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Trotz Wirtschaftswachstums in Deutschland: Warum der Kuchen kleiner ist als wir denken

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Von: Prof. Dr. Timo Wollmershäuser

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Prof. Dr. Timo Wollmershäuser ist Leiter der Konjunkturforschung und -prognosen am ifo Institut in München.
Prof. Dr. Timo Wollmershäuser ist Leiter der Konjunkturforschung und -prognosen am ifo Institut in München. © N. Bruckmann/M. Litzka/dpa

Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) dürfte im laufenden Jahr trotz Ukraine-Krieg und Energiekrise zulegen. Aber gibt es deshalb mehr zu verteilen und geht es uns deshalb wirklich besser? Ifo-Konjunktur-Experte Prof. Timo Wollmershäuser über die Tücken des meist beachteten Wirtschaftsindikators und die Frage, welche Einkommensverluste uns für die nächsten Jahre drohen.

München – Das reale Bruttoinlandsprodukt eines Landes misst die Größe des Kuchens, der von allen Einwohnern eines Landes gebacken wird. So könnte einer der ersten Sätze eines Einführungsbuches zur Volkswirtschaftslehre lauten. Im Sommer dieses Jahres ist dieser Kuchen dann doch noch um 0,3 Prozent größer geworden.

Reales Bruttoinlandsprodukt: Schlechter Indikator für Wohlstandsgewinne und -verluste

Viele Konjunkturanalysten hatten eigentlich mit einem Rückgang des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) gerechnet. Die hohen Energiepreise hätten den privaten Konsum und die Industrieproduktion schrumpfen lassen sollen. Doch auch nach Abzug der hohen Preissteigerungen haben beide Komponenten des Bruttoinlandsprodukts wohl zulegen können. Scheinbar ist die deutsche Wirtschaft doch robuster als gedacht. Aber geht es uns deshalb wirklich besser, weil der Kuchen größer geworden ist? Haben wir mehr Einkommen in der Tasche als noch im Frühjahr? Und können wir Deutsche uns deshalb mehr leisten?

Stimme der Ökonomen

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BIP: Schlechter Indikator in Krisenzeiten

In Zeiten wie diesen ist die Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts nur ein schlechter Indikator für die Wohlstandsgewinne und -verluste der Deutschen. Zwar misst es die Veränderung des gesamten Wertes der in Deutschland erstellten Waren und Dienstleistungen (nach Abzug der für die Herstellung benötigten Vorleistungen) und damit, ob der Kuchen größer oder kleiner geworden ist. Und es zeigt auch an, ob die Einkommen der privaten Haushalte und der Unternehmer zu- oder abgenommen haben.

Allerdings lässt es unberücksichtigt, dass ein Teil der erwirtschafteten Einkommen zur Begleichung der stark gestiegenen Rechnung für importiertes Erdgas und Erdöl an das Ausland abfließt. Deutschland ist eine offene Volkswirtschaft und über vielerlei Beziehungen mit dem Rest der Welt verbunden. Die derzeitige Energiekrise wirkt sich auf Deutschland in besonderem Maße aus, da es Rohöl und Erdgas fast vollständig aus dem Ausland bezieht und Russland bis kurz vor Ausbruch des Krieges zu den wichtigsten Herkunftsländern zählte. Als Folge gesunkener Rohöl- und Erdgaslieferungen aus Russland sind die Preise dieser Energieträger und damit die deutsche Importrechnung kräftig gestiegen.

Zwar werden die höheren Preise für importierte Energie von den Unternehmen zumindest teilweise wieder an das Ausland überwälzt, was über den Verkauf von Exportgütern zusätzliches Einkommen im Inland schafft. Da Energie bislang allerdings nur einen kleinen Teil der Produktionskosten ausmacht, dürften die Exportpreise zunächst weit weniger zulegen als die Importpreise und sich damit die Terms of Trade, die die beiden Außenhandelspreise in Relation zueinander setzen, verschlechtern. Ein Gutteil der höheren Preise für importierte Energie dürfte daher von den heimischen Endverbrauchern zu tragen sein. Sie können sich von ihrem Einkommen weniger leisten und erleiden einen Realeinkommensverlust. Mit dem sogenannten Realwert des Bruttoinlandsprodukts steht ein alternatives Einkommensmaß zur Verfügung, das das reale Bruttoinlandsprodukt um die Terms-of-Trade-Veränderungen bereinigt.

Energiekrise führt zu Realeinkommensverlust in Deutschland

Der gegenwärtige Anstieg der Energiepreise setzte schon vor dem russischen Angriff auf die Ukraine ein. Ausgehend von außergewöhnlich niedrigen Notierungen für Erdgas und Erdöl während der Coronakrise im Jahr 2020 kam es bereits im vergangenen Jahr zu einer kräftigen Verteuerung importierter Energie. Die Verschlechterung der Terms of Trade ging mit einem Realeinkommensverlust im Inland in Höhe von 35 Milliarden Euro oder 1,0 Prozent des Bruttoinlandsprodukts einher. Entsprechend fiel die Erholung im Jahr nach der Coronakrise gemessen am Realwert des Bruttoinlandsprodukts mit 1,6 Prozent spürbar schwächer aus, als der Anstieg des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts um 2,6 Prozent es nahelegte.

Im März dieses Jahres beschleunigte sich der Preisauftrieb nochmals spürbar. Auch wenn zwischenzeitlich die Höchststände bei den Erdgas- und Erdölpreisen wohl überschritten sind und die Preise seit dem Sommer sinken, werden sie auf absehbare Zeit wohl kaum auf ihre Vorkrisenniveaus zurückkehren, da Russland als Energielieferant nicht mehr zur Verfügung stehen dürfte. In diesem Jahr dürfte sich daher die Diskrepanz zwischen beiden Messgrößen noch verstärken, da die Verschlechterung der Terms of Trade an Fahrt aufnimmt.

Während das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt nach der jüngsten Prognose der Gemeinschaftsdiagnose wohl noch um 1,4 Prozent steigt, dürfte die gesamtwirtschaftliche Kaufkraft, gemessen am Realwert des Bruttoinlandsprodukts, um 0,3 Prozent zurückgehen. Die Differenz entspricht einem Realeinkommensverlust in Höhe von 1,8 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt, oder 64 Mrd. Euro.

Mit der von der Gemeinschaftsdiagnose unterstellten allmählichen Stabilisierung der Energiepreise im kommenden Jahr werden auch die Realeinkommensverluste auslaufen. Die Wirtschaftsleistung dürfte im Vergleich zum Vorjahr sinken, sowohl gemessen am preisbereinigten Bruttoinlandsprodukt (−0,4 Prozent) als auch am Realwert des Bruttoinlandsprodukts (−0,7 Prozent). Sollte sich diese Projektion als richtig erweisen, ergäbe sich zusammengenommen durch die Energiekrise ein Realeinkommensverlust in den Jahren 2021 bis 2023 von rund 3 Prozent der in Deutschland erbrachten Wirtschaftsleistung. Nur während der zweiten Ölpreiskrise in den Jahren von 1979 bis 1981 fielen diese Verluste mit insgesamt 4 Prozent der Wirtschaftsleistung noch höher aus.

Der Kuchen ist kleiner als wir denken

Die Quantifizierung der Realeinkommensverluste an das Ausland ist wichtig bei allen Verteilungsdiskussionen. Sie stellen das Stück des in Deutschland erstellten gesamtwirtschaftlichen Kuchens dar, der ans Ausland abgegeben werden muss und eben nicht im Inland verteilt werden kann. So muss bei Lohnverhandlungen berücksichtigt werden, dass die hohen Preise für in Deutschland produzierte Waren und Dienstleistungen nicht Folge eines Booms sind, der die Gewinne der Unternehmen sprudeln lässt. Sie spiegeln vor allem die hohen Kosten wider, die für importierte Energie und Vorprodukte ans Ausland bezahlt werden müssen.

Das zwischen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen sowie Unternehmer und Unternehmerinnen zu verteilende Einkommen muss also um diese Realeinkommensverluste korrigiert werden. Staatliche Unterstützungsmaßnahmen können die Größe des Kuchenstücks nicht verändern. Sie können lediglich Einfluss nehmen auf den Anteil, den einzelne Bevölkerungsgruppen von ihrem individuellen Kuchen abgeben müssen. Und sie können das Kuchenstück über die Zeit hinweg auf zukünftige Generationen verschieben, wenn die Maßnahmen etwa durch Schulden oder weniger Investitionen finanziert werden. Solange Deutschland aber Energie aus dem Ausland importiert und der Preis dafür hoch bleibt, müssen wir einen Teil unserer Einkommen zur Begleichung der Importrechnung an das Ausland abführen. Der Kuchen ist eben kleiner als wir denken.

Zum Autor: Prof. Dr. Timo Wollmershäuser ist seit 2014 Leiter der Konjunkturforschung und -prognosen am ifo Institut in München. Neben der aktuellen konjunkturellen Entwicklung kommentiert er regelmäßig den ifo Geschäftsklimaindex. Er gilt als wichtigstes Konjunkturbarometer in Deutschland.

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