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Schüler der Soshanguve High School am Eingang des Schulgeländes. Für die meisten ist der Schulbesuch nicht Last, sondern die Chance auf ein besseres Leben außerhalb der Armenquartiere im reichen Südafrika.

Südafrika

BMW und der lange Kampf gegen das Elend

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Pretoria - Billige Arbeitskräfte gelten oft als Grund, an einem Ort Industrie anzusiedeln. BMW will die Zukunft seines Werkes in Südafrika anders sichern: Durch Kampf gegen die Armut.

Die Botschaft wirkt, als passe sie nicht zum Alter des Redners: Kaizer, 18 Jahre alt, steht in seinem weißen Hemd im Innenhof der Soshanguve High School. Er spricht über die Chance, mehr aus sich zu machen: „Jeder kann sein Leben ändern“, sagt er. Die Botschaft ist aber eine ganz persönliche: Kaizer spricht über sein Leben.

Die Rede ist Teil der Nachhaltigkeitswoche, die BMW in Südafrika veranstaltet, wo der Konzern seit 1970 sein erstes Werk außerhalb Deutschlands betreibt. Für viele kreist das Thema Nachhaltigkeit um Elektroautos, Energiewende oder Mülltrennung. In Soshanguve spielt das keine Rolle. Es geht darum, Armut zu überwinden. Der Konzern hat sich dies zum Anliegen gemacht – um erfolgreich zu bleiben.

Die Großsiedlung, in der Kaizer lebt, 30 Kilometer nördlich der südafrikanischen Hauptstadt Pretoria, ist eine der Townships, die das Apartheids-Regime als Gettos für die unterdrückten Schwarzen erzwungen hat: Hunderttausende Hütten für Millionen, deren Armut nur einen Grund hat: die schwarze Hautfarbe.

Einige der Gebäude haben nun Dachziegel statt Blech. Oder Anbauten gegen die drängende Enge. Häuser von Bessergestellten. Sie sind nicht reich, sie sind nur gerade nicht mehr arm. Die meisten in Soshanguve gehören nicht zu dieser Gruppe. Viele – arm – leben in unverputzten Ziegelhütten, viele – noch ärmer – in elenden Bretterbunden, deren löchrige Wände oft aus alten Decken oder Plastikfolien bestehen.

Zu welcher der beiden Gruppen Kaizers Familie gehört, ist unklar. Sehr arm sei sie, heißt es. Das weiße Hemd für seinen Vortrag hat er von einem Lehrer bekommen. Und doch spricht er nicht nur davon, das Leben zu ändern. Er ist längst dabei, es zu tun. Kaizer hat die Soshanguve High School mit ausgezeichneten Noten abgeschlossen. Damit ist der Weg frei für ein Studium und voraussichtlich für ein Leben ohne bittere Not. Eine Karriere als Jurist, Betriebswirt oder Ingenieur ist der sicherste Weg, dem Elend zu entkommen.

Ein Arbeiter verdient bei BMW in Südafrika umgerechnet zwischen 1500 und 1800 Euro im Monat – gemessen an vergleichbaren Ländern und der hohen Kaufkraft ist das ordentlich. Allerdings muss ein Gehalt in Südafrika oft für eine ganze Großfamilie reichen, weil sonst keiner Arbeit hat.

Akademiker werden gesucht und gut bezahlt. So hat Kaizer eine Chance, den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen. Das hat er auch zwei außergewöhnlichen Frauen zu verdanken.

Esther Lenga organisiert Sozialprojekte in Soshanduve.

Eine ist Victoria Ledwada. „Seid Ihr ruhig?“, schallt die kräftige Stimme der Schulleiterin über den Innenhof, als sie ans Mikrofon tritt. „Ja“ antworten die 1400 Schüler und Schülerinnen im Chor. Und sie sind augenblicklich still. Es fällt schnell auf, wie brav auch ältere Schüler der Direktorin folgen. Vielleicht gerade, weil sie die Schule nicht als Last begreifen, sondern als Chance. Hier bekommen sie täglich ein richtiges Essen. Fast alle wirken aufgeschlossen und fröhlich und gehen ohne Scheu auf die fremden Besucher zu, um ihnen ihre Schule zu zeigen.

Den meisten geht es kaum besser als Kaizer, vielen schlechter: Sie wachsen bei Opa und Oma auf, weil die Eltern Aids zum Opfer gefallen sind. 18 Prozent der Südafrikaner tragen den HIV-Virus in sich. Die Seuche wütet vor allem in den Townships.

Die Schulleiterin hat wohl die richtige Balance zwischen Fördern und Fordern gefunden. Überdurchschnittlich viele ihrer Schüler schaffen zum Studium. Und überdurchschnittlich viele schließen es auch ab.

Esther Lenga organisiert Sozialprojekte in Soshanduve.

Der Erfolg ist aufgefallen. Die Juristin betreut für das BMW-Werk in Rosslyn viele Sozialprojekte. Dabei richtet sie ihren Blick auf Soshanguve. Von hier kommen die meisten Arbeiter des Werks. Sie ist sicher, dass alles, was dort in soziale Projekte investiert wird, zurückkommt. Wer merkt, dass sein Arbeitgeber etwas für seine Stadt tut, ist doppelt motiviert, glaubt sie. Esther Lenga hält aber nichts von mitleidiger Wohltätigkeit. „Wir könnten die Menschen mit Geld überschütten. Dann wären unsere Gewinne weg und keinem wäre geholfen.“

Sie investiert in Bildung und damit in eine bessere Zukunft der Menschen. „Nur so können wir es schaffen, dass die Menschen den Horizont der Armut durchbrechen“, sagt sie und setzt auf die erfolgreiche Shoshanguve High School. Die Juristin weiß, wovon sie spricht. Sie selbst ist in Soweto bei Johannesburg aufgewachsen, der bekanntesten und größten aller Townships.

Die Schule hat viel davon: Der Computer-Arbeitsraum für die Schüler wäre ohne die BMW-Unterstützung nicht möglich geworden. Und auch die Förderung in Mathematik und den Naturwissenschaften, gäbe es nicht. „Beide Seiten gewinnen“, meint Esther Lenga. BMW fördert Fachkräfte, die das dortige Werk in Zukunft dringend braucht. Insbesondere Ingenieure, die dann für BMW nicht nur arbeiten, sondern sich eines der teuren Autos selber leisten können.

Oft sind es auch kleine Maßnahmen, die Entscheidendes bewirken. Die 23-jährige gehört zum Team von „Repurpose Schoolbags“. Das Sozialunternehmen verteilt Schultaschen aus Recyclingplastik an Schulen. Der Clou ist nicht die Tasche, sondern eine Solarbatterie samt Lampe. Auf dem Schulweg wird sie geladen. Und liefert für 15 Stunden Licht. Damit Kinder in Häusern, in denen Stromversorgung Zufall ist, ihre Hausaufgaben machen können. „Die Umstände sind nicht nur ein Problem, sondern auch eine Chance“, sagt Phemelo.

BMW belegt seit Jahren im „Dow Jones Sustainability“ Index für Nachhaltigkeit den Spitzenplatz unter den Autoherstellern und ist entschlossen, ihn zu verteidigen. Davon profitieren auch andere Unternehmen. Etwa Bio2Watt, das Ökostrom fürs Werk Rosslyn produziert. „Man wird damit nicht über Nacht Millionär“, sagt sein Gründer Seun Thomas. Von einer Ebene bei Pretoria in 2000 Metern Höhe produziert seine Firma Bio2Watt Strom. Dort grasen 40.000 Rinder, deren Ausscheidungen bisher immer verrotteten.

Nun werden eingesammelter Mist und andere Abfälle mit Bakterien versetzt und vergoren. Dabei entsteht Methan für Motoren, die Generatoren antreiben. Drei Megawatt erzeugen sie heute, bis zu zwölf können es werden. Mehr vertragen die Leitungen nicht, die den Strom zum BMW-Werk Rosslyn bringen. Als Reststoff bleibt Dünger für die Flächen, auf denen das Futter wächst. So schließt sich der Kreis. Auch wenn Seun Thoma kein Millionär ist, könnte er es werden. Sein zweites Bio2Watt-Kraftwerk ist in Planung.

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