„Tesla fährt uns davon“

BMW und Daimler in Not: Autopapst stellt „made in Germany“ vernichtendes Zeugnis aus - „Fünf Jahre hinterher“

  • Patrick Freiwah
    vonPatrick Freiwah
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  • Barbara Wimmer
    Barbara Wimmer
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Kurz hintereinander präsentieren die Autogiganten BMW und Daimler erschreckende Zahlen. Bei Elektropionier Tesla läuft es hingegen super. Ist nur Corona schuld? Deutschlands bekanntester Autoexperte spricht.

  • Die deutschen Autokonzerne BMW und Daimler legen erschreckende Quartalszahlen vor.
  • Ein gewichtiger Grund spielt natürlich die Corona-Krise - schließlich ist der Absatz eingebrochen.
  • Doch die Probleme liegen tiefer - Tesla verzeichnete trotz Pandemie neuerlich einen Gewinn.
  • Deutschlands Autopapst nimmt Stellung - Hiesige Hersteller seien ins Hintertreffen geraten.

München - Vor zwei Wochen verbuchte BMW* nach den Worten von Vorstandschef Oliver Zipse „das schlimmste Quartal“, das das Unternehmen je erlebt habe, am Donnerstag waren die Kollegen aus Stuttgart dran: Daimler musste einen Verlust von 1,9 Milliarden Euro bekannt geben und hat Mitarbeitern Zugeständnisse im Gegenzug für Jobgarantien abgerungen. Der US-Elektroautobauer Tesla hingegen verzeichnete im zweiten Quartal trotz der Pandemie einen Gewinn in Höhe von 90 Millionen Euro.

Kostet Corona-Krise die deutsche Autoindustrie rund 100.000 Jobs?

Deutschlands Autopapst Professor Ferdinand Dudenhöffer schätzt zwar, dass 80 Prozent der miesen Quartalsergebnisse deutscher Autobauer und -Zulieferer auf Corona zurückzuführen seien. Trotzdem sei die Diskrepanz zwischen den inländischen Marken und Tesla nicht nur eine Momentaufnahme: „Elon Musk* ist uns mit dem Computer und der Software in seinen E-Fahrzeugen um fünf Jahre voraus.“ Bei ihm steuert „ein Rechner alles, während bei uns 120 kleine Computer am Werk sind“. Für deutsche Hersteller und Zulieferer werde die Umstiegsphase schwierig.

Tesla-Chef Elon Musk, hier mit seinem Model 3, hat allen Grund zum Jubeln: Er macht trotz Corona Gewinn und hat die Konkurrenz abgehängt.

Der Experte glaubt, dass 100.000 Jobs in der Fahrzeug-Produktion und bei den Zulieferern verloren gehen. Immerhin sieht Dudenhöffer es als vorteilhaft an, dass es bei Berlin bald eine Tesla-Produktionsstätte gibt. Sie schaffe nicht nur Arbeitsplätze und Bedarf an Zulieferungen aus dem Inland. „Musk gibt uns hier auch Nachhilfeunterricht, wie die Zukunft der deutschen E-Autos aussehen könnte.“

Tesla innovativer als Volkswagen? VW holt bereits zum Gegenschlag aus

Kein Wunder, dass die etablierten Hersteller wie Mercedes-Benz oder BMW mit Hochdruck an ihrer E-Strategie arbeiten. Auch der neue Audi-Chef Markus Duesmann (51) sieht erheblichen Aufholbedarf: „Beim Thema Digitalisierung sind wir in der zweiten Reihe“, räumt er gegenüber dem Handelsblatt (Artikel hinter Bezahlschranke) ein. Duesmann glaubt aber, dass Tesla nur zwei Jahre Vorsprung hat. Der Audi-Chef ist zusätzlich Entwicklungsvorstand im VW-Konzern. Um den Rückstand auf Tesla aufzuholen, hat er das Projekt „Artemis“ gestartet. Das neue Unternehmen werde bis 2024 ein neues Elektroauto entwickeln, das auch in Vernetzung und Digitalisierung Maßstäbe setzen soll, sagte Duesmann.

Daimler-Chef Ola Källenius sieht zumindest „erste Zeichen einer Absatzerholung“ – insbesondere bei Mercedes-Benz Pkw. Dort verzeichne das Unternehmen eine starke Nachfrage nach seinen Spitzenmodellen und seinen elektrifizierten Fahrzeugen.

Konjunkturpaket der Bundesregierung ist eigentlich keines - sagt der Autopapst

Der Markt für E-Mobilität in Deutschland boomt bereits jetzt. Die Zahl neu zugelassener Elektrofahrzeuge sei im April, Mai und Juni um 26 Prozent zum Vorjahresquartal gestiegen, heißt es in einer Studie der Unternehmensberatung PWC. Der Anteil elektrifizierter Fahrzeuge an den Neuzulassungen erreiche im ersten Halbjahr mit 16,7 Prozent einen neuen Rekord.

Das Konjunkturpaket der Bundesregierung sei jedenfalls nicht geeignet, die Deutschen zum Kauf eines neuen fahrbaren Untersatzes zu motivieren, kritisiert Prof. Dudenhöffer. Dafür hätte man den gesamten Mehrwertsteuersatz abziehen müssen. Das wäre auch nicht nachteilig für die Umwelt gewesen, argumentiert der Autopapst, denn die Bundesbürger seien europaweit mit den ältesten Fahrzeugen unterwegs: „Sie haben im Schnitt 9,6 Jahre auf dem Buckel.“ Für Klimafreundlichkeit auch bei Verbrennungsmotoren würden die ab 1. September geltenden neuen EU-Abgasregeln sorgen. Auch hier aber hat die Pandemie zugeschlagen: Corona verzögert Typgenehmigungen bis heute.

*Merkur.de ist ein Angebot des Ippen Digital Netzwerks

Rubriklistenbild: © STR / AFP

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