Böse Überraschung beim Arztbesuch

- München - Das neue Arbeitslosengeld II reichte Bernd Walter *) nicht mal, um die Krankenkasse zu bezahlen: 400 Euro kostete die Privatversicherung im Monat - 50 Euro mehr, als ihm die Bundesagentur überwies. Seit Anfang des Jahres bemühte sich der 60-Jährige daher um einen Wechsel in die gesetzliche Krankenkasse. Doch die AOK Bayern wies ihn ab: "Nicht möglich", so die Antwort. Eine Falschinformation. Dabei hatte Walter noch Glück: Einige Alg-II-Empfänger verloren ganz ihren Versicherungsschutz.

<P>Mit dem Start von Hartz IV hat sich auch bei der Krankenversicherung einiges geändert. Ehemalige Sozialhilfeempfänger, die jetzt Alg II bekommen, werden erstmals als ordentliche Mitglieder bei den Kassen geführt. Bisher wurden die anfallenden Arztkosten direkt von den Kommunen bezahlt. Bei der Übertragung der Daten gab es allerdings Probleme: Manche Alg-II-Empfänger wurden den gesetzlichen Kassen nicht gemeldet, sie waren daraufhin plötzlich nicht mehr versichert.<BR><BR>Im Januar wurden 51 000 Alg-II-Anträge abgelehnt<BR><BR>Eine böse Überraschung beim Arzt droht auch tausenden Langzeitarbeitslosen, deren Alg-II-Antrag abgelehnt wurde. Denn wer von seiner Arbeitsagentur nicht mehr als bedürftig eingestuft wurde, ist auch nicht mehr automatisch bei seiner Kranken- und Pflegekasse versichert. Ohne Bezug von Alg II entfällt die gesetzliche Pflichtversicherung. "Die Arbeitslosen müssen sich freiwillig versichern", erklärt Markus Braun, Pressereferent bei der AOK Bayern. Dies ist allerdings vielen nicht bekannt: "Kaum jemand hält es für möglich, dass man aus einer Pflichtversicherung rausfallen kann", sagt Heidemarie Krause-Böhm von der Verbraucherzentrale Bayern.<BR><BR>Wie viele abgewiesene Alg-II-Bewerber betroffen sind, weiß niemand genau. Allein im Januar wurden nach BA-Angaben knapp 51 000 Anträge auf Alg II abgelehnt. Doch nicht alle, die einen negativen Bescheid bekommen haben, müssen sich selbst versichern: Verheiratete Arbeitslose, deren Ehepartner noch Mitglied einer gesetzlichen Krankenkasse sind, können sich als Familienangehörige umsonst mitversichern.<BR><BR>Dieser Ausweg aus der Misere besteht für Singles allerdings nicht. "Sie sollten sich schnellstens mit ihrer Krankenkasse in Verbindung setzen", mahnt Krause-Böhm. Die Zeit drängt: Spätestens drei Monate, nachdem man den ablehnenden Bescheid erhalten hat, muss schriftlich bei der Krankenkasse eine Weiterversicherung beantragt werden. Wer die Frist verpasst, fliegt aus der Kasse. Und damit nicht genug: Gefeuerte Kassenpatienten dürfen auch von keiner anderen gesetzlichen Kasse mehr aufgenommen werden. "Das hat der Gesetzgeber so bestimmt", sagt AOK-Pressereferent Braun. Ihnen bleibt nur die Möglichkeit, sich privat zu versichern - oder ganz auf eine Krankenversicherung zu verzichten. Dieses Risiko gehen immer mehr Deutsche ein. So stieg die Zahl der Patienten ohne Versicherung von 105 000 im Jahr 1995 auf 188 000 (2003).</P><P>Fast 200 000 Deutsche ohne Krankenversicherung<BR><BR>Alg-II-Empfänger ohne Krankenversicherung - das schließt BA-Sprecherin Ilona Mirtschin aus: "Die Anfangsschwierigkeiten bei der Datenübermittlung sind inzwischen behoben." Mirtschin verweist darauf, dass abgelehnte Alg-II-Bewerber einen Zuschuss für die private Kasse beantragen können. Die maximale Förderung beträgt 125 Euro monatlich für den Krankenschutz und 15 Euro für die Pflegeversicherung. Bernd Walter aus Egling hat inzwischen den Sprung in die gesetzliche Kasse geschafft. Als Alg-II-Empfänger steht ihm die gesetzliche Krankenkasse wieder offen. Eine Information, die sich allerdings noch nicht herumgesprochen hat. Zwei Wochen telefonierte Walter mit verschiedenen Betreuern bei der AOK. Doch die Mühe hat sich gelohnt: Jetzt reicht die monatliche Stütze auch wieder zum Leben.<BR><BR>*) Name geändert<BR></P><P><BR> </P>

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