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Zum Euro dürfte das britische Pfund nach erfolgter Austritts-Erklärung fünf Prozent verlieren, schätzen Experten. 

Brexit und seine Folgen

Absturz noch nicht vorbei: BayernLB rechnet mit Pfund-Crash

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München – Gut einem Monat nach dem EU-Referendum in Großbritannien wetten Marktteilnehmer offenbar noch immer auf einen Verbleib der Briten in der Europäischen Union.

„Der Brexit ist noch immer nicht zu einhundert Prozent im Wechselkurs des Pfundes eingepreist“, sagte BayernLB-Volkswirt Manuel Andersch am Dienstag in München.

Derzeit ist ein Pfund mehr als 1,30 US-Dollar wert. Würden hingegen sämtliche Marktteilnehmer einen EU-Austritt der Briten erwarten, müsste ein Pfund nach Einschätzung des Analysten eher bei 1,20 Dollar notieren. Anders formuliert: Trifft die Einschätzung des BayernLB-Experten zu, wird der Pfund-Kurs um weitere sieben bis acht Prozent zum Dollar einbrechen, sobald die britische Regierung der EU ihr offizielles Austrittsgesuch gestellt hat. Zum Euro dürfte das Pfund fünf Prozent verlieren.

„Am Markt gibt es nach wie vor Resthoffnungen, dass der Brexit formal nicht umgesetzt wird“, beobachtet Andersch. Diese Hoffnung stützt sich offenbar auf Quoten der britischen Wettanbieter: Demnach liege die Wahrscheinlichkeit für einen EU-Verbleib oder zumindest für eine Austritts-Erklärung nach 2018 bei rund einem Drittel, sagte Andersch. Die Schlussfolgerung des Experten: „Eine tatsächliche Auslösung von Artikel 50 würde den Druck auf das Pfund verstärken.“

Am 23. Juni hatten bei einem Referendum in Großbritannien 51,9 Prozent der Wähler für einen EU-Austritt gestimmt. Will ein Mitgliedsland aus der EU austreten, muss es laut Artikel 50 des EU-Vertrags dem Europäischen Rat seine Absicht formal mitteilen. Die britische Regierung unter der neuen Premierministerin Theresa May hat ein offizielles Austrittsgesuch aber bisher nicht gestellt – und formal gesehen ist das Referendum vom Juni für die britische Regierung auch nicht bindend.

„Wir gehen aber davon aus, dass es ein Austrittsgesuch geben wird“, sagte Andersch. Trifft auch diese Einschätzung zu, hätten sich viele Marktteilnehmer schon wieder kräftig verspekuliert: Bereits im Vorfeld des Juni-Referendums sagten die Buchmacher-Quoten und Umfragen einen Verbleib der Briten in der EU voraus. Da fast alle Marktteilnehmer dieser Meinung folgten, brach der Pfund-Kurs nach dem überraschenden Brexit-Votum kräftig ein. Binnen kürzester Zeit rutschte das Pfund von über 1,50 Dollar auf zeitweise 1,32 Dollar. An den Börsen gab es heftige Turbulenzen.

Nach Meinung von BayernLB-Chefvolkswirt Jürgen Michels hat sich die „Zerreißprobe Europas“ mit dem Votum der Briten weiter verschärft. In Frankreich stehen 2017 Präsidentschaftswahlen an, in Holland sind Parlamentswahlen geplant. Bei einem Erfolg der Rechtspolitiker Marine Le Pen in Frankreich oder Geert Wilders in den Niederlanden, wäre ein EU-Austritt von zwei Eurozonenmitgliedern plötzlich wahrscheinlich geworden – schon jetzt hat das Folgen für die Brexit-Verhandlungen: „Vor allem bis zu den französischen Wahlen dürfte die EU eine sehr harte Verhandlungsposition an den Tag legen“, glaubt Michels.

Der Ökonom befürchtet infolge des Brexit-Votums noch einen zweiten Effekt auf die Länder der Eurozone: Entgegen seiner früheren Einschätzung werde Griechenland die Eurozone nun doch nicht 2017 verlassen, sagte er. Um ein weiteres Auseinanderdriften zu verhindern, befürchtet Michels stattdessen eine „verdeckte Vergemeinschaftung“ der Staatsschulden innerhalb des Euroraums. Konsequenzen durch das Brexit-Referendum drohen auch Sparern: Eine baldige Zinswende der Europäischen Zentralbank (EZB) ist laut Michels in noch weitere Ferne gerückt. Er gehe davon aus, dass ein erster Zinsschritt der EZB nach oben erst im Jahr 2021 erfolgen dürfte – bis dahin bleibe der Leitzins bei Null. 

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