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Der elektrische i3 im Rampenlicht. BMW-Chef Norbert Reithofer warb gestern auf der Hauptversammlung bei den Aktionären für seinen Elektromobilitäts-Kurs.

Autoindustrie

BMW-Chef Reithofer und die „German Angst“

München - BMW wagt mit seinem Elektroauto i3 einen Alleingang. Konzernchef Norbert Reithofer holte sich bei der Hauptversammlung die Rückendeckung der Aktionäre.

Wenn in einem Unternehmen etwas schmerzhaft schiefgehen kann, greifen deutsche Manager gern zum Wort „Challenge“. Das ist englisch, heißt auf deutsch Herausforderung und tut keinem weh. Da lässt es aufhorchen, dass BMW-Chef Norbert Reithofer auf der gestrigen Hauptversammlung gleich mehrfach ganz ehrlich das harte Wort Risiko in den Mund nahm und davon sprach, „etwas zu wagen“.

Damit räumte Reithofer ein, dass die Entwicklung des i3, eines Elektroautos, das Ende 2013 auf den Markt kommen wird, auch in einen Flop münden könnte. Aber er holte sich mit der klaren Ansage die Rückendeckung der Aktionäre für seinen Kurs, dem bisher kein anderer Autohersteller folgen will. „Man steht allein auf weiter Flur“, beschrieb Reithofer den BMW-Weg.

Bei diesem Auto wurden Elektromotor und Batterie nicht einfach in ein bestehendes Fahrzeug eingebaut, wie es andere tun. Das Auto mit seinem Alu-Rahmen und der Kohlefaser-Karosserie ist rund um Batterie und Elektromotor ganz neu aufgebaut worden. Das war Neuland und hat den Vorteil, dass dieses Auto – verglichen mit anderen Elektro- und Hybrid-Konstruktionen – ein Leichtgewicht ist. Es bringt damit bei weniger Energieeinsatz mehr Leistung auf die Straße. Es hat aber den Nachteil, dass Kaufinteressenten sich am Ende doch für etwas Altbekanntes entscheiden könnten, das einen Auspuff hat, ein Getriebe mit sechs bis neun Gängen und den vertraut schnurrenden Verbrennungsmotor. Das alles gibt es im i3 nicht.

„Wer etwas Neues schaffen will, hat alle zu Feinden, die aus dem Alten Nutzen ziehen“, zitiert Reithofer den italienischen Politik-Philosophen Niccolò Machiavelli (1469 bis 1527) und spottet auch über die zögerliche Haltung der Konkurrenten. „German Angst“ sei dem Ausland vertraut“, sagte er. „Wenn es darum geht, grundlegende Veränderungen einzuleiten, dann wird hierzulande erst einmal lang und ängstlich diskutiert.“

Dabei ist Reithofer kein Hasardeur. Das Risiko, das er sich gestern von den Anteilseignern absegnen ließ, ist in Wahrheit überschaubar: BMW hat die Entwicklungskosten als Aufwand verbucht, aber darauf verzichtet, diesen Aufwand als fiktives Vermögen in die Haben-Seite der Bilanz aufzunehmen. Damit müsste selbst bei einem Flop nicht mehr viel abgeschrieben werden.

Umgekehrt sind die vielen Neuerungen gebündelt zwar nur im i3 und ab 2014 auch im i8 zu haben. Doch getrennt finden sie zunehmend den Weg in ganz normale BMWs. Carbonteile ersetzen Blech. Und der Elektromotor, die Batterie und die dazugehörige Elektronik treiben auch die Hybrid-Varianten anderer Modelle an.

Da ist BMW weniger auf die Angebote von Zulieferern angewiesen als die Konkurrenten. Damit wäre ein i3-Flop zwar peinlich, aber keine finanzielle Katastrophe – wie einst das Abenteuer mit Rover.

Ohnehin glaubt Reithofer an den Erfolg. Zum Beispiel in China, wo Elektroautos bevorzugt zugelassen werden und ihren Eignern monate- oder gar jahrelange Wartefristen ersparen. Außerdem rechnet er nach den Erfahrungen mit den bisherigen Elektro-Testflottendamit, dass die meisten Fahrer selbst die geringe Reichweite von 150 Kilometern nicht ausschöpfen. Und für alle, die sich vor der leeren Batterie fürchten, bietet BMW einen „Range-Extender an, ein kleines Kraftwerk, das unterwegs nachlädt.

Reithofer betont auch die neuen Fertigungsverfahren und die kurzen Produktionszeiten des i3. Beides spart Kosten und kann den hohen Aufwand für Carbon und Batterie teilweise ausgleichen. Es könnte sein, dass der Preis des i3 – derzeit eines der am strengsten gehüteten BMW-Geheimnisse – Skeptiker überraschen wird. Draufzahlen will BMW aber auf keinen Fall: „Wir werden damit Geld verdienen“, versprach Reithofer den Aktionären.

Von Martin Prem

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