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Erneut hat es in einer Textilfabrik gebrannt. Die Ermittler gehen von Brandstiftung aus. Zum Verhängnis wurden den über 100 Menschen, die bei dem Großbrand in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka ums Leben kamen, allerdings vor allem kaputte Feuerlöscher und verschlossene Notausgänge.

Brand wirft Fragen nach dem Preis auf

München - Bei einem Brand in einer Textilfabrik in Bangladesch sind am Wochenende mehr als hundert Menschen gestorben. Der tödliche Zwischenfall wirft Fragen auf: Woher kommen unsere Kleider? Unter welchen Bedingungen werden sie produziert und woran erkenne ich das?

Wieder ein Brand. Wieder in einer Textilfabrik. Der Großbrand in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka, bei dem mehr als hundert Menschen starben, war kein Einzelfall. Erst Ende September stand eine ähnliche Fabrik in Pakistan in Flammen – 250 Tote. Die Liste ist lang. Laut der Gewerkschaft Verdi starben seit 2006 allein in Bangladesch weit über 500 Menschen bei Bränden in Textilfabriken, die auch deutsche Handelsketten beliefern. Schuld sind meistens fehlende Brandschutzmaßnahmen. Den Großbrand am Wochenende hat wohl ein Brandstifter gelegt, doch zum Verhängnis wurden den Näherinnen defekte Feuerlöscher und verschlossene Notausgänge.

Nicht nur Billig-Mode kommt aus Asien

In den rund 4000 Textilfabriken in Bangladesch nähen vor allem Frauen T-Shirts, Hosen, Pullover und Jacken, die oft in deutschen Kleiderschränken landen. Die Ausfuhr von Billig-Mode nach Europa und in die USA bringt dem armen Land, das als Werkbank der Textilindustrie gilt, jährlich rund 15 Milliarden Euro. Deutschland hat 2012 bereits Billig-Mode im Wert von 1,45 Milliarden Euro abgenommen (siehe Grafik). Dabei werden in den Fabriken nicht nur Sicherheitsvorkehrungen im Brandschutz missachtet. Kinderarbeit, Hungerlöhne und unmenschliche lange Arbeitszeiten sind oft an der Tagesordnung. Das belegen unter anderem Untersuchungen der Gewerkschaft Verdi.

Laut der Gewerkschaft werden 90 Prozent der Kleider, die in Deutschland verkauft werden, in Asien, Süd- und Osteuropa genäht. Besonders oft landet die Billig-Mode in den Regalen von Discountern. Aber auch teure Marken-Jeans können aus einer asiatischen Textilfabrik stammen. „Nicht nur H&M und KiK lassen in Bangladesch nähen, auch Marken wie Hugo Boss“, sagt Christiane Scheller, Sprecherin bei der Gewerkschaft Verdi. Der Preis sagt nicht immer etwas über die Arbeitsbedingungen aus, unter denen das Kleidungsstück genäht wurde.

In einer Studie hat die „Kampagne für Saubere Kleidung“ (Clean Clothes Campaign – CCC) die Arbeitsbedingungen bei Zulieferern von Aldi, Lidl und KiK in Bangladesch untersucht. „Der Lohn ist sehr niedrig, Frauen werden diskriminiert, die Arbeiter dürfen sich nicht in Gewerkschaften organisieren und es werden massiv Überstunden gemacht“, fasst Gisela Burckhardt von CCC die Ergebnisse der Studie zusammen. Laut CCC verdient eine Näherin an einem T-Shirt, das in Deutschland für 4,95 Euro verkauft wird, 0,13 Cent.

Der gesetzliche Mindestlohn in Bangladesch beträgt für einen ungelernten Arbeiter 30 Euro pro Monat. Ausgebildete Arbeitnehmer erhalten 42 Euro Monatslohn. Selbst für Bangladesch sei das zu wenig zum Überleben, sagt Verdi-Sprecherin Scheller. „Wenn jedes Kleidungsstück bei uns 11 bis 12 Cent teurer wäre, könnte man den Frauen einen Lohn, der zum Überleben reicht, bezahlen.“ Der Lohn einer Näherin würde sich dadurch im Schnitt um 50 Euro pro Monat erhöhen.

Für den Verbraucher, der im Laden steht, ist es oft schwer zu erkennen, wo ein Kleidungsstück hergestellt wurde. „Das Problem ist, dass die Handelsunternehmen nicht offenlegen müssen, wo sie ihre Ware produzieren lassen“, sagt Gisela Burckhardt. Ein Beispiel: Während H&M in den Etiketten ausweist, wo ein Kleidungsstück hergestellt wurde, verzichtet der Discounter Primark auf den „Made in“-Verweis. Händler, die ihre Zulieferbetriebe geheim halten, argumentieren oft mit ihrer Wettbewerbsfähigkeit.

Labels kennzeichnen Arbeitsbedingungen

Die einzige Hilfe bieten Labels auf den Etiketten, die soziale Kriterien ausweisen (siehe unten). Gisela Burckhardt empfiehlt vor allem das grüne Label mit dem weißen Hemd, „Global Organic Textile Standards“ (GOTS) genannt. Für besonders verlässlich hält sie außerdem das Fairtrade-Zeichen, mit dem auch Lebensmittel ausgezeichnet werden. Mit Vorsicht zu genießen sind dagegen diverse Verhaltenskodizes, die Unternehmen gerne auf ihrer Homepage ausweisen. „So was macht sich immer gut, aber Papier ist geduldig“, sagt Verdi-Sprecherin Scheller. Ein Kodex sage noch nicht aus, dass er auch eingehalten werde.

Es legen zwar immer mehr Kunden Wert darauf, dass ihre Kleidung umwelt- und sozialverträglich hergestellt wird. Gleichzeitig steige aber auch die Zahl der Verbraucher, die möglichst wenig für Jacke, Hemd und Hose ausgeben möchten, sagt Christiane Scheller. „Die Schere geht immer weiter auseinander.“ Die irische Handelskette Primark treibe das Geschäft mit der Billig-Mode derzeit auf die Spitze, findet die Gewerkschaftlerin. In mittlerweile neun deutschen Primark-Filialen shoppen vor allem junge Mädchen, was das Zeug hält. Ein Top für 2,50 Euro, eine Tasche ab fünf Euro. Die Preise sind unschlagbar. Woher die Billig-Mode kommt, interessiert die Kundinnen oft nicht. „Deshalb ist es wichtig, dass wir aufklären“, sagt Scheller.

Verdi fordert seit langem höhere Löhne für Arbeiter, Zugangsrechte für Gewerkschaften, Transparenz, was die Zulieferbetriebe anbelangt – und vor allem verbesserten Brandschutz in den Fabriken.

Von Manuela Dollinger

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