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Noch ist Großbritannien Teil der EU, bis Ende März will die britische Regierung aber offiziell den Austritt beantragen. Dann beginnt das Zittern in der Wirtschaft.

EU-Austritt Grossbritanniens

Was der Brexit für Bayerns Firmen bedeutet

München – In wenigen Wochen wird Großbritannien erklären, wie genau ein Brexit aussehen soll. In den bayerischen Exportfirmen steigt die Sorge um einen wegbrechenden Absatzmarkt. Zwei Szenarien sind denkbar.

Nicht nur der künftige US-Präsident Donald Trump bereitet den Vertriebs-Chefs in Bayerns Unternehmen derzeit Kopfzerbrechen. Ziemlich genau fünf Monate nach der Abstimmung über einen EU-Austritt Großbritanniens wächst in bayerischen Exportfirmen die Sorge, dass die Ausfuhren auf die Insel massiv einbrechen könnten.

Die Zahlen sprechen für sich: Für bayerische Firmen ist Großbritannien der wichtigste Absatzmarkt innerhalb der EU (siehe Kasten). Noch ist nicht klar, wie die künftigen Handelsbeziehungen der EU zu Großbritannien einmal aussehen werden. Nur so viel steht fest: Am 31. März 2017 ist Stichtag. Spätestens bis dahin will Großbritannien dem Europäischen Rat offiziell mitteilen, dass der Inselstaat aus der EU austreten will. Artikel 50 des EU-Vertrags sieht diesen offiziellen Weg vor. Das Datum hat Großbritanniens Premierministerin Theresa May Anfang Oktober genannt.

Für die Briten bedeutet das: Spätestens Ende März tickt die Uhr. In Artikel 50 des EU-Vertrags ist geregelt, wie das weitere Prozedere aussieht. Sobald der EU das Austrittsgesuch vorliegt, beginnen die Verhandlungen über die Details des Austritts. In diesen Verhandlungen werden auch die künftigen Handelsbeziehungen zwischen der EU und Großbritannien neu definiert.

Wirklich raus aus der EU sind die Briten, sobald das Brexit-Abkommen in Kraft tritt. Die Zeit für die Verhandlungen ist knapp. Sofern innerhalb von zwei Jahren nach dem Austrittsgesuch kein Folgeabkommen zustande kommt, erlischt die Gültigkeit aller EU-Verträge automatisch – das wäre spätestens am 31. März 2019. Immerhin kristallisieren sich die zentralen Ziele der Briten allmählich heraus: möglichst viel Freihandel. Anfang der Woche hat Nick Leake, Leiter der Abteilung für Wirtschaftsfragen bei der britischen Botschaft in Berlin, noch einmal klar gemacht: „Wir wollen die engstmögliche Bindung an die Europäische Union – mit Berücksichtigung der politischen Realität“, sagte Leake unserer Zeitung. Unter einer „engstmöglichen Bindung“ versteht er: Der Zugang zum Europäischen Binnenmarkt soll weitgehend erhalten bleiben. Laut Leake betreibe Großbritannien schließlich mehr Handel mit Nordrhein-Westfalen als mit Indien. Unter „politischer Realität“ versteht der Diplomat: Die Zuwanderung nach Großbritannien wird beschränkt werden – wenn auch noch nicht klar sei, auf welche Weise.

Die Konsequenz für die Exportwirtschaft: Sie muss sich auf zwei Szenarien einstellen. Szenario Nummer eins: Die EU-Staaten zeigen sich kulant, der freie Marktzugang bleibt weitgehend bestehen – dann dürften sich die Befürchtungen der bayerischen Exporteure in Luft auflösen. Für eine solche Lösung spricht sich beispielsweise der Sachverständigenrat der Bundesregierung in seinem jüngsten Gutachten aus. Die Wirtschaftsweisen plädieren dafür, „durch konstruktive Verhandlungen einen Austritt zu verhindern oder zumindest ein Nachfolgeabkommen zu schließen, das für beide Seiten den Schaden minimiert.“

Das ist aber keineswegs gewiss, schon jetzt spüren die Briten mächtigen Gegenwind aus Brüssel und Berlin: Sollten die Brexit-Verhandlungen scheitern, kegeln die Klauseln im EU-Vertrag die Briten 2019 automatisch aus der EU – ohne Folgeabkommen. Das wäre Szenario Nummer zwei. Für die Exportwirtschaft würde das bedeuteten: Der von den EU-Verträgen garantierte Freihandel wäre über Nacht abgeschafft, die Handelsbeziehungen wären irgendwo auf Nachkriegsniveau.

Derweil hoffen die bayerischen Konzerne auf ein glimpfliches Ende. Beispiel Siemens: Zwar sei Siemens als globales Unternehmen nicht so stark von möglichen negativen Auswirkungen eines Brexits betroffen, erklärte ein Firmen-Sprecher. Er fügte aber hinzu: „Beide Seiten sollten sich über die gemeinsamen Interessen und Beziehungen verständigen, wie beispielsweise Freihandel und Zusammenarbeit in den Bereichen Forschung und Innovation.“ 2016 habe Siemens an seinen Standorten in Großbritannien einen Umsatz von 4,6 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Ähnlich äußert sich BMW. „Nach einem Brexit sähe die BMW Group am liebsten die Integration Großbritanniens in den EU-Binnenmarkt mit der Beibehaltung des freien Verkehrs von Waren, Dienstleistungen, Kapital und qualifizierten Arbeitskräften“, so eine Sprecherin. Großbritannien sei für BMW der viertgrößte Markt und mit Mini und Rolls-Royce Heimatmarkt zweier BMW-Marken.

Die Interessensverbände der Industrie bringen sich entsprechend in Stellung: Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) forderte zuletzt, die wirtschaftlichen Folgen des Brexits so weit wie möglich zu begrenzen und die Integration Großbritanniens in die EU zu erhalten. Vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt schränkte aber ein: „Auf der anderen Seite muss aber auch klar sein, dass sich Großbritannien nicht nur die Rosinen herauspicken kann.“

Sebastian Hölzle

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