Die Bundesbank wird 50 Jahre alt: "Wir stolzieren nicht wie Dagobert Duck"

München - Sie gehört zum deutschen Wirtschaftswunder wie die D-Mark, der VW-Käfer und Ludwig Erhard: die Deutsche Bundesbank mit ihrer Zentrale in Frankfurt. Heute, am 1. August, feiert die seit der Euro-Einführung nicht mehr ganz so gewichtige Institution ihren 50. Geburtstag. Wir gratulierten ihrem Vizepräsident Franz-Christoph Zeitler und befragten ihn zur neuen Rolle der Deutschen Bundesbank.

Herr Professor Zeitler, seit der Euro-Einführung im Jahr 1999 gibt die Europäische Zentralbank (EZB) den geldpolitischen Ton im Euroraum und damit auch in Deutschland an. Wie wichtig ist da noch die Deutsche Bundesbank?

Früher hat die Bundesbank die Alleinverantwortung der Geldpolitik für die D-Mark innegehabt. Heute haben wir Mitverantwortung für die Stabilität des Euro. Man könnte es auch in der Sprache des Sports sagen: Früher waren wir der einzige Spieler auf einem kleinen Spielfeld. Heute sind wir Teil einer Mannschaft und das Spielfeld hat sich wesentlich vergrößert. Und es wird weiter wachsen, denn ab nächstem Januar wird es mit Malta und Zypern zwei neue Euro-Länder geben.

Böse Zungen sagen, die Bundesbank ist zum Erfüllungsgehilfen der EZB degradiert worden. War es für die stolzen Bundesbanker schwer, sich mit diesem Abstieg abzufinden?

Ein einiges Europa ist kein Abstieg, sondern ein Gewinn für alle. Wesentlich ist, dass die Stabilitätserfahrung und Stabilitätstradition der Mark auf das Eurosystem . . .

. . . das aus der EZB und den 13 nationalen Notenbanken der Euro-Länder besteht . . .

. . . übertragen werden konnten. Das ist nach wie vor ein wichtiger Beitrag, den die Bundesbank im Eurosystem leistet. Die Inflationsrate liegt seit Beginn des europäischen Währungssystems bei etwa zwei Prozent. Damit sind wir zwar nicht ganz zufrieden, denn das Eurosystem verfolgt das Ziel, eine Preisstabilität von nahe, aber unter zwei Prozent, zu erreichen. Aber im internationalen Vergleich kann sich die hohe Stabilität des Euro gut sehen lassen. Und sie hält auch jedem Vergleich mit der Stabilität der D-Mark stand.

Kritiker wie der Bund der Steuerzahler monieren, dass sich die Bundesbank angesichts ihrer geschrumpften Aufgaben noch immer einen zu großen Verwaltungsapparat leistet. Er fordert eine Verkleinerung der regionalen Verwaltungen und eine Beschleunigung des Stellenabbaus. Lebt die Bundesbank auf zu großem Fuß?

Zunächst muss man wissen, dass sich unsere operativen Aufgaben mit der Einführung des Euro unterm Strich nicht geändert haben. Wir setzen auch in der Währungsunion die geldpolitischen Beschlüsse um und versorgen Kreditinstitute über Refinanzierungsgeschäfte mit Geld. Es ist nach wie vor unsere Aufgabe, fälschungssicheres Bargeld in den Umlauf zu bringen, bei der Bankenaufsicht mitzuwirken und eine funktionierende Infrastruktur für den unbaren Zahlungsverkehr zu unterhalten. Dennoch hat die Bundesbank in den vergangenen Jahren eine Verschlankungskur durchgemacht . . .

. . . Es wurde ein Drittel der Stellen auf jetzt noch etwa 11 000 abgebaut.

Richtig. Bis 2012 soll die Zahl sogar auf 9000 sinken. Darüber hinaus haben wir die Zahl der Filialen von 120 deutlich reduziert. Ende des Jahres werden es noch 47 sein. Es dürfte kaum öffentliche Institutionen geben, die eine ähnliche Umstrukturierung durchgeführt haben.

Die britische Premierministerin Margret Thatcher hat 1993 einmal gesagt: "Wenn ich Deutsche wäre, würde ich die Bundesbank und die D-Mark auf alle Fälle behalten." Glauben Sie, Frau Thatcher ist heute noch dieser Meinung?

Das Eurosystem hat die Preisstabilität des Euro seit dem Jahr 1999 erfolgreich gewährleistet. Gleichzeitig hat der Euro für Wechselkurssicherheit innerhalb des Euroraums gesorgt, von der vor allem die deutsche Wirtschaft profitiert hat, die über 40 Prozent ihrer Ausfuhren in die Euroländer liefert. Die Stabilitätserfahrungen der D-Mark sind auch im Euro gut aufgehoben. Der aktuelle Erfolg darf aber nicht zu Selbstzufriedenheit führen, sondern ist Herausforderung und Verpflichtung für die Zukunft.

Die Unabhängigkeit der Bundesbank galt seit jeher als ein Grund für die Preisstabilität der D-Mark. Auch heute noch ist Ihre Institution nahezu unantastbar. Das lässt sich regelmäßig beobachten, wenn Ihnen Politiker wie einst Hans Eichel an die Goldreserven gehen wollen, die Sie verwalten. Wie fühlt es sich an, wenn man die Begehrlichkeiten der Politik so einfach abblocken kann?

Die Unabhängigkeit ist keine Frage des Selbstwertgefühls der Zentralbanker. Es geht um Verantwortung für die Stabilität. Internationale Untersuchungen haben gezeigt, dass die Preisstabilität in engem Zusammenhang mit dem Grad an Unabhängigkeit einer Zentralbank steht. Die Unabhängigkeit ist also im Interesse niedriger Inflationsraten zu gewährleisten; dies dient auch dem sozialen Ausgleich und der Gerechtigkeit zwischen den Generationen. Nur bei dauerhafter Preisniveaustabilität können die Bürger im Alter von den Früchten ihrer Arbeit, die sie ansparten, leben.

Apropos Goldvorräte: Knapp 3500 Tonnen besitzt die Bundesbank noch, die in Tresoren in Frankfurt und New York lagern. Wie oft gönnen Sie sich als Vizepräsident einen Blick auf die Pracht?

Nicht dass man als Bundesbank-Vorstand herumstolziert wie Dagobert Duck. Aber ich habe mir von Zeit zu Zeit einen persönlichen Eindruck von den Goldbeständen an den verschiedenen Standorten verschafft.

Und, wie sieht's da aus?

Das Gold wird gestapelt in Form von Barren und Ziegeln in hohen Regalen aufbewahrt. Insgesamt sehen diese Goldbestände in der Praxis unspektakulärer und nüchterner aus, als man sich das vielleicht vorstellt.

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