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Lieferung im Anflug: Die Tiramizoo-Geschäftsführer Michael Löhr (links) und Thomas Bluth werfen sich fürs Foto Päckchen zu. Eigentlich lassen die Münchner liefern. Ihr Job ist es, Händler und Kurierfahrer zusammenzubringen.

Blitz-Zustellung

Diese Münchner liefern binnen 90 Minuten

München – Pakete sollen künftig noch am Tag der Bestellung beim Kunden ankommen. Einem Münchner Unternehmen geht das nicht schnell genug. Mit Tiramizoo werden Einkäufe bereits heute 90 Minuten nach der Bestellung an die Haustür geliefert.

Wer in München eine Pizza bestellt, bei dem klingelt im Normalfall rund 30 Minuten später der Lieferservice. Wer einen Fernseher oder eine neue Waschmaschine ordert, muss darauf weitaus länger warten. So war das zumindest bisher. Das Ziel des Online-Handels lautet mittlerweile: Lieferung am selben Tag – im Fachjargon Same-Day-Delivery genannt. Dass es noch schneller geht, zeigt Tiramizoo. Mit dem Münchner Unternehmen sind Bestellungen – ob Haushaltsgeräte, Elektronik, Kleidung oder Lebensmittel – spätestens nach 90 Minuten beim Kunden. Der Tiramizoo-Rekord liegt bei einer halben Stunde.

Das Münchner Unternehmen liefert allerdings nicht selbst Pakete im Eiltempo aus. Tiramizoo bringt als Generalunternehmer Handelsunternehmen und Kurier-Fahrer zusammen. Die Münchner arbeitet mit über 100 Kurierdiensten in 20 deutschen Städten zusammen – theoretisch stehen 1200 Kurier-Fahrer auf Abruf bereit, rund fünf Prozent davon sind Fahrrad-Kuriere. Zu ihren Kunden zählen in München unter anderem Saturn, Media Markt, Conrad, Nespresso und Loden Frey. „Eigentlich sind wir ein Broker, der Kurierfahrten vermittelt“, erklärt Michael Löhr, einer der Gründer von Tiramizoo.

Löhr (38) und sein Partner Thomas Bluth (45) sitzen in einem spartanisch eingerichteten Büro in der Münchner Innenstadt. Ihr Produkt ist eine Software, viel Platz braucht die nicht. Die beiden Geschäftsführer tragen Dreitagebart, unter dem Sakko blitzt der giftgrüne Schriftzug ihres Unternehmens hervor: Tiramizoo. Der Name erinnert an ein italienisches Dessert. „Übersetzt heißt Tiramisu: Mach mich glücklich“, sagt Löhr. Er hat sich den Namen ausgedacht. „Das Doppel-O am Ende ist eine Anlehnung an Google.“

Michael Löhr ist Maschinenbauingenieur. 2010 hat er seinen Job an den Nagel gehängt und gemeinsam mit einem Freund Tiramizoo gegründet. Vor drei Jahren nahm das Start-up offiziell seine Geschäfte in München auf. Thomas Bluth ist erst vor wenigen Wochen eingestiegen; er ist Betriebswirt und selbst Gründer eines High-tech-Unternehmens in Österreich. Löhr ist der Visionär, Buth der Mann mit Erfahrung – mit den Worten des Gründers: „Thomas kann gut Gitarre spielen und ich habe die Idee für einen Rocksong.“

Diese Idee entstand 2006. Michael Löhr arbeitet in der Forschung und Entwicklung von Wasserstoffzellen. Effizienz spielt in seinem Arbeitsalltag eine große Rolle. Während der Online-Handel in Deutschland seinen Siegeszug antritt, hat Löhr eine Idee, die ihn nicht mehr loslässt: Ein Express-Service, der Einkäufe innerhalb kürzester Zeit nach Hause liefert – unabhängig davon, ob der Kunde im stationären Handel einkauft oder im Internet. Löhr lässt eine Software programmieren, die Bestellungen und Kurierdienste koordiniert: Sie verarbeitet Anfragen von Händlern, beauftragt Kurierfahrer, informiert den Endkunden über den Zeitpunkt der Lieferung und berechnet automatisch die kürzeste und wirtschaftlichste Route. Das Prinzip: Mit möglichst wenig Autos die kürzesten Wege finden. „Ein Kurierfahrer bringt 30 Autos von der Straße“, rechnet Löhr vor. Das sei auch positiv für die Umwelt.

Same-Day-Delivery ist ein Wachstumsmarkt. Davon ist Löhr von Anfang an überzeugt – und davon überzeugt er auch andere. Bayern Kapital, die BayBG, DPD, Daimler, zwei Business-Angels und die Gründer selbst steckten Geld in das Unternehmen. Bayern Kapital, eine Tochter der LfA-Förderbank, war der erste institutionelle Investor nach den Gründern. „Die technische Innovation hatte Potenzial und das Gründerteam hat uns überzeugt“, erinnert sich Wolfgang Dengler, Senior-Beteiligungsmanager bei Bayern Kapital.

Heute hat die Tiramizoo GmbH 15 Mitarbeiter. Noch verdienen die Münchner kein Geld, aber die Zahl der Kunden und der Pakete steigt – vor allem in Großstädten ist das Potenzial groß. „In Städten wie München haben immer weniger Menschen ein Auto. Dazu kommt, dass die Innenstadt bereits jetzt total verstopft ist“, sagt Löhr. Deshalb konzentriert sich Tiramizoo auf Deutschlands Großstädte. Die durchschnittliche Lieferstrecke liegt bei zehn Kilometern. Zum Teil wird aber auch ins Umland geliefert – etwa im Landkreis München.

In der Praxis sieht das dann zum Beispiel so aus: Ein Kunde kauft bei Media Markt im Online-Shop einen Fernseher. Bei der Bestellung wird angezeigt, ob eine Express-Lieferung theoretisch möglich ist. Wenn gewünscht, wird der Fernseher (mit 9,90 Euro Aufpreis) noch am gleichen Tag innerhalb von 30 Minuten bis drei Stunden vor die Haustür geliefert. Alternativ ist auch eine Zustellung zum Wunschtermin innerhalb von vier Tagen mit einem Zeitfenster von zwei Stunden möglich. Wer sich lieber in einer Filiale beraten lässt, kann aber auch vor Ort in einem Media Markt den Express-Service in Anspruch nehmen, der den Fernseher dann über Tiramizoo nach Hause liefert.

Den Händler kostet die Lieferung zum Wunschtermin am selben Tag je nach Größe und Gewicht des Pakets ab 9,95 Euro. Die Sofortlieferung in 90 Minuten gibt es ab 14,90 Euro. Wie viel der Endkunde für den Service bezahlt, liegt ganz beim Händler. „Umso mehr Pakete geliefert werden, umso günstiger wird es für den Endkunden“, sagt Bluth.

Die Vision der Münchner: Gibt es die Sofortlieferung irgendwann ab fünf Euro, wird auch die Lieferung der Lebensmittel-Einkäufe interessant. Wenn es soweit ist, wollen die Münchner ganz vorne mit dabei sein.

Manuela Dollinger

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