"Blamage für das Kassensystem"

  • schließen

München - Mit der Pleite der City BKK schließt heute erstmals seit Jahren eine gesetzliche Krankenkasse. Wir sprachen mit dem Chef der Techniker Krankenkasse, Norbert Klusen, über das miserable Krisenmanagement, höhere Zusatzbeiträge und Behandlung über das Telefon.

Ist die Schließung der City BKK der Auftakt für eine Pleitewelle?

Ich glaube nicht. Es gibt sicher einige Kassen, die finanzielle Schwierigkeiten haben. Diese Probleme werden sie aber vermutlich durch Fusionen lösen.

Das Krisen-Management rund um die Pleite der City BKK hat kein gutes Licht auf die gesetzlichen Kassen geworfen. Stichwort: Ablehnung von älteren Patienten.

Was wir bei einigen Kassen erlebt haben, ist unsäglich und macht mich sprachlos. Das war eine Blamage für das Kassensystem. Die Techniker Krankenkasse hat sich anders verhalten. Wir haben allein 53 000 Mitglieder der City BKK aufgenommen.

Sie haben also niemanden abgelehnt?

Nein. Mir liegen nur vier Beschwerden vor, bei denen möglicherweise unsere Mitarbeiter sich nicht ganz korrekt verhalten haben. Wir haben aber niemand abgewiesen.

Warum hat das Kassensystem in der Krise versagt?

Die Schwierigkeiten der City BKK waren lange bekannt und hätten innerhalb der Betriebskrankenkassen (BKK) gelöst werden können. Stattdessen wird das Problem der City BKK allen Kassen vor die Füße geworfen. Das BKK-System war offensichtlich nicht in der Lage, seine eignen Probleme zu lösen. Allerdings rechtfertigt dies nicht das Verhalten mancher Kasse. Um Versicherte der City BKK nicht aufnehmen zu müssen, wurden plötzlich Geschäftsstellen wegen Renovierung geschlossen oder es wurde einfach an die Konkurrenz verwiesen. Gerade die, die sich selbst Versorgerkassen nennen und sonst stets nach größeren Ausgleichszahlungen rufen, haben sich nicht mit Ruhm bekleckert.

Kritiker klagen: Der Gesundheitsfonds ist schuld, weil er Kassen mit überproportional vielen Versicherten in Großstädten massiv benachteiligt. Sind Korrekturen nötig?

Nein. Auch die Techniker Krankenkasse hat überproportional viele Versicherte in Großstädten, gleicht das aber durch unsere überregionale Struktur aus. Wir sind in Berlin nach der AOK die zweitgrößte Kasse. In Hamburg liegen wir etwa gleichauf. Mit jeder Ungerechtigkeit, die man löst, schafft man fünf neue.

Also keine Korrektur des Fonds, den Sie stets vehement abgelehnt haben?

Ich halte den Fonds auch heute noch für überflüssig. Aber nicht mal ein liberaler Gesundheitsminister schafft ihn ab. Wer soll ihn also auflösen? Wir müssen daher mit dem Fonds leben.

Der Gesundheitsfonds erwirtschaftet derzeit Milliarden-Überschüsse - dennoch drohen immer mehr Kassen mit Zusatzbeiträgen. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären?

Der Überschuss liegt derzeit bei drei Milliarden Euro. Im Gesundheitswesen ist das nicht viel. Damit könnten die Krankenkassen gerade mal eine Woche ihre Ausgaben bestreiten. Weil die Kassen nur Durchschnittskosten aus dem Fonds bekommen, kann es sein, dass weitere Kassen Zusatzbeiträge erheben müssen.

Die Techniker Krankenkasse hat für 2011 Zusatzbeiträge ausgeschlossen. Gilt dies auch für 2012?

Ja. Auch 2012 wird es bei uns keine Zusatzbeiträge geben.

Den meisten Kassen dürfte spätestens 2012 das Geld knapp werden. Wie werden sich die Zusatzbeiträge entwickeln?

Ich habe keinen Einblick in die Finanzen der anderen Kassen. Ich weiß nur: 2013 ist wieder Bundestagswahl. Ob es sich die Regierung leisten kann, dass die Kassen genau in diesem Jahr auf breiter Front Zusatzbeiträge erheben - da bin ich skeptisch. Die Versicherten sind bei den Zusatzbeiträgen sehr sensibel.

Die Zahl der Ärzte steigt, dennoch drohen langfristig Engpässe auf dem Land. Braucht es höhere Honorare für Landärzte?

Schon jetzt ist es möglich, die Neuansiedlung von Praxen auf dem Land zu fördern. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass wir das Problem nur über höhere Honorare lösen.

Was schlagen Sie vor?

Wenn es wirklich einen Mangel in der Versorgung gibt, dann müssen wir weitaus kreativer sein. Und es darf keine Denkverbote geben. Wir könnten zum Beispiel Krankenhäuser stärker in die ambulante Versorgung einbinden. Oder Stichwort Telemedizin: In anderen Ländern ist es selbstverständlich, dass der Patient zunächst seinen Hausarzt anruft und seine Beschwerden schildert. Das Internet bietet auch neue Chancen - etwa die Videotelefonie. Schließlich könnten auch qualifizierte Krankenschwestern manchen Hausbesuch übernehmen. Geld allein bewegt junge Menschen jedenfalls nicht, in Gegenden zu ziehen, wo der Ehepartner nur schwer einen Job findet und das kulturelle Angebot eher bescheiden ist.

Private und gesetzliche Krankenkassen kritisierten die geplante Reform der Gebührenordnung für Zahnärzte scharf. Sie fürchten hohe Kosten für die Versicherten. Teilen Sie die Befürchtung?

Die Zahnärzte müssen natürlich ordentlich bezahlt werden, und das werden sie ja auch. Sie haben allerdings in den letzten Jahren zusätzlich Verdienstmöglichkeiten entdeckt. Wir werden daher aufpassen, dass unseren Versicherten keine Nachteile entstehen.

Interview: Steffen Habit

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Solaranlage versichern: Risiko auf dem Dach
Eine Police ist zwar nicht Pflicht. Aber es ist durchaus sinnvoll, eine Solaranlage auf dem Hausdach zu versichern. Gute Verträge gibt es bereits ab 100 Euro im Jahr.
Solaranlage versichern: Risiko auf dem Dach
Schwarzer Tag für Bausparer: Fragen & Antworten zum Urteil des BGH
Karlsruhe - Wegen der hohen Zinsen haben Bausparkassen ihren Kunden geschätzt 250.000 ältere Verträge gekündigt. Verbraucherschützer werfen ihnen vor, in besseren Zeiten …
Schwarzer Tag für Bausparer: Fragen & Antworten zum Urteil des BGH
PSA-Chef gibt Merkel in Übernahmepoker Garantien für Opel
IG Metall und Opel-Betriebsrat wollen eine mögliche Übernahme durch den Konzern PSA Peugeot-Citroën mitgestalten. Auch die Politik will den von General Motors geplanten …
PSA-Chef gibt Merkel in Übernahmepoker Garantien für Opel
EU geht weiter gegen Steuertricks von Großkonzernen vor
Fortschritt und Stillstand beim Treffen der EU-Finanzminister: Neue Regeln zum Kampf gegen Steuervermeidung, aber langsames Vorankommen bei der EU-Liste für Steueroasen. …
EU geht weiter gegen Steuertricks von Großkonzernen vor

Kommentare