+
Eine der wichtigsten Adressen der deutschen Ökonomie: Das Ifo-Institut hatte deutlich an Bedeutung verloren, als Hans-Werner Sinn dessen Leitung vor 17 Jahren übernahm und es wieder nach vorne brachte.

Wirtschaftsforschung

Chefwechsel bei ifo: Fuest wird der neue Sinn

  • schließen

München - Der Ökonom Clemens Fuest tritt die Nachfolge von Hans-Werner Sinn am Ifo-Institut an. Zu erwarten sind Änderungen vor allem im Stil, weniger bei den Inhalten.

Auftritt Clemens Fuest. Alle Köpfe drehen sich zu ihm. Er aber geht nicht nach vorne, dorthin, wo man den Professor erwartet. Er setzt sich an den U-förmigen Tisch in die Runde der zehn Studenten, schlägt das rechte Bein über’s linke und sagt eine Viertelstunde erst einmal gar nichts. Die Leitung des Seminars überlässt er seinem Mitarbeiter, der neben ihm sitzt.

Hier am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim bietet Präsident Fuest seinen Studenten einen erstklassigen Kurs. Gerade referiert eine junge Französin auf Englisch, ob Staaten qualifizierte Einwanderer anlocken können, indem sie die Einkommenssteuer auf hohe Verdienste reduzieren. Die zehn Jungökonomen auf dem Weg zum Master-Abschluss stellen jeweils ein eigenes wissenschaftliches Papier vor, welches das Seminar dann diskutiert.

Fuest gibt nicht den Chef. Auf die Krawatte hat er verzichtet. Er kommt mit offenem Hemdkragen. Er ist 48 Jahre alt, sein schon leicht schütteres Haupthaar schimmert rötlich. Wenn er in die Diskussion eingreift, tut er es in einer Art lauten Denkens. Er wägt Pro- und Contra-Argumente ab. In seiner Stimme liegt ein weicher Ton. Der Ökonom lehrt hier Wirtschaftswissenschaft als Politikberatung. Bisher. Am 1. April wird er als Nachfolger von Hans-Werner Sinn Präsident des Münchner Ifo-Instituts. Gleichzeitig übernimmt er von Sinn den Lehrstuhl für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität, die Leitung des Center for Economic Studies (CES) und die und die Geschäftsführung der CESifo GmbH.

„Clemens ist ein hervorragender und äußerst erfolgreicher Volkswirt“, sagt Sinn. „Ich kann mir niemanden vorstellen, der besser auf diese Stelle passen würde.“ Diesen Donnerstag scheidet Sinn nach 17 Jahren an der Spitze des Instituts aus. Er behält aber ein kleines Büro am ifo. „Ich freue mich auf ein lebenslanges Freisemester, in dem ich forschen kann, wie’s mir grad gefällt“, beschreibt er seine künftige Rolle. Und: „Ich fühle mich wie ein Wanderer, der an der Herberge angekommen ist und seinen Rucksack abstellt.“

Doch was wird sich am Ifo-Institut ändern? Sinn wurde von der FAZ 2014 als „einflussreichster Ökonomen Deutschlands“ eingestuft. Fuest folgt auf dem fünften Platz. Unter anderem wegen seiner Aufgabe als Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats beim Bundesfinanzministerium (2007 bis 2010) wurde er schon bisher häufig zitiert. Seine öffentliche Präsenz könnte aber bald noch zunehmen. Sinn hat mit zum Teil auch polarisierenden Auftritten und Schriften die ökonomische Debatte in Deutschland in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit bestimmt. Das wird nun wohl auch vom Nachfolger erwartet.

Aber Fuest ist nicht gleich Sinn. Dessen öffentlich geäußerte Thesen brachten ihm eine breite Anhängerschaft ein – aber auch entschiedene Gegner. Mal bezeichnete Sinn Deutschland als „Basarökonomie“ – als wirtschaftlichen Scheinriesen kurz vor dem Zusammenbruch. War das ein Warnschuss, der Korrekturen voranbrachte, oder eine Fehldiagnose? Man kann darüber streiten. Sinn warf der Europäischen Zentralbank vor, Südeuropa mit hunderten Milliarden Euro durchzufüttern.

„Fuest ist kein Ideologe“, sagt Gustav Horn, Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie, einer der profiliertesten Gegenspieler Sinns. Diese Einschätzung mag erstaunen. Schließlich scheut sich auch jener nicht vor kontroversen Positionen. Soll Griechenland im Euro bleiben? „Wenn die griechische Regierung so weitermacht“, sei der Austritt „unausweichlich“, antwortet Fuest Anfang 2015 auf eine Interviewfrage. Ein höherer Mindestlohn für die griechischen Arbeitnehmer? Fuest: „Nein, die Produktivität der griechischen Arbeitnehmer ist so niedrig, dass der Mindestlohn sinken müsste.“

Also doch wieder ein harter Hund, der auf Sinn in München folgt? So schlicht ist es nicht. Fuest nimmt klar Stellung. Er wirkt dabei aber differenzierter und durchaus Euro-freundlicher. Als das Bundesverfassungsgericht 2012 über den neuen Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) verhandelte, unterstützte Clemens Fuest die Bundesregierung. Sinn dagegen lehnte die ESM-Kredite ab.

Fuests proeuropäische Position wird auch deutlich, als er mit Kollegen im Juli 2015 das Papier „Skizze für eine europäische Fiskalunion“ veröffentlichte. Darin machten die Autoren unter anderem den Vorschlag, eine gemeinsame Arbeitslosenversicherung der Euro-Staaten zu gründen: Die Arbeitnehmer der einzelnen Länder sollen Geld in einen gemeinsamen Topf einzahlen, um die Beschäftigten eines notleidenden Mitglieds im Falle eines schweren wirtschaftlichen Schocks zu unterstützen. „Eine gute Idee, die nicht von Hans-Werner Sinn gekommen ist“, urteilt Ökonom Horn.

„Fuest versteht sich als Nachdenkender“, sagt sein Freund Johannes Becker, Wirtschaftsprofessor an der Uni Münster, „unterschiedliche Ansätze präsentiert er zunächst nebeneinander“. Er kennt Fuest seit 2002 und promovierte bei ihm. Wie aber kann man Fuests Standpunkt umreißen?

Becker bezeichnet Fuest als „pragmatischen Ordoliberalen“. Das heißt: In der Tradition der Freiburger Ökonomen-Schule hält dieser den Markt für einen effizienten Regelungsmechanismus. Fuest betont aber, „dass der Markt auch versagen kann“. Unter anderem für solche Fälle brauche man den Staat, der einen gesetzlichen und institutionellen Rahmen setzt.

Er selbst sieht sich als Vertreter der „Wohlfahrtsökonomik“, erklärt er. Dabei geht es darum, mit unterschiedlichen ökonomischen und politischen Instrumenten einem Zustand nahezukommen, den möglichst viele Bürger als gut betrachten. Das heißt konkret? Beispielsweise die zunehmend polarisierte Verteilung von Einkommen und Vermögen in Deutschland hält Fuest für „kein prioritäres Problem“. Eine stark eingreifende zusätzliche Verteilungspolitik sei nicht nötig. Ausnahme: Die hiesigen Steuern auf Immobilien könnte man etwas erhöhen. „Grundsätzlich soll der Staat aber kein Ziel für die Vermögensverteilung verfolgen.“ Der Markt darf entscheiden – solange die Ärmsten der Gesellschaft menschenwürdig leben könnten, und das sei ja der Fall, so Clemens Fuest.

Und zum ifo-Institut? „Ich freue mich riesig auf diese großartige Aufgabe“, sagt Fuest. „Das ifo ist sehr gut aufgestellt. Ich bin sehr gespannt darauf, die Kollegen besser kennen zu lernen.“

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

EZB zuversichtlich - Billiggeld bald auf dem Rückzug?
Viele Experten rätseln, warum die Inflation in etlichen Ländern Europas niedrig bleibt. Die Europäische Zentralbank erwartet, dass das viele Notenbankgeld in einiger …
EZB zuversichtlich - Billiggeld bald auf dem Rückzug?
Dax verliert: Sorgen vor strafferer Geldpolitik der EZB
Frankfurt/Main (dpa) - Sorgen um eine mögliche Verschärfung der Geldpolitik haben den deutschen Aktienmarkt belastet. Damit büßte der Dax seine zu Wochenbeginn erzielten …
Dax verliert: Sorgen vor strafferer Geldpolitik der EZB
Koalition einig über Stromnetz-Abgaben - Anpassung ab 2019
Die Finanzierung der Stromnetze soll auf alle Schultern fair verteilt werden - so haben es die Noch-Koalitionäre den Ost- und Nordländern zugesagt. Nach langem …
Koalition einig über Stromnetz-Abgaben - Anpassung ab 2019
EU verhängt Rekordstrafe in Milliardenhöhe gegen Google
Wenn man bei Google nach einem Produkt sucht, werden prominent Kaufangebote mit Fotos und Preisen angezeigt. Die EU-Kommission brummte dem Internet-Konzern eine …
EU verhängt Rekordstrafe in Milliardenhöhe gegen Google

Kommentare