"Buchen Sie doch einen Flug"

- Berlin/München - Eine Zugfahrt von München nach Prag kann sechs Stunden dauern - oder fast zehn. Wer eine gute Verbindung erwischt, zahlt für eine einfache Fahrt weniger als 50 Euro - aber auch mehr als 100 Euro sind drin. Im Tarif-Dschungel der Deutschen Bahn kennt sich kaum noch jemand aus, nicht einmal die Bahnmitarbeiter selbst. Jeder dritte Kunde, der eine Zugfahrt ins Ausland buchen will, wird falsch beraten, hat der Verkehrsclub Deutschland (VCD) herausgefunden.

118,7 Millionen Menschen fuhren laut VCD im Jahr 2005 mit Fernverkehrszügen der Deutschen Bahn, davon 9,5 Millionen (acht Prozent) ins benachbarte Ausland. "Besonders bei der Verbindung München-Prag werden oft zu teure Verbindungen angeboten", berichtet Projektleiter Thomas Krautscheid. Oftmals werde nur der Normalpreis offeriert, obwohl es gerade für Prag spezielle Angebote gibt.

Ein Blick auf die Homepage der Deutschen Bahn würde genügen: 59 Euro kostet das Ticket "Prag Spezial", mit dem man im Bayern-Böhmen-Express ohne Umsteigen bis Prag und zurück fahren kann. Kinder bis 14 Jahre fahren umsonst mit. Auch die Tatsache, dass Reisende mit dem Bayern-Ticket oder dem Schönen-Wochenende-Ticket im Regionalexpress bis Pilsen fahren können und damit vor allem in der Gruppe weitaus günstiger wegkommen als mit dem regulären Tarif, werde oft nicht erwähnt, kritisiert Krautscheid.

"Zu vielfältig, zu komplex, zu unübersichtlich", nennt VCD-Chef Michael Gehrmann das Tarifsystem der Deutschen Bahn. Die Buchungssoftware enthalte nicht alle notwendigen Verknüpfungen, um eine optimale Beratung zu garantieren. Preisauskünfte für Auslandsanschlüsse seien oft schwer herauszufinden. Vor diesen Mängeln scheinen auch manche DB-Mitarbeiter zu kapitulieren. "Buchen Sie doch einen Flug", bekamen die Tester in zwei DB-Reisezentren zu hören, als sie eine Zugfahrkarte von Köln nach Marseille verlangten.

Doch bei anderen Bahnen in Europa sieht es laut Gehrmann kaum besser aus. "Dort sind die Preise auch nicht viel einfacher." Der Verkehrsclub Deutschland fordert deshalb ein transparentes Preissystem, das europaweit einheitliche Strukturen aufweist. In einem gemeinsamen Auskunfts- und Verkaufssystem sollten alle Fahrplandaten, Verbindungen und Preise enthalten sein, regt der VCD an. "Wenn die europäischen Eisenbahnunternehmen ernsthaft daran interessiert sind, einen attraktiven grenzüberschreitenden Verkehr anzubieten, müssen sie dafür gemeinsame Lösungen finden", sagt VCD-Bahnexpertin Heidi Tischmann. Die Deutsche Bahn will sich der Kritik stellen. "Wir nehmen den Test ernst und wir wissen, dass wir noch besser werden müssen", sagte ein Bahn-Sprecher. Die europäischen Bahnen müssten ihre Preissysteme besser abstimmen, gab der Sprecher zu.

Dabei schnitt die Bahn im Test des VCD in manchen Teilen gar nicht so schlecht ab. So bekamen die Mitarbeiter in den DB-Reisezentren in den Bereichen Engagement, Freundlichkeit und Sicherheit durchweg die Note "gut". Mitarbeiter in Reisebüros schnitten etwas schlechter ab. Die Beratungsdauer der Tester lag in DB-Reisezentren durchschnittlich bei knappen sieben Minuten, die Wartezeit betrug vier Minuten.

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