Brüssels Sondermüll im Handgepäck

Flüssigkeiten im Flugzeug: - Jede Woche landen an deutschen Flughäfen Waren im Millionenwert auf dem Müll. Der Grund: das weitgehende Verbot von Flüssigkeiten im Handgepäck der Passagiere. Es soll Anschläge mit Flüssigsprengstoff verhindern. Ob das gelingt, ist allerdings zweifelhaft. Die Flughäfen wehren sich jetzt gegen die teure EU-Vorschrift.

München - Das Problem hat seinen Ursprung in einer Erfolgsmeldung vom Kampf gegen Terrorismus. Man habe Anschlagspläne auf Flüge in die USA aufgedeckt, teilte die britische Polizeibehörde Scotland Yard im vergangenen August mit. Angeblich sollte dabei Flüssigsprengstoff verwendet werden, hieß es. Das veranlasste den sogenannten Regelungsausschuss unter dem Vorsitz der EU-Kommission dazu, eine neue Vorschrift für Flüssigkeiten im Handgepäck zu erlassen: Seit November 2006 darf jeder Passagier auf Flügen, die in der EU starten, maximal einen Liter Flüssigkeit in kleinen Abfüllungen und speziellen Beuteln im Handgepäck haben (siehe Kasten) - mit schwerwiegenden Folgen für Passagiere und Flughäfen.

Jede Woche werfen die deutschen Flughäfen bei der Sicherheitskontrolle aussortierte Parfüms, Cremes und Spirituosen im Wert von zwei Millionen Euro auf den Müll, beklagt die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV). In Frankfurt fallen so bis zu drei Tonnen Abfall täglich an, in München im Schnitt eine. Eine Verwertung - etwa zugunsten karitativer Einrichtungen - ist "aus haftungs- und zollrechtlichen Gründen" nicht möglich, heißt es bei der ADV. "Die eingesammelten Waren müssen aufgrund der Brandlast teuer als Sondermüll entsorgt werden."

Der Sicherheitsgewinn ist allerdings fraglich. Denn an den Flughäfen kann nicht überprüft werden, ob es sich bei einer Flüssigkeit um Sprengstoff handelt. "Man kann das nicht detektieren. Da fehlt es an Technologien", erklärt Horst Krause vom Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie. "Sie prüfen, wie viel Flüssigkeit jemand bei sich hat, aber nicht, wie gefährlich das ist", sagt der CDU-Europaabgeordnete Georg Jarzembowski. Er hält die Handgepäckrichtlinie deshalb für eine "Scheinmaßnahme, um Sicherheit vorzugaukeln". Es bringe wenig, "sich von jeder Oma die Zahnpasta vorzeigen zu lassen". Das Mitglied des Verkehrsausschusses fordert, die Regelung zu prüfen und - falls sich keine neuen Erkenntnisse über einen Sicherheitsgewinn ergeben - sie aufzuheben.

"Insgesamt muss die Regelung auf den Prüfstand, weil wir Kosten und Sicherheitsgewinn abwägen müssen", urteilt auch Ulrich Stockmann von der Sozialdemokratischen Fraktion im Europäischen Parlament. Der innenpolitische Sprecher der Konservativen im Europaparlament, Manfred Weber (CSU), betont: "Sicherheit geht vor Aufwand." Doch müsse die Kommission erläutern, welchen Sicherheitsgewinn die Handgepäck-Vorschrift gebracht habe. "Wenn da nichts kommt, bin ich dafür, dass es hinterfragt wird."

Das Europaparlament soll Mitte Juli eine Resolution beschließen, die die EU-Kommission zumindest zur Überprüfung der Regel auffordert. Darauf wollten sich die Fachsprecher im Parlament gestern einigen. "Ich halte die Chancen einer Abschaffung für gegeben, weil sich mittlerweile Realismus breitgemacht hat bei denen, die solche Entscheidungen auf Basis politischer Kriterien getroffen haben", vermutet Münchens Flughafen-Chef Michael Kerkloh. In der Hauptreisezeit diesen Sommer wird die Regel trotzdem gelten. Eine Prüfung der Kommission dürfte mehrere Monate in Anspruch nehmen, heißt es in Brüssel.

Das darf an Bord

Flüssigkeiten dürfen ausschließlich in Packungen mit einer Höchstfüllmenge von 100 Millilitern transportiert werden. Ausschlaggebend ist die auf der Packung aufgedruckte Menge. Darüber hinaus müssen alle Packungen in einem transparenten, wieder verschließbaren Plastikbeutel mit maximal einem Liter Fassungsvermögen befördert werden. Pro Person ist ein Beutel erlaubt. Dieser muss bei der Handgepäckkontrolle vorgezeigt werden.

Zu den Flüssigkeiten zählen Getränke, Sirup, Suppen und Parfüms, aber auch Gels, Pasten, Lotionen, Rasierschaum oder Sprays.

Ausgenommen sind lediglich Medikamente und Spezialnahrung (z. B. Babynahrung), die während des Fluges aus medizinischen Gründen unbedingt benötigt werden.

Geeignete Beutel gibt es im Haushaltswarenhandel oder am Flughafen vor der Sicherheitskontrolle bzw. in den angrenzenden Geschäften.

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