Brutto und netto: "Ein krasses Missverhältnis"

- REINHARD DÖRFLER *

Es ist fast schon ein pawlow'scher Effekt: Kaum sind die ersten Anzeichen eines Aufschwungs in Sicht, schießen auch schon wieder Forderungen nach irrealen Lohnerhöhungen ins Kraut. Die Kaufkraft der Arbeitnehmer stärken und damit die müde Binnennachfrage ankurbeln, lautet die stereotype Rechtfertigung.

Diese Rechnung geht aber, wie die Wissenschaft seit Jahren predigt, aus mehreren Gründen nicht auf.

Von einer Bruttolohnerhöhung von 100 Euro gibt ein durchschnittlich verdienender Arbeitnehmer nach Abzug von Steuern, Abgaben und Sonstigem gerade mal ein Drittel für den Konsum inländischer Produkte aus. Diese bescheidene Summe von rund 30 Euro führt aber beim Arbeitgeber zu Kosten von mindestens 120 Euro. Er muss also die Konsumnachfrage vierfach berappen. Ein krasses Missverhältnis.

Richtig ist, dass viele Unternehmen im vergangenen Jahr gut verdient haben, einige wenige sogar sehr gut. Doch was ist mit dem großen Rest? Fakt ist, dass Deutschland trotz gemäßigter Tarifabschlüsse in den vergangenen Jahren weltweit immer noch mit die höchsten Arbeitskosten hat. Die negativen Auswirkungen einer überhöhten Lohnsteigerung wären unmittelbar zu spüren. So wäre die hart erkämpfte internationale Wettbewerbsfähigkeit vieler Unternehmen schnell wieder in Gefahr, mit den bekannten Folgen wie weitere Standortflucht oder Entlassungen. Die kleinen und mittleren Unternehmen, deren Gewinnsituation ohnehin nicht rosig ist, müssten um ihre Existenz kämpfen.

Alle Welt fordert, dass in Deutschland neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze entstehen müssen. Das geht aber nur, wenn der Verteilungsspielraum, der sich aus der Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Produktivität und der Preissteigerungsrate des Bruttoinlandsproduktes definiert, zumindest nicht überschritten wird. Dieser Wert wird in diesem Jahr zum Beispiel nach Schätzungen des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung 1,5 bis 2 Prozent betragen. Wenn dieser Verteilungsspielraum aber vollständig für die Lohnforderungen der Gewerkschaften beansprucht wird, bestehen für die Unternehmen keinerlei Anreize für zusätzliche Investitionen und neue Arbeitsplätze.

Am Kaufkraftargument ist allein die Tatsache richtig, dass in Deutschland den Arbeitnehmern von ihren Bruttolöhnen und -gehältern netto zu wenig übrig bleibt. Um das zu ändern, dürfen aber nicht die Bruttoverdienste erhöht, sondern muss die Abgabenlast spürbar gesenkt werden.

*Dr. Reinhard Dörfler ist Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern.

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