Inflation

„Wir brauchen keine Krisenpolitik mehr“

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Erstmals seit mehr als vier Jahren knackt die Inflation in Deutschland die Zwei-Prozent-Marke. Der Chefvolkswirt der Allianz, Michael Heise, sieht jetzt die Zeit für die EZB gekommen, schrittweise aus der Politik des billigen Geldes auszusteigen.

Ein kräftiger Sprung der Energiepreise hat die Inflation in Deutschland im Februar angeheizt und auf den höchsten Stand seit viereinhalb Jahren getrieben. Die Verbraucherpreise stiegen im Vergleich zum Vorjahr um 2,2 Prozent, wie das Statistische Bundesamt gestern anhand vorläufiger Zahlen mitteilte.

Damit wächst der Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB). Die EZB sieht die Preisstabilität bei einer Inflation von knapp zwei Prozent im Euroraum gewahrt. Weil sie dieses Ziel seit Jahren verfehlt, versucht sie mit billigem Geld nachzuhelfen. Wir sprachen mit Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise darüber, ob das noch angemessen ist.

Sparern geht es jetzt richtig an den Kragen: Durch die anziehende Inflation wird das Geld auf dem Konto faktisch entwertet, die negativen Realzinsen steigen. Muss EZB-Chef Mario Draghi jetzt die Zinswende einleiten?

Die Belastung für Sparer ist natürlich enorm. Durch die Wiederkehr der Inflation ist jetzt ein realer Vermögensverlust gegeben. Das hat nicht die erwünschte Wirkung, dass die Haushalte mehr konsumieren. Viele werden stattdessen versuchen, ihre Vermögenssituation durch noch höhere Ersparnisse zu verbessern. Trotzdem werden wir als Reaktion auf die Inflationszahlen auch höhere Kapitalmarktzinsen beobachten – und die brauchen wir auch: Die Vermögensziele der Menschen, sei es die Altersvorsorge oder größere Anschaffungen in der Zukunft, dürfen nicht außer Reichweite gelangen.

Dass der Marktzins steigen könnte, ist das eine. Aber sollte die EZB diesen Prozess mit einem Anheben des Leitzinses nicht beschleunigen?

Die EZB sollte zumindest den Einlagesatz für Banken im März in Richtung Null führen – derzeit liegt er noch bei minus 0,4 Prozent. Das wäre eine unmittelbare Maßnahme, die den Druck auf die Banken reduzieren würde – und die Maßnahme hätte keine negativen Konsequenzen. Auch das Anleihenkaufprogramm sollte die EZB nach den überraschend hohen Inflationszahlen reduzieren und schneller beenden als angekündigt.

Am Leitzins soll sie nicht rütteln?

Die EZB hat die Märkte darauf eingestellt, dass die gegenwärtige Geldpolitik noch lange anhalten wird. Jetzt das Ruder herumzuwerfen, würde zu Verlusten an den Märkten führen. Die Aktien wurden recht lange von der superniedrigen Zinsfantasie getragen. Eine heftige Reaktion der EZB würde einen Schock auslösen.

Aber unter Zugzwang steht die EZB: Ihr Ziel lautet zwei Prozent Inflation.

Die 2,2 Prozent Inflation bestätigen, dass es jetzt keinen Grund mehr für eine ultra-expansive Geldpolitik gibt. Ich habe Verständnis dafür, dass die Zentralbank weiterhin einen Wachstumsimpuls geben will – aber wir brauchen keine Krisenpolitik mehr, der Strafzins für Banken und die Kaufprogramme sind jetzt nicht mehr begründbar. Im EZB-Rat werden sie sich jetzt darüber den Kopf zerbrechen müssen, wie sie ohne Turbulenzen aus der expansiven Politik wieder herauskommen. Die Kritiker hatten gewarnt: Je länger man an der Politik des billigen Geldes festhält, desto eher schwingen sich die Märkte darauf ein – und umso schwieriger wird der Aussieg.

Draghi wirft den Euro-Staaten vor, sie würden die Zeit der niedrigen Zinsen nicht nutzen, um für ausreichend Wachstum zu sorgen. Hat er Recht?

Ja und Nein. Die Beobachtung ist richtig: Die Staaten haben die gekaufte Zeit nicht genutzt – im Gegenteil – in den letzten zwei Jahren, in denen sich die Konjunktur stabilisiert hat und die Staatsfinanzierung durch das Kaufprogramm der EZB immer günstiger wurde, ist nicht viel passiert. Aber die Klage darüber führt in die Irre. Es war nicht zu erwarten, dass die Staaten viel machen würden. Durch ihre Politik hat die EZB den Ländern ja den Handlungsdruck überhaupt erst genommen.

Heißt das, die EZB-Politik ist gescheitert?

Nicht komplett. Gescheitert ist das Modell, sich mit den Anleihenprogrammen Zeit zu kaufen. Aber nach der Finanzkrise hat die EZB sehr konsequent und entschlossen reagiert und eine noch tiefere Rezession verhindert. Auch in der Euro-Krise hat sie viel zur Stabilisierung der Lage beigetragen. Das war richtig.

Mit welchen Inflationsraten rechnen Sie in den kommenden Monaten?

Die Inflation wird wieder etwas zurückgehen, sofern der Ölpreis stabil bleibt und der Euro nicht absackt. Noch haben wir keinen alarmierenden Inflationsprozess. Das ist auch gut so: Dann hat die EZB die Möglichkeit, auf einen Normalisierungskurs einzuschwenken – und den privaten Haushalten geht nicht noch mehr Kaufkraft verloren.

Wie hoch schätzen Sie den Kaufkraftverlust 2017?

Vergangenes Jahr hatten wir im Schnitt eine Inflation von 0,5 Prozent, der durchschnittliche langfristige Zins auf Bundesanleihen lag bei 0,3 Prozent – also war der Realzins nur leicht im Minus. Jetzt gehen wir tief ins Minus: Wir rechnen 2017 im Schnitt mit 0,5 Prozent bei den zehnjährigen Bundesanleihen, die Inflation dürfte im Jahresschnitt aber bei 1,8 Prozent liegen. Das führt zu einem negativen Realzins – also einem Verlust der Kaufkraft – in Höhe von minus 1,3 Prozent.

Interview: Sebastian Hölzle

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