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Blick in den Handelssaal der Börse in Frankfurt am Main (Hessen)

Geldanlage

Was an Börsensprüchen dran ist

Mit Börsenweisheiten ist es wie mit Bauernregeln: Viele sind platt, manche schlichtweg falsch – und ein paar sind auf geheimnisvolle Art erstaunlich richtig, wie Untersuchungen zeigen. Wer nicht daran glaubt, wird sich wundern.

Verkäufe im Mai, fallende Messer und Milchmädchen-Hausse – irgendeine Börsenweisheit kennt fast jeder Anleger. „Alles Humbug“, sagen die einen. „Oft ist an solchen Regeln ja doch etwas dran“, glauben die anderen. Stimmt! Zwar ist so manche Börsenweisheit eher eine Binsenweisheit und die Zahl der Plattitüden ist nicht gerade klein, einige jedoch stimmen tatsächlich. Das haben Experten festgestellt.

-“Sell in May and go away. But always remember: Come back in September!“ (Kauf im Mai. Aber vergiss nicht, im September zurückzukommen!)

Die Weisheit, die Anlegern rät, ihre Papiere im Mai zu verkaufen und erst im September an die Börse zurückzukehren, ist eine der ältesten Empfehlungen überhaupt. „Die New Yorker Aktionäre des 19. Jahrhunderts handelten so“, weiß der altgediente Düsseldorfer Börsenprofi Peter Martin. „Etwa ab Mai wurde es in der Stadt extrem heiß und die Börsianer verabschiedeten sich geschlossen in die Sommerfrische“, erzählt Martin. Da sie an ihren Urlaubsorten kaum Zugang zu Informationen über das Weltgeschehen hatten und Wertpapiere nicht handeln konnten, verkauften sie ihre Bestände vor der Abreise. Und kauften nach der Rückkehr im September wieder zu.

Eine hübsche Geschichte, aber eben Geschichte? „Nein“, sagt Experte Martin. Um die These zu überprüfen, hat er die Entwicklung des US-Aktienindex Dow Jones von 1897 bis heute berechnet. Für die deutsche Börse hat er einen vergleichbaren Zeitraum betrachtet. Das erstaunliche Ergebnis: „Im langfristigen Mittel hat sich gezeigt, dass der Mai tatsächlich ein guter Verkaufs- und der September ein guter Kaufmonat ist“, berichtet Martin. Andere Experten bestätigen dies. Zum Beispiel Jörg Scherer, Leiter Technische Analyse bei HSBC Trinkaus & Burkhardt. Gerade erst hat er den Einfluss von saisonalen Faktoren auf die Börse untersucht. „Nimmt man zum Beispiel die Entwicklung des Dow Jones aus allen 3er-Jahren zwischen 1903 und 2003 und legt die Charts übereinander, so zeigt sich annähernd dieselbe Kurve“, sagt Scherer. Und die besagt, dass „Sell in May and come back in September“ gemäß dem Dekadenzyklus besonders 2013 zutreffen könnte.

Warum diese alte New Yorker Börsenregel noch in Zeiten moderner Kommunikation, ständig verfügbarer Handelsplattformen und auch für Märkte außerhalb der USA zutrifft, kann niemand erklären. „Aber sie stimmt, wie wir ja gerade wieder gesehen haben“, sagt Martin. In welchem Monat hat der Dax die 8500 Punkte überschritten?

Tipp: Privatanleger sollten diese Börsen-Weisheit nur als grobe Orientierung nutzen. Denn: Alle Studien und Berechnungen sind Mittelwerte. Es gibt auch Ausreißer-Jahre.

-“Never catch a falling knife.“ (Fang niemals ein fallendes Messer.)

Wer würde schon freiwillig ein fallendes Messer fangen? „Auch wenn eine Aktie fällt wie Senkblei, sollte niemand den Helden spielen“, sagt Peter Martin. Ein Papier zu kaufen, nur weil es gerade billig ist, hält er nicht für sinnvoll. Hundertprozentig stimmig ist die Börsenweisheit für ihn aber trotzdem nicht: „Es kommt darauf an, wie überzeugt ein Anleger von einer Aktie ist“, sagt er. Wer mit einem Unternehmen sehr vertraut sei und eine positive Entwicklung klar absehe, könne durchaus auch mal in ein fallendes Messer greifen – ohne sich zu schneiden.

Tipp: Wer den Emittenten eines Papiers nicht ganz genau kennt, sollte warten, bis sich die Wunsch-Aktie leicht erholt hat. Denn dann ist immerhin schon mal jemand anders von dem Papier überzeugt.

-Milchmädchen-“Hausse“

„Wenn selbst die Milchmädchen Aktien kaufen, dann ist es Zeit, sich von der Börse zurückzuziehen.“ Das besagt eine alte Börsenregel vom New Yorker und vom Berliner Parkett. Die Geschichte könnte diese Weisheit belegen: „In den USA gibt es eine Statistik über sogenannte Odd Lots Trades“, sagt Peter Martin. Dies sind kleine Transaktionen, bei denen weniger als 100 Aktien gehandelt werden. „In der Wirtschaftskrise der Zwanziger- und Dreißigerjahre ist die Zahl der Odd Lots stark gestiegen, was dafür spricht, dass viele Kleinanleger an der Börse aktiv waren“, sagt Martin. Ein Hinweis aus jüngerer Zeit: Kurz vor dem Platzen der Spekulationsblase am Neuen Markt 2001 gab es selbst an Stammtischen kaum noch ein anderes Gesprächsthema als Aktienkäufe.

Tipp: Die Börsenthese lässt sich nicht erhärten. Anleger sollten aber aufmerksam werden, wenn rund um sie herum nur noch über Aktien gesprochen wird.

-“Buy the rumors, sell the facts.“ (Kaufe bei Gerüchten und verkaufe, wenn sie zu Fakten werden.)

So lautet eine weitere Börsenweisheit aus den USA. „Studien haben gezeigt, dass bereits bekannte Fakten für Aktienkurse vollkommen irrelevant sind“, erklärt Peter Martin. Börsen würden vielmehr durch Überraschungen bewegt. Wer also zum Beispiel von einer Fusion erfährt, die sich positiv auf die Aktien der entsprechenden Unternehmen auswirken könnte, sollte kaufen, solange die Information noch Parkettgeflüster ist. „Bestätigt sich die Nachricht, wollen alle die Papiere“, sagt Martin. Dann sei die Zeit reif für einen Verkauf.

Tipp: Privatanleger sollten sich auf Börsengerüchte lieber nicht verlassen. Aber sie dürfen durchaus Augen und Ohren offen halten, um die eine oder andere Überraschung vielleicht etwas früher zu erkennen als andere.

-“Hin und Her macht die Taschen leer.“

Versteht sich von selbst: Wer nervös Aktien kauft und wieder verkauft, ständig Verluste im eigenen Depot fürchtet und anderswo Gewinne wittert, treibt die Transaktionskosten in die Höhe. Diese können sogar eventuelle Erträge schnell auffressen.

-“Gewinnmitnahmen machen reich.“

Wohl kaum noch als „Weisheit“ zu bezeichnen: Natürlich erzielt ein Anleger einen Gewinn, wenn er Aktien zu einem guten Kurs verkauft. Weiß er aber, ob er am nächsten Tag nicht noch reicher geworden wäre?

-“Buy and hold.“ (Kaufe und halte.)

„Kaufen Sie Aktien, nehmen Sie Schlaftabletten und schauen Sie die Papiere nicht mehr an. Nach vielen Jahren werden Sie sehen: Sie sind reich.“ Dieser vermeintlich weise Spruch ist von dem berühmten, 1999 verstorbenen Börsen-Guru André Kostolany. Viel knapper wird diese Strategie auch als „buy and hold“ bezeichnet.

Grundsätzlich sind Aktien natürlich eine langfristige Geldanlage, Anleger sollten das Auf und Ab an den Börsen aussitzen können. Aber: Papiere zu kaufen und sich dann nicht mehr darum zu kümmern, ist falsch. „Letztendlich haben sich die Märkte immer wieder erholt“, sagt Experte Peter Martin. „Aber manchmal gibt es Phasen von 20 bis 30 Jahren, in denen das nicht passiert.“ Für Anleger, die in eine solche Phase geraten und nicht handeln, gibt es am Ende ein böses Erwachen – trotz Schlaftabletten.

Andrea Martens

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