Sieben Kilogramm Wasserstoff

BMW testet Elektroautos mit Wasserstoff

Marseille - BMW testet ein Elektroauto mit 700 Kilometern Reichweite. Sein Geheimnis: ein Tank mit sieben Kilogramm Wasserstoff.

Der Einfüllstutzen des Tankfahrzeugs ist dick mit Plastik ummantelt. Aus gutem Grund. Was hier durchfließt, ist auf eine Temperatur von minus 220 Grad heruntergekühlt. Ein leichter Druck auf die Tanköffnung, dann ist die Verbindung dicht. Kurz darauf fließt reiner Wasserstoff in den Tank des Autos. Sieben Kilogramm. Genug für 700 Kilometer Fahrt. Das Auto sieht aus wie ein ganz normaler BMW 5er GT. Dass es das nicht ist, spürt man spätestens, wenn man losfährt: Kein Motorengeräusch. Nur ein leises Säuseln dringt ans Ohr des Fahrers. Denn dieser BMW fährt elektrisch.

Eine Brennstoffzelle wandelt den Wasserstoff in elektrischen Strom, der das Auto antreibt. Die Brennstoffzellen stammen von Toyota. Der japanische Autogigant arbeitet bei der Brennstoffzellentechnik eng mit BMW zusammen und hat bei den Zellen die Nase vorn. BMW liefert dagegen das Geheimnis des Tanks, der die Möglichkeiten sprengt, auf die sich die Autoindustrie bislang geeinigt hat: Mit einem gewaltigen Druck von 700 Bar wird dabei Wasserstoff in den torpedoförmigen Tank gepresst. Vier Kilogramm reichen da für gerade mal 400 Kilometer. Zu wenig, fand man bei BMW und fand in München schließlich die Lösung, beim halben Druck fast doppelt soviel des flüchtigen Gases in einen Tank gleicher Größe zu bringen.

Der Trick ist die extrem tiefe Temperatur, bei der sehr viel mehr Gas gespeichert werden kann. Mehrere Isolationsschichten sorgen dafür, dass der Wasserstoff, tage-, sogar wochenlang so kalt bleibt, wie Matthias Klietz, Leiter Antriebsforschung bei BMW, erklärt. Erst wenn das Auto mit gefülltem Tank länger steht, muss überschüssiger Wasserstoff dosiert in die Umgebung abgegeben werden. Mit dieser Lösung wird BMW den eigenen Ansprüchen gerecht. Denn die Brennstoffzellentechnik ist für den Münchner Konzern das Konzept für die Elektromobilität auf der Langstrecke, sagt Klietz. Es wird aber noch Jahre dauern, bis es reif für den Praxiseinsatz ist. Denn es fehlt an Tankstellen. Ende 2015 wird es 50 Wasserstofftankstellen in Deutschland geben. 2023 sollen es 400 sein. Nicht wirklich viel. Allerdings sieht Klietz eine große Zukunft für Wasserstoff und die Brennstoffzelle. Denn sie ist für den Ingenieur etwas, was optimal zur Energiewende passt. Denn anstatt überschüssige Energie an der Leipziger Strombörse zu verramschen, könnte man damit Wasserstoff aus Wasser gewinnen und in künftigen Autos einsetzen.

Die Technik ist inzwischen auch effizient genug. 45 Prozent der ursprünglichen eingesetzten Energie kommen an der Fahrzeugachse an. Das ist mehr als bei einem Auto mit hocheffizienten Dieselmotor. Das Problem mit den Tankstellen löst BMW derzeit mit einem Lkw-Anhänger, der mehr als eine Tonne Wasserstoff bunkert. „Genug für 100 000 Kilometer“, sagt Robert Halas, Projektleiter für diese Versuchsflotte. Vier Fahrzeuge sind es derzeit. Tendenz steigend. Momentan sind sie an der südfranzösischen ehemaligen Rennstrecke Miramas bei Marseille unterwegs, wo BMW ein Testzentrum unterhält.

Bald soll es auch auf die Straße gehen. Dann wird die ungewöhnliche Testflotte in ganz Europa erprobt. Die pfeilschnellen Wasserstoff-Elektroautos und ihr noch unvermeidlicher Begleiter, der Lkw-Hänger, bilden eine Einheit „Er ist die größte mobile Wasserstoff-Tankstelle der Welt“, sagt Halas. Und in vielen Regionen vermutlich auch – noch – die einzige.

Martin Prem

Rubriklistenbild: © dpa

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