Stefan Schaible gestikuliert im MM-Konferenzraum
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Stefan Schaible, 1968 in München geboren, ist Global Managing Partner bei Roland Berger und gemeinsam mit zwei weiteren Kollegen für das weltweite Geschäft verantwortlich. Die Unternehmensberatung Roland Berger wurde 1967 gegründet und zählt heute europaweit zu den Top-Adressen. Firmengründer Roland Berger hat sich vor einigen Jahren aus dem aktiven Beratungsgeschäft zurückgezogen und hält auch keine Anteile mehr am Unternehmen. Allerdings ist er weiterhin Ehrenaufsichtsratsvorsitzender.

INTERVIEW - Roland-Berger-Chef: Heilsamer Schock durch Corona – Zurück zu alter Stärke

„Brauchen radikalen Wandel statt Moderation“

  • Georg Anastasiadis
    vonGeorg Anastasiadis
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  • Corinna Maier
    Corinna Maier
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München – Die Corona-Krise kann für Deutschland zu einer großen Chance werden – davon ist Stefan Schaible, Global Managing Partner der Unternehmensberatung Roland Berger, überzeugt – auch wenn das Land in Sachen Impfen und Digitalisierung aktuell noch eher schlechte Noten bekäme.

Wenn Sie Berater der Deutschland AG wären: Was müssten wir jetzt in der Corona-Krise anders machen?

Bis zu dem Punkt, ab dem es um das Impfen ging, hat es Deutschland im internationalen Vergleich gut gemacht. Beim Impfen finde ich es zunächst einmal vernünftig, dass man eine EU-weite Beschaffungslösung gesucht hat, um die Länder nicht gegeneinander auszuspielen und die Marktmacht zu bündeln. Was ich nicht verstanden habe, war die übertriebene europäische Sparsamkeit bei der Beschaffung des Impfstoffs. Es ist doch klar, dass bei einer so hohen Nachfrage nach einem Produkt auch der Preis nach oben geht und die Produktion zuerst bei denen aufgebaut wird, die frühzeitig finanzielle Sicherheit geben.

Das heißt, Europa war zu geizig?

Wenn man schaut, wie viel Geld zur Krisenbekämpfung ausgegeben wird, hätte man für den Impfstoff mehr ausgeben müssen. Jeder Tag, den wir wegen breiter Impfung bei der Rücknahme des Lockdowns und Lockerungen des Wirtschaftslebens gewinnen, macht sich über erhöhtes Wirtschaftswachstum sofort bezahlt. Ich finde es auch politisch bedenklich, dass nun ausgerechnet die Herren Putin, Netanjahu und Johnson die Gewinner sind, was das Impfen angeht.

Sind wir zu bürokratisch?

Länder wie China bekommen die Dinge natürlich schneller entschieden und exekutiert. Dennoch müssen westliche Demokratien ihnen gegenüber wettbewerbsfähig bleiben. Vielleicht muss man das föderale System so ergänzen, dass es in Krisenzeiten funktionaler ist und ein zentraler Zugriff besser möglich ist. Oder man schafft befristete Transformations-Stellen im öffentlichen Dienst mit besonders guter Bezahlung für besonders qualifiziertes Personal, das für wichtige Projekte eingestellt wird und dann zum Beispiel am Aufbau einer Impf-Infrastruktur arbeitet. Das könnte helfen, die Schwäche der öffentlichen Hand bei der Umsetzung von Projekten zu überwinden.

Corona deckt in vielen Fällen die Schwachstellen in Unternehmen auf, die schon vorher da waren.

Stefan Schaible, Global Managing Partner der Unternehmensberatung Roland Berger

Wie es in der Hinsicht bisher läuft, wird öffentlich eher als Debakel wahrgenommen.

Der zentrale Punkt ist, dass wir zu wenig Impfstoff haben. Ob in Impfzentren oder bei Hausärzten geimpft wird, ist da zweitrangig. Das würden wir schon hinkriegen. Doch wir sind leider noch immer in einer Mangelverwaltungssituation, obwohl der erste Impfstoff hier entwickelt wurde und der Staat vorausschauend in Unternehmen wie Biontech investiert hat.

Wie lange wird das noch so sein?

Die Angebots- und die Nachfragekurve werden in Europa spätestens im dritten Quartal zusammenlaufen. Dennoch: Die Leidensstrecke war zu lang. Das geht auf die Psyche und verursacht ökonomische Kosten. Wir haben in Deutschland schon mal Dinge besser gemacht. Dazu kommt: Die Impfstoffbeschaffung war nicht gerade dienlich, um den Glauben an transnationale Strukturen zu stärken.

Gerade wird heftig darum gerungen, ob weiter geöffnet oder der Lockdown verschärft wird. Wie sehen Sie die Debatte?

Festzuhalten bleibt: Die Vermeidung von Kontakten scheint eine wirksame Strategie im Kampf gegen Corona zu sein. Wir haben es immerhin hinbekommen, dass in Deutschland die Intensivstationen nicht überfordert worden sind. Ob es nun fair ist, dass ein Blumenladen aufmachen darf und ein Cafe mit einem tollen Hygienekonzept nicht, oder dass in einem Bundesland Baumärkte geöffnet haben und im anderen nicht, darüber kann man natürlich trefflich streiten. Ich finde trotzdem, dass das die Politik insgesamt gut gemacht hat. Auch was die Stützungsprogramme für die Wirtschaft angeht. Bei den Befreiungsmechanismen, zum Beispiel dem Testen, waren wir dagegen an der Untergrenze der Kreativität.

Als Unternehmensberater haben Sie Einblick in viele Firmen. Was glauben Sie, wie groß der Schaden sein wird, wenn die Pandemie irgendwann ausgestanden ist?

Ich glaube, unter den kleinen, innerstädtischen Geschäften und auch bei Filialisten mit Schwächen im Online-Bereich und in der Gastronomie wird sich schon viel verändern. Über die Stützungsmaßnahmen hat man aber weitgehend stabilisiert, was eine Zukunftschance bekommen sollte. Corona deckt in vielen Fällen die Schwachstellen in Unternehmen auf, die schon vorher da waren. Und da geht es in allererster Linie um Digitalisierung. Da müssen Unternehmen zusehen, jetzt schnell – wenngleich womöglich mit geringeren finanziellen Kapazitäten – Defizite auszugleichen.

Befürchten Sie eine Pleitewelle?

Nein, die große Pleitewelle erwarte ich nicht. Allerdings kommen Branchen, die ohnehin unter Transformationsdruck stehen, noch stärker unter Druck. In den vergangenen Jahren des Wohlstands sind auch manche Unternehmen etwas träge geworden. Man kann das aber auch zur Chance machen, wenn man jetzt das Nötige nachholt und das zum Wettbewerbsvorteil macht. In so etwas waren wir in Deutschland in der Vergangenheit immer sehr gut.

Die Impfstoffbeschaffung war nicht gerade dienlich, um den Glauben an transnationale Strukturen zu stärken.

Stefan Schaible, Global Managing Partner der Unternehmensberatung Roland Berger

Die Krise als heilsamer Schock?

Ja, es wäre möglich, dass wir zu alter Stärke zurückfinden, vielleicht sogar zu neuer. Nehmen wir als Beispiel die Elektrifizierung von Automobilflotten. Da wird es einen Schub geben, man wird schneller sein, als man normalerweise gewesen wäre.

Was die Digitalisierung angeht, läuft es alles andere als rund, wenn man zum Beispiel die Situation an den Schulen sieht.

Da werden jetzt die Versäumnisse der Vergangenheit sichtbar. Was da teilweise gelaufen ist – Stichwort Lernplattformen –, war wirklich nicht akzeptabel. Andererseits kann man bei vielen Schülern einen Qualifizierungsschub beobachten. Viele Kinder hatten vor der Krise keine Berührungspunkte mit Tools wie Zoom, heute sind Videokonferenzen für sie selbstverständlich. Digitalisierung von Schulen, Schülern und Eltern war früher ein Randthema, das hat sich mittlerweile sehr geändert. Auch hier könnte man von einem heilsamen Schock sprechen. Da muss man jetzt nachhaltig dranbleiben und die Dinge konsequent nach vorne spielen. Meiner Erfahrung nach ist es so, dass man in Extremsituationen am meisten lernt.

Kinder aus bildungsfernen Haushalten, um deren Lernfortschritte sich zuhause niemand gekümmert hat, sind noch weiter ins Abseits geraten.

Das ist leider so. Wir müssen darauf achten, dass man Kinder aus weniger begüterten Elternhäusern mitnimmt und ihnen zur Not auch Endgeräte zur Verfügung stellt, damit niemand abgehängt wird.

Schon vor der Krise waren wir in Deutschland in Sorge um unsere Wirtschaft, weil die Autobranche als unsere Leitindustrie im Umbruch ist. Wo wird Deutschlands Platz in der Zukunft sein?

Ich halte nichts von Untergangsfantasien, ich blicke lieber positiv nach vorne. Nach allem, was ich höre, ist Deutschland gerade dabei, technologisch gewaltig aufzuholen, zum Beispiel gegenüber Wettbewerbern wie Tesla. Die Revolution für die Industrie war, dass man vorher einen Großteil der Energie in die Antriebstechnik investiert hat. Heute sind es Dinge wie Software-Design oder elektronische Vernetzung. Es kommt jetzt darauf an, hier aufzuholen oder sich sogar an die Spitze zu setzen. Ob man Komponenten wie Batteriezellen aus dem Ausland bezieht oder Fertigungen im eigenen Land aufzieht, ist eine industriepolitische Entscheidung. Früher hatte man in der Autoindustrie 80 Prozent hochrentable Wertschöpfung im Land, heute können es immer noch 50 bis 60 Prozent sein. Das hat natürlich einen Beschäftigungseffekt.

Auch öffentliche Institute müssen sich reformieren, müssen schneller, digitaler werden. 

Stefan Schaible, Global Managing Partner der Unternehmensberatung Roland Berger

Es werden massive Arbeitsplatzverluste in der Branche prognostiziert.

Ja, da wird es zu einem Abbau kommen. Die Technologieentscheidung zugunsten der Elektromobilität ist gefallen, und das bedeutet, dass man in dieser Branche in Deutschland weniger Arbeitskräfte braucht. Aber bei diesem Transformationsprozess in Richtung einer klimafreundlichen Wirtschaft können an anderer Stelle auch wieder Arbeitsplätze geschaffen werden. Wir haben in Deutschland eine solide Infrastruktur, unsere Ingenieurskunst und es gibt genügend Anlagekapital, wir können diese Transformationen also entschlossen angehen. Zum Beispiel müssen wir zusehen, beim Thema Wasserstoff eine führende Position einzunehmen und die erneuerbaren Energien voranzutreiben, die ja auch für die E-Mobilität entscheidend sind.

Was glauben Sie, bleibt von Corona?

Wir haben schon vorher in einer Welt gelebt, in der die Unkalkulierbarkeit und die Unsicherheit immer größer geworden sind. Corona hat offengelegt, wie verletzlich die Welt ist. Das hat Folgen für die Wirtschaft und für die Planbarkeit des Lebens. Wir alle müssen schneller und flexibler reagieren, können uns nicht mehr so auf stabile Strukturen verlassen. Hinzu kommt, dass wir in dieser ständig sich verändernden Welt zu einer ständigen Modernisierung gezwungen sind. In vielen Unternehmen wird das einen Innovationsschub auslösen, der auch etwas Befreiendes hat. Das wird dazu führen, dass sich auch die Organisationsformen in Unternehmen verändern werden. Wir werden in eine Dekade der radikalen Transformation kommen, das wird sich auch auf die Politik auswirken. Mit Moderation ist es dann nicht mehr getan. Auch öffentliche Institute müssen sich reformieren, müssen schneller, digitaler werden. Wenn wir das nicht hinbekommen, fallen wir zurück.

Zusammengefasst: Deutschland muss weg von der Moderation hin zu einem radikalen Wandel?

Ja. Dazu möchte ich sagen, dass ich hohen Respekt vor der Kunst der Moderation habe. Deutschland ist per se sicher kein besonders modernisierungsfreundliches Land. Doch daran wird man jetzt nicht vorbeikommen, wir brauchen den radikalen Wandel. Das ist auch möglich, denken Sie nur an Altkanzer Gerhard Schröder. Der hat seiner eigenen Partei viel zugemutet für die Arbeitsmarktreformen, von denen wir heute noch profitieren.

Sie klingen insgesamt ganz optimistisch.

Bin ich auch. Jeder hat mittlerweile erkannt, dass in Deutschland ein Schub bei der Digitalisierung dringend nötig ist. Da müssen wir jetzt massiv investieren. Auch das Thema Nachhaltigkeit kann für Deutschland zu einem echten Wettbewerbsvorteil werden. Damit haben wir die große Chance, uns zu differenzieren. Clevere technische Lösungen und Entwicklungen, sei es im Maschinenbau, in der Autoindustrie oder der Energiewirtschaft, das ist doch etwas, was wir Deutschen wirklich können. Ich bin überzeugt, dass wir unsere industrielle Basis auf die nächste Ebene heben können mit einer führenden Rolle in der Welt.

Offshore-Windpark vor Sylt

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