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Spricht im Merkur-Interview über die Rentenenwicklung: Herbert Rische, Chef der Deutschen Rentenversicherung.

Chef der Rentenversicherung: Rente kann ab 2015 steigen

München - Viele Rentner ärgern sich über die geringe Erhöhung ihrer Bezüge in diesem Jahr. Über die Gründe, die Angst vor Altersarmut und die Aussichten sprachen wir mit Herbert Rische, Präsident der Deutschen Rentenversicherung Bund.

Die Wirtschaft wächst, die Renten steigen zum 1. Juli jedoch gerade mal um knapp ein Prozent. Werden die Rentner vom Aufschwung abgekoppelt?

Wenn wir bei der Rentenanpassung ausschließlich die Lohnentwicklung berücksichtigt hätten, würden die Renten in diesem Jahr um gut zwei Prozent steigen. Es gibt allerdings nur eine Anhebung um ein Prozent, weil wir „Wohltaten aus der Vergangenheit“ ausgleichen müssen.

Zum Beispiel die Rentengarantie.

Ja, dazu gehört die Rentengarantie, die verhindert hat, dass die Altersbezüge sinken. Die Regierung hat in den Jahren 2008 und 2009 aber auch den Riester-Faktor ausgesetzt, um stärkere Rentenanhebungen zu ermöglichen. Das Gesetz sieht vor, dass die ausgebliebenen Kürzungen nachgeholt werden. Deshalb steigen die Renten jetzt weniger stark als die Löhne.

Die Inflation liegt derzeit bei 2,4 Prozent - viele Ruheständler haben Angst, dass die Teuerungsrate ihre Renten immer weiter auffrisst.

Hier muss man sehen, dass die Inflation auch die Einkommen der Arbeitnehmer trifft. Wenn wir unsere Prognosen anschauen, braucht aber niemand Angst haben. Es gab gerade erst eine neue Renditerechnung, die auch von der Stiftung Warentest bestätigt wird. Danach bietet die gesetzliche Rentenversicherung auch langfristig positive Renditen.

Konkret: Wie hoch sind die Renditen?

Für die heute Jüngeren liegt die Rendite bei knapp drei Prozent für Männer und bei über drei Prozent für Frauen und verheiratete Männer. Bei den Jahrgängen, die jetzt in Rente gehen, kommen wir auf eine Rendite von drei bis vier Prozent.

Wann sind wieder stärkere Renten-Anhebungen in Sicht?

Nach unserer Prognose ist der Ausgleichsbedarf wegen unterbliebener Kürzungen im Jahr 2015 abgearbeitet. Dann orientieren sich die Rentenanpassungen wieder stärker an den Löhnen. Und das heißt: Es ist dann auch wieder ein kräftigeres Rentenplus möglich.

Bis dahin drohen also Mini-Anhebungen?

Das denke ich nicht. Ich bin optimistisch, was die wirtschaftliche Entwicklung betrifft. Aber es gibt natürlich Unsicherheitsfaktoren wie etwa die Schuldenkrise.

Die Hartz-IV-Sätze sind künftig an die Inflation gekoppelt. Droht nicht eine gefährliche Neid-Debatte?

Wenn Hartz-IV-Empfänger künftig eine stärkere Anhebung bekommen als Rentner, dann gibt es sicher schwierige Diskussionen. Die letzten Jahrzehnte haben aber gezeigt, dass die Rentner deutlich schlechter gefahren wären, wenn sich die Altersbezüge an der Inflation orientiert hätten. Die Koppelung an die Lohnentwicklung hat sich also für die Rentner ausgezahlt.

Die Durchschnittsrente liegt in Bayern für Männer bei 990 Euro im Monat, bei Frauen sind es nur 690 Euro. Droht eine wachsende Altersarmut?

Mit den Reformen der letzten Jahre hat die Politik versucht, die Rente demografiefest zu machen. Das ging nicht ohne Einschnitte: Die Beiträge wurden angehoben und das Rentenniveau gesenkt.

Waren die Einschnitte zu stark?

Ich mache mir vor allem Sorgen über die künftigen Rentnergenerationen. Man muss hier aber zwischen verschiedenen Personengruppen unterscheiden. Stichwort Niedriglohnsektor: Wenn das Gehalt kaum zum Leben ausreicht, dann bleibt auch nichts übrig für die Altersvorsorge. Dann ist Altersarmut programmiert.

Neben dem Niedriglohnsektor - wer ist noch betroffen?

Altersarmut droht auch bei kleinen Selbstständigen. Hier müssen wir mit flexiblen Angeboten gegensteuern. Ich finde es zynisch, einfach zu sagen, die Selbstständigen sollen sich privat absichern. Deutschland ist in Europa das einzige Land, in dem die Selbstständigen nicht in eine Pflichtversicherung einzahlen.

Ist dies ein Auftrag an die Regierung?

Es ist nicht meine Aufgabe, der Regierung Aufträge zu erteilen. Wir können Diagnosen stellen. Welche Schlüsse man daraus zieht, muss die Regierung entscheiden.

Sozialverbände warnen: Auch Hartz-IV-Empfängern droht Altersarmut.

Das ist richtig. Wenn jemand lange arbeitslos ist, dann wird er wohl künftig nur eine Mini-Rente bekommen.

Das heißt: Die Abschaffung des Rentenzuschusses für Hartz-IV-Empfänger war ein Fehler?

Meiner Meinung nach war es zumindest nicht der richtige Weg. Ich hatte hier in der Vergangenheit eine Anhebung der Beiträge angeregt, um gerade bei diesem Personenkreis eine bessere Absicherung zu erreichen.

Die Rücklagen der Rentenversicherung wachsen. Wann könnten die Rentenbeiträge sinken?

Ich denke, in den nächsten zwei Jahren ist eine Beitragssenkung realistisch. Wann genau, kann ich noch nicht sagen.

Zuletzt gab es Wirbel um die Riester-Förderung, weil tausende Sparer ihre Zulagen zurückzahlen sollten. Sind die Regelungen zu kompliziert?

Die Riester-Förderung ist nicht zu kompliziert. Das Problem ist: Diejenigen, die den Sparern die Regelungen erklären sollten, haben sie nicht ausreichend erklärt.

Die Anbieter von Riester-Verträgen haben also versäumt, ihre Kunden rechtzeitig zu informieren.

Die Anbieter haben die Pflicht, ihre Kunden zu beraten. Die Zulagenstelle teilt den Anbietern mit, wenn die Prüfung ergeben hat, dass die Voraussetzungen für die Zulagen nicht erfüllt wurden. Das geht immer nur rückwirkend. Die Anbieter können die Kunden aber dann informieren, damit dies nicht erneut vorkommt. Die Anbieter müssen die Verbraucher aber auch besser darüber informieren, unter welchen Voraussetzungen die Zulagen zurückgefordert werden müssen.

Stichwort Sozialwahl: In wenigen Worten zusammengefasst - warum soll ich meine Stimme abgeben?

Eine Gegenfrage: Warum soll ich von meinem demokratischen Recht mitzubestimmen nicht Gebrauch machen? Im Streit um den Neubau des Bahnhofs Stuttgart 21 wurde mehr Mitbestimmung für die Bürger gefordert. Jetzt gibt es die Möglichkeit, über die künftige Zusammensetzung der Selbstverwaltung zu bestimmen. Dann sollte man sie auch wahrnehmen.

Was sind die Vorteile der Selbstverwaltung?

Die Selbstverwaltung bei der Rentenversicherung stellt rund 2600 ehrenamtliche Versicherungsberater. Sie sind auch am Feierabend und am Wochenende unterwegs. Die Selbstverwaltung entscheidet zudem über Widersprüche etwa gegen Rentenbescheide. Ich möchte aber auch nicht auf die Arbeitgeber in der Selbstverwaltung verzichten. Sie setzen sich dafür ein, dass die Verwaltungskosten niedrig bleiben; sie liegen heute gerade mal bei 1,4 Prozent der Ausgaben. Auch gibt die Selbstverwaltung der Rentenversicherung erst eine Stimme, die sich für die Interessen der Beitragszahler und Rentner einsetzen kann.

Kritiker klagen: Die Sozialwahl kostet viel Geld und bringt wenig.

Die Kosten liegen bei etwa einem Euro pro Versicherten, und das alle sechs Jahre. Das sollte uns Demokratie wert sein.

Interview: Steffen Habit

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