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Der Staranwalt und sein Mandant: Statt Rolf Breuer (l.) stand zunächst sein Verteidiger Sven Thomas (r.) im Fokus.

Breuer-Prozess: Verteidiger geht zum Angriff über

München - Es war eine Geduldsprobe: Mit knapp sieben Stunden Verspätung hat der Prozess gegen Rolf Breuer, den ehemaligen Chef der Deutschen Bank, begonnen. Er soll vor Gericht gelogen haben. Der erste Prozesstag stand aber ganz im Zeichen eines Duells: Starverteidiger gegen Richter.

Sven Thomas sieht aus wie ein Raubtier. Die weißen Haare streng nach hinten gegelt, sein Kinn stets etwas vorgeschoben, der Blick angriffslustig. Seine bevorzugte Beute: Staatsanwälte und Richter. Wenn Deutschlands Bosse ein Problem mit der Justiz haben, rufen sie ihn. Der Düsseldorfer Anwalt ist ein Star seiner Zunft. Er vertrat schon Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser in seinem Prozess, erst vor wenigen Tagen stand er Formel-1-Boss Bernie Ecclestone bei seiner Aussage im Gribkowsky-Verfahren bei. Nun sitzt Rolf Breuer neben ihm auf der Anklagebank des Saals B275 im Münchner Strafjustizzentrum.

Dem ehemaligen Vorstandssprecher der Deutschen Bank wird versuchter Prozessbetrug vorgeworfen. Er soll im Milliardenstreit der Bank mit dem verstorbenen Medienmogul Leo Kirch vor Gericht gelogen haben. Im August war das Verfahren gegen Breuer schon einmal wegen eines Formfehlers des Gerichts geplatzt. Und lange sieht es so aus, als würde es so weitergehen. Denn noch bevor Richter Anton Winkler das Verfahren eröffnen kann, stellt Verteidiger Thomas einen Befangenheitsantrag. Breuer, wie immer im dunkelblauen Anzug, muss wieder gehen. Fortsetzung: irgendwann am Nachmittag.

Breuer hat inzwischen Übung mit Auftritten vor Gericht. Seit zehn Jahren streiten die Deutsche Bank und Leo Kirch, später dessen Erben um Milliarden. Kirch warf Breuer vor, die Pleite seines Imperiums mit einem Fernsehinterview im Jahr 2002 verursacht zu haben, weil Breuer darin die Kreditwürdigkeit der Kirch-Gruppe angezweifelt hatte. Noch immer gibt es kein abschließendes Urteil, ob Kirchs Erben deshalb Schadenersatz zusteht. Derzeit wird vor dem Oberlandesgericht München verhandelt. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass auch wegen Aussagen in diesem Prozess gegen Breuer ermittelt wird – aber auch gegen den aktuellen Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann und Aufsichtsratschef Clemens Börsig.

Doch zunächst geht es gestern vor dem Landgericht München um eine Aussage Breuers in einem Verfahren vor dem Oberlandesgericht München im November 2003. Der Richter wollte damals wissen, ob Breuer sein Wissen über die Kreditwürdigkeit Kirchs nur aus Pressemitteilungen oder zusätzliche interne Informationen der Bank gehabt habe. „Ich verfügte über keinerlei spezifische Kenntnisse aus irgendwelchen Interna, seien es Bankinterna – unsere eigene Kreditakte Kirch habe ich nie gesehen“, antwortete Breuer. Die Staatsanwaltschaft glaubt ihm das nicht. Tatsächlich sei Breuer als Vorstandssprecher „deutlich über das eingeräumte Maß hinaus mit dem Kreditengagement der Bank befasst“ gewesen, sagt Staatsanwältin Christiane Serini. Er habe eine Bafin-Anfrage zum Thema selbst abgezeichnet und an einer Sitzung des Kreditausschusses teilgenommen, in der der Kirch-Kredit „Gegenstand einer besonderen Diskussion“ gewesen sei. Er habe so zum Beispiel über die geschätzte Gesamtverschuldung der Kirch-Gruppe Bescheid gewusst.

Lange sieht es gestern aber so aus, als würde es gar nicht zur Verlesung der Anklage kommen. Immer wieder wird der Prozessbeginn verschoben, weil über den Befangenheitsantrag beraten werden muss. Verteidiger Thomas wirft Richter Winkler vor, dass er Kirchs Anwälten Akteneinsicht gewährt habe, ohne vorher Breuers Vertreter dazu anzuhören. Zwei Mal sei das geschehen, nach dem ersten Mal habe er schriftlich protestiert, sagt Thomas. Doch Richter Winkler habe in seiner Stellungnahme zum Befangenheitsantrag angegeben, dieses Schreiben sei ihm „ nicht aufgefallen“. Der Antrag wird zwar abgewiesen, Thomas greift Richter Winkler aber weiter scharf an. „Es stellt sich die Frage, ob Sie der berufene Richter sind, über diese Anklage zu entscheiden.“

Dann stellen Thomas und sein Kollege Norbert Scharf gleich noch einen Antrag. Das Gericht sei falsch besetzt, weil nur zwei, nicht drei Berufsrichter der Kammer angehören. Angesichts des Umfangs des Verfahrens seien drei Richter zwingend erforderlich. Erst vor einigen Monaten war der Prozess gegen den ehemaligen Siemens-Vorstand Thomas Ganswindt wegen eines solchen Formfehlers geplatzt. Als Verteidiger Scharf beim Verlesen des Antrags ins Publikum schaut, grinst Richter Winkler. „Ist das so lustig?“, herrscht ihn Thomas an. „Ich frage mich, an wen Sie den Antrag stellen“, antwortet Winkler. Thomas droht gleich mit dem nächsten Befangenheitsantrag. Am Ende wirkt Richter Winkler sichtlich mitgenommen und vertagt die Sitzung ohne Entscheidung über den Antrag auf nächsten Freitag. „Ich bin ein durch und durch harmoniesüchtiger Mensch“, behauptet Thomas später und grinst. „Aber Freunde werden wir beide nicht mehr.“

Philipp Vetter

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