Neue Lackiererei

BMW trotzt der Enge im Stammwerk

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Die am Mittwoch eröffnete Lackiererei im Münchner Stammwerk von BMW sichert die Existenz dieses außergewöhnlichen Produktionsstandorts für weitere Jahrzehnte.

München - Es war einmal die klassische Fabrik auf der grünen Wiese. Rundherum Äcker, ein paar verstreute Siedlungen, Landschlösser, mehrere Dorfkirchen in Sichtweite. Hier baute BMW nach dem Ersten Weltkrieg in weitgehender Handarbeit Stationärmotoren. Die Fabrik existiert heute noch. Gleich nebenan das Olympiagelände, die BMW-Welt, die Konzernzentrale, Reihenhäuser, Wohnblocks, die Stadtautobahn Mittlerer Ring, Schienen. Heute rollen hier bis zu rund 1000 Fahrzeuge der Marke BMW vom Band.

Manfred Schoch.

„Das Münchner BMW-Werk ist weltweit das einzige Autowerk mitten in einer Millionenstadt“, sagt der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Manfred Schoch. Und hier werden – worauf Schoch besonders stolz ist – auch in Jahrzehnten noch Autos gebaut. Denn gestern wurde die neue Lackiererei eröffnet. Eine Investition in Höhe von 200 Millionen Euro, die sich nur dann auszahlt, wenn man sie lange nutzt. „Eine Lackiererei ist für vier Fahrzeug-Generationen ausgelegt“, rechnet er – bei sieben Jahren pro Generation ergibt das fast 30 Jahre Bestandsgarantie für das Münchner Werk.

Auch die Konzernspitze ist stolz auf den „ganz besonderen Ort“, wie Produktionsvorstand Oliver Zipse sagt. „Vom Wohnen und Arbeiten in unmittelbarer Nähe“ sprach er – und von 8000 gut bezahlten Industrie-Arbeitsplätzen. 700 davon in der Lackiererei. Die Investition sei „eine der höchsten der vergangenen Jahre in der bayerischen Industrie“.

Zipse weiß natürlich, dass man Lackierereien viel günstiger bauen kann. In nur einer Ebene, dort wo ausreichend Platz zur Verfügung steht. Beispielsweise in dem Werk, das BMW gerade in Mexiko hochzieht. In München sind es fünf verschachtelte Ebenen in bis zu 19 Metern Höhe.

„Da war manchmal auch Zauberei im Spiel“, sagt Werkleiter Milan Nedeljkovic über die Bauphase. Vor allem wenn tonnenschweres Equipment in bestehende Gebäude integriert werden musste. 16 000 Gästeausweise gab der Werkschutz während der Bauzeit für die Arbeiten aus.

Bereits die Lackiererei, die jetzt stillgelegt wird, war eine Pionierleistung. Als Folge eines langen Streits mit den Anwohnern des Werks. Sie wurde gebaut, um die Ausdünstung von Lösungsmitteln, die die Umgebung damals plagten, zu beenden. Nach Jahren der Auseinandersetzungen in den 1980er-Jahren entschied sich BMW für eine neue Lackiererei für wasserlösliche Lacke.

Die gestern eröffnete Lackiererei kommt auf dem Weg zur umweltneutralen Autoproduktion noch ein entscheidendes Stück weiter voran: drei Viertel weniger Erdgasverbrauch und CO2-Emissionen, ein Viertel weniger Stromverbrauch. Ganz ohne Lösungsmittel und ohne Wasser wird beispielsweise überschüssiger Lack aus der Luft geholt und in riesigen Pappkartons für die Wiederverwertung gesammelt.

Auch beim Lackieren geht BMW in München neue Wege: Auf die noch nasse erste Basis-Lackschicht, die das Metall vor Rostfraß oder auch Steinschlag schützt, kommt eine zweite, die als Grundlage für den Klarlack dient. Eine Füllerschicht, wie sie bisher üblich ist, kann entfallen. Nun kann auch von Fahrzeug zu Fahrzeug die Farbe gewechselt werden. Und jede Karosserie wird nach der Lackierung von automatischen Kamerasystemen akribisch auf Fehler im Lack untersucht.

Bis zur Sommerpause steigert die Lackiererei ihren Ausstoß auf 700 Karosserien täglich. Ab September kommen dann im Dreischicht-Betrieb bis zu 1000 Stück täglich aus der neuen Anlage. Oder, wie Zipse sagt,„5,4 Kilometer Autos“.

Oliver Zipse.

Der Dreischicht-Betrieb (bisher waren es zwei Schichten) gehört zu den Dingen, um die zwischen Unternehmen und Betriebsrat hart verhandelt wurde. Denn auch bei BMW wird um Zugeständnisse zur Standortsicherung in aller Regel knallhart gerungen.

Kann man sich im Hinblick auf 30 weiterere Jahre Bestandssicherheit für das Münchner BMW-Werk zurücklehnen – und einfach nur stolz sein? Das Signal von Manfred Schoch bei der Eröffnungsfeier war ein klares Nein, womit er den anwesenden Mitgliedern der BMW-Führung doch etwas Wasser in die gereichten Fruchtsäfte goss.

Denn Schoch ist mit seinen Vorstellungen für das Münchner Werk noch nicht am Ziel. Über die insgesamt 700 Millionen Euro hinaus, die in den letzten Jahren in das Werk investiert wurden – unter anderem für ein Hochregalllager und Erweiterungen in Montage und Karosseriebau – will er das Stammwerk des Konzerns für die Produktion reiner Elektroautos ertüchtigen. Und er fordert auch eine Perspektive für das zweite Produktions-Standbein von BMW in München: Das Motorenwerk – eines von insgesamt vier im Konzern – dessen Existenz durch Umstieg auf Elektromobilität nicht sicher ist. Das Ringen um die Zukunft des weltweit einzigen Autowerks in einer Millionenstadt ist wohl nie wirklich abgeschlossen.

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