängliche Anforderungen sein, wie: "Junge(r) Verkäufer( in)", weil sich dadurch ältere Bewerber benachteiligt fühlen könnten oder "Deutsch als Muttersprache", weil dies ausländische Interessenten ausgrenzen würde.

Die IHK für München und Oberbayern empfiehlt ihren Mitgliedsfirmen darüber hinaus, künftig auf Bewerbungsfotos zu verzichten. Abgelehnte Kandidaten könnten sich wegen Hautfarbe oder Alter diskriminiert fühlen. Ohnehin rät IHK-Fachmann Volker Schlehe, Absagen möglichst knapp zu verfassen: "Je weniger drin steht, desto besser", sagt der Rechtsanwalt. "Sonst könnten aus dem Text womöglich eine Diskriminierung abge leitet werden." Das gilt nach Schlehes Worten aber auch in anderen Fällen. Etwa, wenn Mitarbeiter unterschiedlichen Geschlechts den gleichen Job ausüben, aber unterschiedlich viel verdienen.

Oder wenn einem älteren Mitarbeiter gekündigt wird. Zumindest die großen Unternehmen passen sich bereits an. "Wir sind dabei, Personalund Führungskräfte zu schulen und die geforderte Beschwerdestelle einzurichten", bestätigt etwa ein Sprecher des Lastwagen-Herstellers MAN in München. Auch der Technologie-Riese Siemens oder die HypoVereinsbank filzen Jobausschreibungen oder Personalbögen auf missliche Formulierungen.

Noch ist unklar, ob trotz dieser Maßnahmen die befürchtete Klagewelle über die Firmen hereinbricht. Bislang sind zumindest im Raum Oberbayern keine Streitigkeiten wegen des AGG bekannt, wie IHK-Mann Schlehe sagt -der sich skeptisch gibt. Ganz anders der Deutsche Gewerkschaftsbund DGB in Berlin: "Wir rechnen nicht mit einer Klagewelle", sagt die Gleichstellungsexpertin Claudia Menne. In den vergangenen 25 Jahren habe es bundesweit nur 112 Verfahren wegen Gleichstellungsdingen gegeben.

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