Börsen feiern Ende der Zinsschritte

- New-York - Sein Nuscheln war kaum zu verstehen. Hat man die Worte doch erfasst, war man oft noch verwirrter. In den seltenen Fällen, in denen die Kaffeesatzleser der Börsen aus den Aussagen Alan Greenspans etwas einigermaßen Konkretes herauszulesen glaubten, bewegte das weltweit die Börsen. Nun noch einmal am vergangenen Dienstagabend. Da allerdings galt das geschriebene Wort: Ein Protokoll des Offenmarktausschusses der US-Notenbank - das aller Voraussicht nach letzte unter der Ägide Greenspans - deutet ein Ende der Zinserhöhungen in den USA an.

Höhere Zinsen machen Geld teurer. Es gibt weniger Liquidität, um Aktien zu kaufen. Gleichzeitig werden zinsabhängige Anlagen attraktiver. Die Reaktionen verliefen schulbuchmäßig: Nasdaq und Dow Jones drehten vom Minus ins Plus und sorgten so nach einem eher durchwachsenen Jahr für einen geglückten US-Börsenstart ins neue Jahr (am 2. Januar hatte Amerika den Neujahrstag nachgefeiert). Selbst der träge Ozeanriese unter den Indizes, der S & P 500 änderte schlagartig die Richtung. Der japanische Nikkei - 2005 bereits in Fahrt gekommen - bekam noch einmal kräftigen Schwung.

Gute Entwicklung könnte im 1. Quartal anhalten

Und selbst 13 Stunden später im fernen Frankfurt hob die Welle den Dax über den lange erwarteten Pegelstand von 5500. Der Schub war so kräftig, dass einigen Mitreisenden ein wenig schwindlig wurde. So taumelte der Index im weiteren Verlauf just um die psychologisch wichtige Marke, einmal lag er darüber, einmal darunter. Nach einer positiven US-Eröffnung hielt er sich dann aber oberhalb.

Allerdings ist, was optisch wichtig erscheint, aus Sicht von Experten unwesentlich: "Die 5500 ist für uns irrelevant", sagt Tammo Greetfeld von der HVB. Die Aktien profitieren gegenwärtig noch von einem "positiven konjunkturellen Momentum, dessen Wirkung noch im ersten Quartal anhalten wird", dann erwartet Greetfeld eine Seitwärtsbewegung. Den Dax sieht er zu Jahresmitte dort, wo er bereits gestern war: bei 5500 Punkten.

Ganz ähnlich die Einschätzung von Manfred Bucher von der Bayern LB. In den ersten Monaten 2006 dürfte nach seiner Einschätzung "der konjunkturelle Rückenwind anhalten". Und auch die zinspolitische Lage gilt als günstig. Bucher erwartet noch je einen Zinsschritt der Fed sowie der EZB. Durch eine Abschwächung der US-Konjunktur sieht Bucher allerdings "im weiteren Jahresverlauf Gegenwind aufkommen", verstärkt durch einen schwächeren Dollar-Kurs. Die bisherige Kursentwicklung sehen Experten durch ebenfalls gestiegene Gewinne der Unternehmen untermauert. "Die Unternehmensgewinne haben sich im Einklang mit den Kursen erhöht", so Bucher. Dadurch seien die Kurs-Gewinn-Verhältnisse "weitgehend konstant geblieben".

Derzeit spricht wenig für eine neue Blase

Damit gibt es derzeit wenig, was für eine Überbewertung spricht, wie es bei der letzten Aktienhausse um die Jahrtausendwende der Fall war. Die meisten Anleger sind beim Kauf von Aktien erheblich vorsichtiger geworden. Und Zocker, die die Blase am Neuen Markt mitverursacht haben, hatten zumindest zeitweise die Fronten gewechselt und als gebrannte Kinder das Feuer Aktien gemieden.

Viele von ihnen setzten in der jüngeren Vergangenheit vermehrt auf fallende Kurse oder Korrekturen und sorgten für diverse, allgemein als gesund empfundene Rückschläge. Und auch die "zittrigen Hände", die Börsen-Ikone André´ Kostolany als Ausstiegssignal fürchtete, sind am Aktienmarkt noch nicht wieder zu orten. Nach wie vor ist das meiste Geld in anderen Anlageformen geparkt - häufig lausig verzinst auf Geldmarktkonten. Auch wenn der schönste Teil der Rally bereits im Jahr 2005 abgelaufen ist, sind Signale, die einen schnellen Ausstieg nahe legen, derzeit noch nicht in Sicht.

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