Keyless-Go: Immer wieder klauen Diebesbanden teure Autos über die Funksignale der Komfort-Schlüssel. Auch aktuelle Systeme bieten laut ADAC keinen ausreichenden Schutz.
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Keyless-Go: Immer wieder klauen Diebesbanden teure Autos über die Funksignale der Komfort-Schlüssel. Auch aktuelle Systeme bieten laut ADAC keinen ausreichenden Schutz.

Unheimliche Diebstahl-Serie bei Luxus-Karossen

Keyless-Go: Auto-Klau auf dem Supermarkt-Parkplatz - ADAC kritisiert Hersteller – „Wollen Problem aussitzen“ 

  • Thomas Schmidtutz
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Laut ADAC sind auch Autos mit den neuesten Keyless-Go-Systemen leichte Beute für Diebe. Von 390 untersuchten aktuellen Modellen sind gerade sieben diebstahl-sicher. Doch die Hersteller wiegeln ab.

  • Keyless-Go-Systeme gelten als komfortabel.
  • Doch die Funkschlüssel weisen laut ADAC seit Jahren massive Sicherheitslücken auf.
  • Dabei bieten moderne Chipsätze längst Abhilfe. Doch die meisten Hersteller lassen sich davon nicht beirren.
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München - ADAC-Technik-Experte Arnulf Thiemel ist eigentlich ein ruhiger Mann. Aber wenn es um das Thema Keyless-Go und Diebstahlsicherheit geht, kommt der Spezialist für Fahrzeug-Technik zügig auf Betriebstemperatur. Neun Jahre hätten die Autobauer inzwischen Zeit gehabt, ihre Funkschlüssel-Systeme Diebstahl-sicher zu machen, schimpft Thiemel. Aber passiert sei „bis heute wenig. Offenbar“, mutmaßt der ADAC-Mann, „wollten viele Hersteller das Problem einfach aussitzen“.

Keyless-Go-Systeme sind im Kern Funkschlüssel, bei denen ein Chip eine Verbindung mit dem Auto aufbaut und es entriegelt, sobald man sich dem Fahrzeug nähert. Der Schlüssel kann dabei in der Tasche bleiben. Viele Autofahrer finden das praktisch.

Den kollektiven Komfort-Gewinn lassen sich die Hersteller gut bezahlen. Je nach Fahrzeug kosten die Bequem-Schlüssel mehrere 100 Euro, bei den Premium-Herstellern fällt ruckzuck auch die 1000-Euro-Marke.

ADAC: Keyless-Go - Bequem ja, diebstahl-sicher nein

Nun mögen die Funkschlüssel durchaus bequem sein, sicher sind sie nicht. Immer wieder hacken Diebe in aller Seelenruhe das Funksignal der Fahrzeuge, verlängern es und brausen dann einfach davon.

Erst Anfang November sorgte eine Welle von Autodiebstählen im Großraum München für Schlagzeilen. Binnen weniger Wochen klauten Diebe fünf Autos via Funk-Attacke, allesamt BMW-Modelle mit Keyless-Go. Der entsprechende Schaden lag nach Polizei-Angaben bei 500.000 Euro. Kurz darauf berichtete die Thüringer Allgemeine über vergleichbare Fälle. Im Visier der Diebe waren erneut teure X-Modelle von BMW, ebenfalls mit Keyless-Go

Die Beispiele belegen: Die Funk-Attacken auf Luxus-Karossen sind längst keine Einzelfälle. Zwar gibt es hierzulande keine gesonderte statistische Erfassung von Keyless-Go-Diebstählen. Doch alleine im vergangenen Jahre sind nach Daten des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) deutschland-weit rund 14.230 Fahrzeuge mit einer Schadensumme von knapp 280 Millionen Euro gestohlen worden, viele von ihnen über den Funk-Hack. Ganz oben auf der Hitliste der meist-geklauten Autos: Der BMW X6.

ADAC: Autoknacker-Hardware aus dem Web-Shop

Die nötige Hardware für die Auto-Hacker gibt es laut Polizei im Internet. Jeder, der sich mit Elektronik ein bisschen auskenne, könne sich ein entsprechendes Gerät auch selbst zusammenlöten, sagt auch ADAC-Fachmann Thiemel. Die entsprechenden Bauteile kosteten kaum 100 Euro. Außerdem gibt es die Peilsender auch gleich fertig konfektioniert im Web. Um möglichen Kundenenttäuschungen vorzubeugen, veröffentlichen einzelne Anbieter auf ihren Webseiten auch gleich noch eine Übersicht der Fahrzeuge, die mit ihren Tools geöffnet werden können. „Das Gerät“, schreibt ein Hersteller aber schon mal vorsorglich, seien „nicht für den illegalen Gebraucht bestimmt“.

„Warnung: Das Gerät ist nicht für den illegalen Gebrauch bestimmt!“

Hinweis im Webshop eines Internet-Anbieters von Hardware, mit der Autohacker mühelos zahllose Fahrzeuge verschiedener Hersteller öffnen können.

Bei den Herstellern sind die Sicherheitslücken bei Keyless-Go längst bekannt. Zur „Erhöhung der Diebstahlsicherheit“ statte man neue Baureihen seit März 2018 mit einer überarbeiteten Generation von Funkfernbedienungen aus, erklärte etwa ein BMW-Sprecher auf Anfrage. (Merkur.de*).

Bei den neuen Keyless-Go-Systemen sei ein Sensor integriert, der das Funksignal abschaltet, sobald der Schlüssel länger als zwei Minuten nicht bewegt werde. Auf diese Weise sei das System „durch Funkwellenverlängerung nicht mehr angreifbar“, versichert der Autobauer.

Beim ADAC sieht man das ganz anders. Auch die überarbeitete Version mit Sensor-Technologie, die neben BMW auch von vielen weiteren Herstellern verbaut wird, hält der Autoclub für „mangelhaft“. „Wenn die Attacke innerhalb der Zwei-Minuten-Frist erfolgt, kann ein Dieb das Auto trotzdem stehlen“, bemängelt Technik-Spezialist Thiemel. Auch beim Parken, etwa um noch schnell die Feierabend-Einkäufe im Supermarkt zu erledigen, schütze die Technik nicht. „Der Sensor im Keyless-Go-System registriert ja fortwährend Erschütterungen, während der Fahrer durch die Gänge streift“, sagt Thiemel. Damit bleibe das Funksignal eingeschaltet und lasse sich via Funktechnik „spielend einfach aushebeln“.

ADAC: Auto-Diebe schlagen inzwischen auch auf Supermarkt-Parkplätzen zu

Auto-Diebe haben sich darauf längst eingestellt. In der Vergangenheit habe es zahlreiche Fälle gegeben, in denen Banden Fahrzeuge auf Parkplätzen geknackt hätten. Die Fahrer standen dann mit vollem Wagen, aber ohne Auto da.

Nach einer aktuellen Auswertung des ADAC sind von rund 390 untersuchten Fahrzeugen gerade mal sieben Autos nicht zu hacken. Zu den diebstahl-sicheren Fahrzeugen gehören der Land Rover Discovery (Baujahr 2018), der Range Rover und der Range Rover Sport sowie der neue VW Golf 8 und der neue VW ID.3.

Bei diesen Fahrzeugen setzen die Hersteller laut ADAC auf Keyless-Go-Verbindungen im Ultra-Breitbandbereich (ultra-wideband, UWB). Die entsprechenden Chips von Herstellern wie dem niederländischen Spezialisten NXP Semiconductors oder 3db aus Zürich sind in der Lage, selbst kleinste Zeitverzögerungen im Datenaustausch zwischen dem Schlüssel und dem Fahrzeug an Bord zu messen. Braucht das Funksignal länger als sonst, etwa, weil es über einen Funkverlängerer geschickt wird, bleibt das Auto geschlossen. Diebe, weiß ADAC-Experte Thiemel aus eigenen Tests, „haben so keine Chance“.

Keyless-Go: Das rät der ADAC

  • „Als Käufer sollte die Bestellung des Fahrzeuges mit einem optionalem Keyless-System gut überlegt werden. 
  • Fahrzeug über Nacht möglichst in einem abgeschlossenen Raum abstellen (Garage). 
  • Funkschlüssel innerhalb von Gebäuden nicht in der Nähe von Außentüren und Fenstern aufbewahren.
  • Wenn Sie bereits ein Fahrzeug mit Keyless-Schließsystem besitzen: Sehen Sie in der Betriebsanleitung nach (oder fragen Ihre Werkstatt), ob es sich deaktivieren lässt. Dann ist es mit der hier gezeigten Methode meist nicht zu knacken – arbeitet aber auch nur ohne den (oft teuer erkauften) Keyless-Komfort.
  • Alufolie um den Schlüssel zu wickeln, ist keine zuverlässige Abhilfe, denn die Folie schirmt nicht immer zuverlässig ab und kann durch die Zacken anderer Schlüssel beschädigt werden. Außerdem: Wird ein Fahrzeug trotzdem geklaut, ist womöglich der Besitzer „mit schuld“, weil er die Folie vielleicht nicht dicht genug gewickelt hat. Das gilt auch für Blechdosen oder abschirmende Etuis, die die Funkwellen jedoch teilweise trotzdem durchlassen – etwa, wenn ein etwas größerer Schlüssel das Schließen des Etuis verhindert.“

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