Börsengänge: Die Euphorie ist zurück

- Frankfurt - Vier Jahre herrschte Flaute bei den Börsengängen in Deutschland - jetzt sind die Anleger aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Sie wittern Gewinne mit Neuemissionen wie einst zu Zeiten des Neuen Marktes und greifen zu. Jüngstes Beispiel: Interhyp, ein Unternehmen, das private Baufinanzierungen vermittelt und einen glanzvollen Börsenstart hinlegte. Aktionärsschützer sehen schon wieder Spekulationsblasen voraus und mahnen Kleinanleger zu mehr Vorsicht.

Das Umfeld für Börsengänge könnte nach Ansicht von Experten kaum besser sein: Der Standardwerte-Index Dax ist erneut über die 5000-Punkte-Marke geklettert und der Nebenwerte-Index M-Dax eilt von einem Rekordhoch zum nächsten. "Wir hatten vier Jahre Eiszeit und nun sind wir bereits wieder in reine Euphorie verfallen - ein erstaunliches Phänomen", sagt Markus Straub, stellvertretender Vorsitzender der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK).

Über erfolgreiche Börsengänge von Solarwerten wundert sich inzwischen kaum noch jemand, seit die Solarworld-Aktie ihren Triumphzug angetreten hat. In den rund sechs Jahren ihrer Notierung steigerte sie ihren Wert fast um das Zwanzigfache. Der Trend soll sich nun bei weiteren Unternehmen der Solar-Branche fortsetzen: Ersol und Q-Cells, deren Börsengang am Mittwoch angeblich schon 30-fach überzeichnet ist. Aber ein Unternehmen wie Interhyp kommt aus einer anderen Branche. Aktienhändler Oliver Opgen-Rhein von HSBC Trinkaus & Burkhardt sagt: "Obwohl es sich bei dem Titel nicht um einen reinen Wachstumswert handelt, ist dem Unternehmen ein fulminanter Börsenstart gelungen." Dennoch müssten die Anleger auf der Hut sein, mahnte ein anderer Händler in Frankfurt. Es sei gut möglich, dass die Investoren ihre Zeichnungsgewinne unmittelbar einstreichen und der Kurs nach einigen Tagen deutlich absackt.

Analyst Patrick Hussy ist keineswegs überrascht, dass so viele Unternehmen im Augenblick die Gunst der Stunde nutzen. "Über die letzten 30 Jahre gab es gerade in den Monaten Oktober bis Dezember einiges zu feiern", sagt er. Auch in diesem Jahr schimmere dieses typische "Saisonmuster" wieder durch.

Die Deutsche Börse plant Presseberichten zufolge, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Wie das "Handelsblatt" berichtete, soll ein neues Segment für Börsengänge kleiner Firmen innerhalb des Frankfurter Freiverkehrs eingeführt werden. Der Projekttitel "Alternative Standard" erinnert an eine ähnliche Einrichtung der Londoner Börse. In deren "Alternative Investment Market" fanden in den vergangenen zehn Jahren fast 1300 Firmen ihre Heimat. So etwas habe bisher in Deutschland gefehlt, sagen Experten.

Aktionärsschützer Straub befürchtet, dass schon bald wieder der Spruch gilt: "Gier frisst Gehirn." Täglich spürt er die anziehende Nachfrage. "Wir bekommen wieder deutlich mehr Anrufe von Anlegern, die sich über die ungerechte Verteilung der Aktien bei Neuemissionen beschweren." Aber er mahnt vor Übertreibungen. Die Anleger sollten sich den Börsenprospekt genauer ansehen, in dem auch vor Risiken gewarnt wird. Außerdem ließen sich im Internet neutralere Informationen über die Börsenkandidaten finden, als sie von den Betreuerbanken ausgegeben würden.

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